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Mohssen Massarrat
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Weitere Texte von Mohssen Massarrat

 

Interview mit Mohssen Massarrat über die Machtverhältnisse im Iran, angesichts der Parlamentswahlen am 14.03.08
Neue Luzerner Zeitung
, 14. 03. 2008

 

Wütende Iraner haben im vergangenen Sommer wegen der steigenden Benzinpreise Tankstellen angezündet, die Tage von Präsident Machmud Achmadi-Nedschad schienen gezählt. Und heute?

Mohssen Massarrat: Auch damals waren die Tage von Achmadi-Nedschad meines Erachtens nicht gezählt. Die Proteste waren vielmehr eine spontane Reaktion, von denen es zahlreiche gab. Viele Iraner sind mit der Politik des Präsidenten unzufrieden.

Was bedeutet das für die Parlamentswahlen morgen?

Massarrat: Leider nicht viel. Diese Wahlen können auf keinen Fall als frei bezeichnet werden. Eine beträchtliche Zahl von Oppositionspolitikern sind ausgeschlossen worden, und zwar nicht jene, die gegen das System sind, sondern die, welche auf der Basis der Verfassung der Islamischen Republik kandidieren wollten. Das heisst, dass der Protest der Unzufriedenen überhaupt nicht an den Wahlen zum Ausdruck kommt.

Sind das die 3000 Kandidaten, welche vom konservativen Wächterrat abgelehnt wurden?

Massarrat: Das sind Mitglieder der Oppositionsparteien, welche sich in irgendeiner Form kritisch über die Politik der derzeitigen Regierung geäussert haben. Es kann zum Beispiel sein, dass jemand irgendwann die Aussenpolitik Achmadi-Nedschads oder dessen Art und Weise, wie er mit den Einnahmen aus dem Ölexport umgeht, kritisiert hat.

Auch Achmadi-Nedschad steht in einem Machtkampf mit dem Wächterrat und dem Revolutionsführer Ajatollah Chamenei. Auf welche Machtbasis kann er sich stützen?

Massarrat: Achmadi-Nedschad ist ein Populist mit seiner eigenen Machtbasis im militärischen und paramilitärischen Apparat und unter den 1 bis 2 Millionen Iranern, welche im Krieg gegen den Irak gekämpft haben. Sie sind nun dabei einen massiven Teil der steigenden Öleinnahmen für sich abzuzweigen. Sie nehmen ihre Interessen im politischen System ganz offensiv wahr und haben in Achmadi-Nedschad einen Mann, der in der Lage ist, ihre wirtschaftlichen Interessen direkt zu unterstützen. So hat Achmadi-Nedschad nebst der formalen Macht als Präsident eine Basis, die alle anderen Verfassungsorgane zu achten pflegen. Wahrscheinlich wird nach den Wahlen ein grosser Teil der Parlamentarier aus dem militärischen Machtapparat stammen. Das System wird also schleichend militarisiert, und dafür steht Achmadi-Nedschad.

Was bedeutet dies für die Beziehung des Irans zum Westen?

Massarrat: Der Iran bewegt sich leider in einem falschen Fahrwasser, was die USA dazu nutzen könnten, Irans Gegner im Nahen Osten weiter zu bewaffnen. Iran hat bereits bisher als Feindbild gedient, welches es den USA erlaubten, für 50 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007 Waffen in die Region zu verkaufen. Damit steigt auch die Gefahr eines Krieges.

Wo liegt der mögliche Kompromiss zwischen dem Iran und dem Westen?

Massarrat: Ein Kompromiss zwischen den kriegtreiberischen Kräften sowohl auf Seiten der USA und Israels wie auch auf Seiten der islamisch-arabischen Staaten im Mittleren und Nahen Osten ist nicht möglich. Aber deren unheilige Allianz kann durch eine Koalition der Vernunft durchbrochen werden. Dafür muss sich Europa mit Reformbewegungen im Nahen Osten verbünden und eine starke Rolle spielen. Es braucht für den ganzen Mittleren und Nahen Osten ein zusammen hängendes Friedens- und Sicherheitskonzept. Leider wird noch zu wenig in diese Richtung gedacht.

