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Texte von Shraga Elam

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Cash; 1997-08-15; Seite 1; Nummer 33
CASH Die Wirtschaftszeitung der Schweiz

Jüdisches Hilfswerk kommt unter Beschuss
Die Hilfsorganisation «Joint» verschleppt die Auszahlung nachrichtenloser Vermögen

Wie die Schweizer Banken hat nun auch das renommierte jüdisch-amerikanische Hilfswerk American Jewish Joint Distribution Committee eine Untersuchungskommission eingesetzt. Wie die Volcker-Kommission muss sie abklären, was mit den nachrichtenlosen Vermögen von Shoa-Opfern geschehen ist. Der Verdacht drängt sich auf: Ein Teil der Gelder von Nazi- Opfern, die man in der Schweiz vermutet, befindet sich immer noch in jüdischen Händen.

Shraga Elam

Die Affäre um die «nachrichtenlosen Vermögen» bekommt eine überraschende Wende. Am vergangenen Freitag hat die Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee (JDC), genannt Joint, mitgeteilt, dass eine Untersuchungskommission unter der Leitung des Shoa-Experten Yitzchak Arad eingesetzt werde. Sie soll abklären, was mit den Geldern geschehen ist, die Juden dem Joint anvertraut haben. Das 1914 gegründete Hilfswerk hat in der Zeit des Nazi-Terrors eine zentrale Rolle zur Rettung bedrohter Juden gespielt und dafür ein weit verzweigtes Finanzierungsnetz aufgebaut.

Nun aber hat das Joint das gleiche Problem wie die Schweizer Banken. Es gerät zunehmend unter Beschuss, weil es Gelder, die ihm während des Zweiten Weltkrieges anvertraut worden waren, nicht zurückerstattet haben soll. Dabei handelt es sich um sogenannte «Après-la-guerre»-Darlehen. Diese haben bedrohte Juden dem Joint gewährt unter dem Versprechen, nach dem Krieg ausbezahlt zu werden.

Anhand von Namenlisten, Gesprächsprotokollen, Korresponden zen und anderen Dokumenten ist es CASH gelungen, zu beweisen, dass sich das Joint mit der Rückzahlung dieser «Après»-Darlehen ähnlich schwer tut wie die Schweizer Banken mit den nachrichtenlosen Vermögen. Trotz überzeugender Beweise wurden diese Gelder oft erst nach langwierigen Verfahren zu rückerstattet. In Polen sind gemäss Angaben des israelischen Historikers und Joint-Experten Yehuda Bauer überhaupt keine Darlehen zurückbezahlt worden, weil keine Beweise mehr vorhanden seien.

Der Verdacht liegt nahe, dass vie le Nachkommen von Shoa-Opfern ihr Geld an der falschen Stelle vermuten. Das würde erklären, weshalb zwischen den Angaben jüdischer Organisationen und denen der Schweizer Banken eine derart grosse Differenz besteht. Weil zu dem viele der Darlehen über den schweizerischen Vertrauensmann Saly Mayer liefen, könnte der fal sche Eindruck entstanden sein, das Geld liege auf Schweizer Konten.

Es ist nicht möglich abzuschätzen, wie hoch die Gesamtsumme der «Après»-Darlehen ist. Unklar ist auch, wie viele dieser Kredite zurückbezahlt worden sind. Zudem ist nicht auszuschliessen, dass auch bei der Jewish Agency ein ähn liches Problem mit «Après»-Dar lehen auftauchen könnte.

Seite 40: Auch unter den Opfern gab es Täter

 

 

 

Cash; 1997-08-15; Seite 40; Nummer 33

CASH-POLITIK

Auch unter den Opfern gab es Täter

Nicht nur auf Schweizer Banken liegen Holocaust-Gelder: Auch das jüdisch-amerikanische Hilfswerk Joint soll nach dem Krieg Vermögen von Shoa-Opfern zurückbehalten haben

Nachrichtenlose Vermögen beschäftigen nicht nur Schweizer Bankiers, sondern auch das renommierte jüdisch-amerikanische Hilfswerk Jewish Joint Distribution Committee, genannt «Joint». Eine Untersuchungskommission muss nun wie bei den Banken abklären, ob das Joint immer noch Gelder von Naziopfern zu rück behält.

Shraga Elam

Die Bestätigung des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) ist eher kleinlaut geraten: «(...) Wir sind jedoch darauf aufmerksam gemacht worden, dass einige derjenigen Individuen, die dem JDC Geld geliehen haben, möglicherweise bis heute nicht entschädigt worden oder im Holocaust umgekommen sind», heisst es in einem Pressecommuniqué des JDC vom 8. August 1997.

Das Communiqué hat bisher zu Unrecht wenig Beachtung gefunden, denn der Inhalt ist hoch explosiv: Zum ersten Mal gibt das JDC offiziell zu, dass nicht nur die Schweizer Banken, sondern auch das Joint selbst ein Problem mit «nachrichtenlosen Vermögen» hat. Und weil die Banken deswegen seit Monaten international aufs Heftigste kritisiert werden, könnte das Eingeständnis des Joints einigen politischen Sprengstoff bergen. Immerhin hat das JDC nun ebenfalls eine unabhängige Untersuchungskommission unter der Leitung des Shoa-Experten Yitzchak Arad eingesetzt, der ihr eigenes Problem der nachrichtenlosen Vermögen untersuchen soll.

Fluchtgeld-Transaktionen unter Juden waren sehr gross

Wie ist es überhaupt zu diesem Problem gekommen? Der Ursprung ist nahe liegend. Juden, die während des Krieges ihr Geld in Sicherheit bringen wollten, wussten um die Risiken und schenkten na tur gemäss gerade jüdischen Treu händern am meisten Vertrauen. Allein schon des halb muss man annehmen, dass Fluchtgeld-Transaktionen unter Ju den entsprechend gross waren.

Dass an dieser Überlegung etwas dran ist, zeigt schon ein kurzer Blick in die Akten des ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) und Joint-Vertreters Saly Mayer. Im Saly-Mayer-Archiv liegen unter anderem Namenlisten von Juden, die dem JDC ihr Geld anvertraut haben. Vielen von ihnen wurde dieses Geld trotz überzeugender Beweise entweder gar nicht oder erst nach langwierigen Verfahren zurückerstattet.

Das Saly-Mayer-Archiv war sowohl für die Öffentlichkeit als auch für Journalisten bis vor kurzem gesperrt (siehe Kommentar). Einer, der Einblick nehmen durfte, ist der renommierte israelische Historiker Professor Yehuda Bauer. Schon in den achtziger Jahren hat er in zwei Büchern darauf hingewiesen, dass Geld von polnischen Juden, das dem Joint anvertraut worden war, nie zurückbezahlt worden ist, weil alle Geldgeber und ihre Erben in den KZs umgebracht worden sind. Gegenüber CASH hat Professor Bauer diesen Sachverhalt ausdrücklich bestätigt.

Das Joint war zur Zeit des Dritten Reiches eine der wenigen Hilfs orga nisationen, die sich doch für die jüdischen Naziopfer engagierten. Das JDC hatte jedoch grosse Mühe, Gelder zu erhalten, weil die Juden ausserhalb der Naziherrschaft nur zögernd spendeten. Zu dem war es sehr schwierig, Spendengelder für Juden in die von Deutschen besetzten Gebiete zu schleusen, ein Problem, das durch die US-Bestimmung bezüglich des «Handels mit dem Feind» noch zusätzlich verschärft wurde.

Um die Knappheit zu überwinden, begann das Joint sich nach Geldquellen bei den Juden in den besetzten Ländern selbst umzuschauen. Man merkte offenbar, dass wohlhabende Juden ihr Vermögen in Sicherheit bringen wollten. Deshalb schlugen die Joint- Vertreter diesen Leuten vor, ihre Gelder der Organisation zu leihen, mit dem Versprechen, dass sie nach Kriegsende zurückerstattet würden, und zwar entweder in Dollar oder in Schweizer Franken. Die Kredite wurden «Après-la-guerre-Darlehen» genannt.

Das JDC unterstützte den Aufstand im Warschauer Getto

In Ländern wie Frankreich, Ita lien, Polen, Ungarn, Rumänien, Belgien und Holland wurden diese «Après»-Darlehen ein grosser Erfolg. Wie viele Mittel dem Joint insgesamt zugeflossen sind, ist jedoch bis heute nicht bekannt. «Wir haben keinen gesamten Überblick», sagt der Chefarchivar Eric Nooter von der JDC-Zentrale in New York. «Die entsprechenden Unterlagen sind an verschiedenen Orten verstreut.»