Zurück zu den Wahlen: Steht Revolutionsführer Chamenei hinter Achmadi-Nedschads Politik?

Massarrat: Teilweise. Der Revolutionsführer pflegt in der Art Napoleon Bonapartes seine eigene Position zu stärken: Er verbündet sich mit denen, mit welchen er sich nicht anlegen darf.

Sie haben Achmadi-Nedschads Macht vor allem mit seinem militärischen Einfluss und der Verteilung der Ölgelder begründet. Wie steht es mit den Werten der islamischen Revolution?

Massarrat: Die Werte der Revolution sind in den Hintergrund geraten. Das liegt am zunehmenden Einfluss der Technokraten und der rein machtorientierten Generation, die jetzt 50 bis 60 Jahre alt ist. Diese benutzen aber die Ideale der Revolution zur Rechtfertigung ihres Handelns, was ganz besonders für Achmadi-Nedschad gilt.

Die Iraner haben deswegen aber wohl kaum grössere persönliche Freiheiten.

Massarrat: Wenn es persönliche Freiheiten gibt im Iran, dann vor allem, weil die iranische Gesellschaft inzwischen stark pluralistisch geworden ist. Das System kontrolliert zwar die Freiheiten sehr stark, aber unterhalb einer gewissen, sehr wohl niedrigen Schwelle haben sich die Menschen eine ganze Reihe von Freiheiten erkämpft.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Massarrat: Die Frauen haben die Aktion eine Million Unterschriften für mehr Freiheit, Gleichberechtigung und neue Parlamentsgesetze gestartet. Das ist ein Beispiel für den Handlungsspielraum, Initiativen zu ergreifen. Ob diese dann vom Parlament übernommen werden, ist eine andere Frage.

Heisst das, dass es den Iranern unter Achmadi-Nedschad besser geht?

Massarrat: Insgesamt muss man sagen, dass von den Erdölmilliarden auch etwas für die Masse der Bevölkerung übrig bleibt. Es geht einigen besser, die direkt von den Ausgaben des Präsidenten profitieren - seine Anhänger, vor allem in der Provinz. Aber durch die unbedachte Ausgabenpolitik hat Achmadi-Nedschad gleichzeitig eine starke Inflation im Land hervorgerufen. Im Iran sind die Armen ärmer geworden, die Reichen aber reicher.

Wird sich Achmadi-Nedschad also nächstes Jahr bei den Präsidentschaftswahlen halten können?

Massarrat: Es hängt ganz davon ab, wie stark die Parlamentswahlen legitimiert werden. Ich gehe davon aus, dass die Wahlbeteiligung enorm abnehmen wird und das Regime versucht sein wird, die Wahlen zu fälschen, um die Wahlbeteiligung nach aussen höher aussehen zu lassen. Aber insgesamt kann man davon ausgehen, dass die Unzufriedenheit der Mehrheit der Menschen, vor allem im Reformlager, zunimmt. Dies könnte ungeachtet des Ausgangs der Wahlen eine neue Bewegung ermöglichen, welche die Macht des Präsidenten gefährden würde. Es ist auch durchaus möglich, dass der Revolutionsführer seine eigene Position durch Achmadi-Nedschad gefährdet sieht und dann andere Allianzen sucht. Dies alles wird sich aber im Rahmen des islamischen Systems abspielen. Von aussen kann ich mir kaum vorstellen, dass laizistische Kräfte das System überhaupt gefährden könnten.

 

Das Interview wurde geführt von Fabian Fellmann

 

Mohssen Massarrat (65) ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft, Nah- und Mittelostexperte an der Universität Osnabrück. Er wuchs im Iran auf und wanderte 1961 nach Deutschland aus.

 

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