Immerhin gibt es Hinweise, die Rückschlüsse erlauben. Aus Dokumenten des Saly-Mayer-Archivs geht hervor, dass beispielsweise allein in Frankreich mindestens eine Million Dollar «Après»-Kredite gesammelt worden sind. Meistens handelt es sich um Einzelbeträge zwischen 1000 und 20'000 Dollar. Der Gesamtbetrag der «Après»-Kredite in Polen soll bedeutend höher sein. Mit diesen «Après»-Darlehen wurden verschiedene Hilfsaktionen zu Gunsten verarmter Juden unterstützt. Gemäss Bauer soll auch der Aufstand des Warschauer Gettos mit solchen Geldern finanziert worden sein.

Im Hinblick auf die Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögen ist jedoch der Umstand problematisch geworden, dass das Joint of fen bar von Anfang an nicht die Absicht hatte, die Gelder nach dem Krieg in jedem Fall zurückzuerstatten. So gibt es ein Dokument vom 16. Februar 1944, das belegt, dass Saly Mayer die Anweisung erhalten hatte, möglichst wenige Quittungen auszustellen. Nur wer ausdrücklich darauf bestand, wurde mit den entsprechenden Dokumenten ausgestattet. In vielen Fällen wurde auf das Vertrauen zwischen Gläubiger und Schuldner in der Kriegssitua tion aufgebaut.

Im Pressecommuniqué vom 8. Au gust 1997 gibt das Joint zu, dass die Geldgeber tatsächlich jeweils praktisch keine Belege besassen. Die meisten hätten ihr Geld aber trotzdem zurückerhalten, hält das Joint fest. Bis in die sechziger Jahre habe das Rückerstattungskomitee des JDC seine Arbeit weitergeführt.

Diese Darstellung des Joints ist in jüdischen Kreisen umstritten. Professor Bauer, grundsätzlich ein JDC-Sympathisant, hatte umfassen den Einblick in die Archive und kommt wie erwähnt zum Schluss, dass in Polen überhaupt keine Gelder zurückerstattet worden sind. Als Grund führt er an, dass es kei ne entsprechenden Namenslisten mehr gäbe. Diese Begründung ist jedoch zweifelhaft, denn diese Listen wurden in der Regel schon während des Krieges in nicht besetzte Länder übermittelt. Zudem hat David Guzik, der in Polen die Darlehen koordiniert hatte, den Krieg überlebt. 1945 reiste er nach Paris, wo er mit führenden JDC-Vertretern zusammentraf. Er hatte mit Sicherheit Gelegenheit, seine Listen dem Joint zu übergeben.

JDC-Communiqué und Dokumente decken sich nicht

Auch die Behauptung, die Darlehen seien prompt zurückerstattet worden, ist zweifelhaft. Dokumente des Saly-Mayer-Archivs sprechen eine andere Sprache als die offizielle Verlautbarung des Joints. Das zeigt der Fall der beiden rumänischen Juden Nathan Klipper und Sumer Wolf.

Am 18. Mai 1944 schrieben die beiden an Mayer, sie hätten einen «Après»-Kredit von je 5000 Dollar einbezahlt, und legten eine vom IKRK angefertigte Bestätigung bei. Nach dem Krieg kamen Klip per/ Wolf aber offenbar nicht mehr an ihr Geld. Der entsprechende Briefverkehr liegt immer noch im Saly-Mayer-Archiv und zeigt auf, wie die Auszahlung vom Joint verzögert wurde. Am 22. Februar 1949 brach der Briefverkehr ab. Wenn selbst so gut dokumentierte Gläubiger so verzweifelt um ihr Geld kämpfen muss ten, wie viel schwerer hatten es dann diejenigen, die keine Beweise vorlegen konnten?

Beschwerden von Juden, die ihr «Après»-Darlehen nicht zurückerhalten haben wollen, gibt es zahlreiche. So findet sich beispielsweise in den Unterlagen ein Brief des Flüchtlings Emerich Ràcz, datiert vom 6. Januar 1948. «Es ist für mich nur sehr schwer verständlich, dass Ihr Komitee für Dinge, die in einer rechtlosen Notzeit stattgefunden haben, heute einen strengen juristischen Massstab anlegen will», schreibt er und fordert sein Hab und Gut zurück. Schweizer Bankiers dürften solche Klagen irgendwie bekannt vorkommen.

Das JDC: Eines der grössten jüdischen Hilfswerke

· Das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC oder Joint genannt) wurde im November 1914 von deutschen Immigranten in den USA gegründet. In ihm waren orthodoxe, reformierte und sozialistische Komitees vereint, die weltweit die Schäden des Ersten Weltkriegs für die jüdische Bevölkerung lindern wollten. Bis Ende der dreissiger Jahre wurde das Joint von einer deutsch-jüdischen Aristokratie beherrscht. Von zentraler Bedeutung für diese Organisation waren Bankiers wie Felix M. Warburg und Paul Baer wald, der dem Unternehmen Lazar Frères nahe stand.

In den vierziger Jahren übernahmen einige Sozialarbeiter die Füh rung, welche einen sehr oligarchischen Stil pflegten und die ganze Auslandhilfe für sich monopolisierten. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verringerten sich die Spenden drastisch, während die Bedürfnisse dramatisch wuchsen. Hin zu kam, dass das JDC gegen die Zionisten und deren Palästina-orientierte Kampagnen um die schwindenden Einnahmen kämpfen musste. «Das amerikanische Judentum gab dem JDC bis 1944 sehr wenig Geld (37'909'323 Dollar in den Jahren 1939-43), ein bisschen mehr 1944 und 1945 (35'551'365 Dollar). Die 194'332'033 Dollar, welche es in den Jahren 1945-48 spendete, zeigen, wie spät die Reaktion auf das Holocaust-Desaster war», schreibt Professor Yehuda Bauer. Immerhin stand das Joint mit diesen knappen Ressourcen aber an der Spitze der Hilfeleistungen an die Naziopfer.

Nach dem Krieg verbesserte sich die finanzielle Lage des JDC deutlich, und zusammen mit der Jewish Agency sollte es nach den Beschlüssen der Pariser Reparations-Konferenz (1945/46) mehr Geld erhalten: 95 Prozent von 25 Millionen Dollar, welche die neutralen Staaten zur Regelung der Frage der «erblosen» Vermögen, und 90 Prozent der 25 Millionen Dollar, die die Neutralen aus der Liquidation der deutschen Vermögenswerte überweisen sollten. Laut Washingtoner Abkommen vom Mai 1946 sollte der schweizerische Beitrag bei der zweiten Summe 50 Millionen Franken zur sofortigen Bezahlung betragen.

Die Aufgaben nach dem Krieg waren aber auch sehr gross. Das Joint versorgte die vielen Deportierten und half bei deren Wieder ansiedlung. Noch heute ist das JDC eines der grössten jüdischen Hilfswerke weltweit.

Joint-Vertreter Saly Mayer: Unfassbar und umstritten

· Es gibt kaum eine umstrittenere Figur in der modernen schweizerischen jüdischen Geschichte als Saly Mayer, einstiger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) und Joint-Vertreter. Geboren wurde der Sohn einer wohlhabenden Familie am 3. Juni 1882 in St. Gallen. Bis in die dreissiger Jahre beschäftigte sich Mayer als Stickereifabrikant, dann verkaufte er sein Geschäft und lebte von der Rendite.

1921 wurde er als freisinniges Mitglied in den St. Galler Gemeinderat und 1936 zum SIG-Präsidenten gewählt. 1940 ernannte ihn das Joint zu seinem Vertreter in der Schweiz. Diese Aufgabe führte er ohne Entgelt und vollamtlich aus. Nach Kriegseintritt der USA wurde seine Rolle sehr zentral, denn über ihn liefen seither die meisten Joint-Verbindungen in die von Deutschland besetzten Länder. 1949 trat er aus dem Joint aus. Saly Mayer starb am 31. Juli 1950 in St. Moritz.

Oft wurde Mayer als verschlossen, misstrauisch, herrisch und jähzornig geschildert. Für die einen war er ein Retter, für andere ein Verräter. So warfen ihm verschiedene jüdische Rettungsaktivisten noch während des Krieges vor, die grausame Schweizer Asylpolitik zu unterstützen. Er wurde beschuldigt, verschiedene Menschen, die sich illegaler Mittel gegen diese Politik bedienten - etwa Polizeihauptmann Paul Grüninger oder die ultraorthodoxe Jüdin Recha Sternbuch - bei der Fremdenpolizei angezeigt zu haben. Eindeutige Beweise dafür fehlen zwar, dennoch scheinen die Vorwürfe nicht ganz grundlos zu sein.

Auch wenn seine Methoden nicht immer transparent waren, seine Anhänger haben ihn als entscheidend für die Aufnahme und den Unterhalt der meisten Flüchtlinge, die in der Schweiz Zuflucht fanden, betrachtet. Er wird bis heute als Retter von rund 200'000 Juden angesehen. Seine Kritiker hingegen bestreiten dies und beschuldigen ihn, durch seine Fehlpolitik mitverantwortlich am Tod von mehreren hunderttausend zu sein.

Was Saly Mayer wirklich war, ist schwer zu beurteilen. Eines ist jedoch sicher: Er war einer der wenigen, die nicht einfach zu- oder wegschauten, als die Juden vernichtet wurden, sondern sich für deren Rettung einsetzte - auch wenn der Eindruck entsteht, dass nicht nur bei der Verwaltung des Todes, sondern auch in einer Rettungsbürokratie Einzelschicksale bis weilen stumpfsinnig abgewickelt werden.

Bücher von Yehuda Bauer

· Yehuda Bauer, Freikauf für Juden, Freikauf von Juden? Verhandlungen zwischen dem na tionalsozialistischen Deutschland und jüdischen Repräsentanten von 1933 bis 1945, Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1996.

· Yehuda Bauer, My Brother's Keeper, A History of the American Jewish Joint Distribution Committee, 1929-1939, The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1974.

· Yehuda Bauer, American Jewry and the Holocaust - The American Jewish Joint Distribution Committee, 1939-1945, Wayne State University Press, Detroit 1981.

· Yehuda Bauer, Out of the Ashes, The Impact of American Jews on Post-Holocaust European Jewry, Pergamon Press, Oxford 1989.

 

Kommentar

Die Parole lautet: Offen legen!

Es gehört leider zur Tragödie des Zweiten Weltkrieges, dass die jüdischen Naziopfer teilweise auch von den eigenen Leuten im Stich gelassen worden sind. Und man darf vor der Tat sache, dass es unter den Kriegsprofiteuren auch Juden gegeben hat, nicht aus falsch verstandener Pietät die Augen verschliessen. Die Geschichte der «Après»-Darlehen des Joints zeigt, dass man moralische Urteile nicht vorschnell fällen sollte. Während des Naziterrors waren diese Kredite ein sinnvolles, ja notwendiges Instrument, um Juden zu retten. Dabei ergaben sich selbstverständlich Interessenkonflikte zwischen den Ansprüchen relativ weniger Ex-Reicher und der Notwendigkeit, die doch beschränkten Mittel unter den zahlreichen Überlebenden gerecht zu verteilen.

Im Licht der Gegenwart indes, wo im Namen der Erben von nachrichtenlosen Vermögen überdimensionierte Forderungen an die Schweiz gestellt werden, müssen wieder vernünftige Relationen geschaffen werden. Auch die jüdischen Organisationen stehen jetzt in der Pflicht, Rechenschaft darüber abzulegen, was mit diesen Geldern geschehen ist, ohne die Schweizer Banken von ihrer Pflicht zu befreien. Diese waren jahrelang dumm genug, das relativ kleine Problem der jüdischen nachrichtenlosen - zu Recht übrigens als «peanuts» bezeichneten - Vermögen ungelöst zu lassen, und sehen sich deshalb heute mit der viel bedeutenderen und schmerzhafteren Frage nach der Zusammen arbeit mit Nazideutschland konfrontiert.

Offen zu legen und Transparenz zu schaffen ist eine Parole, die jedoch nicht nur für die Schweiz gilt. Anfang Februar stiess CASH bei seinen Recherchen über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg auf das Saly-Mayer-Archiv. Wichtige Dokumente, die Aufschluss über das Verhalten jüdischer Organisationen geben können, liegen dort. Doch für die Öffentlichkeit und die Journalisten ist dieses Archiv gesperrt. Das Joint lässt bisher bloss handverlesene Forscher an diese Dokumente heran.

Ich zählte dabei nicht zu den Auserwählten. Ein Appell von CASH und der «Weltwoche» fruchtete nichts. Auch das ETH-Archiv, die Saly-Mayer-Stiftung und Jacques Picard von der Historikerkommission setzten sich für die Aufhebung der Sperre ein. Als ich an einer Presse konferenz des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Genf im Juni die Frage nach den «nachrichtenlosen» Vermögen beim Joint stellte, wurde ich abgeblockt: Die Gelder seien zurückbezahlt, hiess es bloss.

Immerhin wurde mir versprochen, eine Offenlegung des Archivs werde geprüft. Dieses besteht aus drei Teilen, die in New York, Jerusalem und Zürich verteilt sind. In Jerusalem durfte ich das Material jetzt einsehen. Ich habe meine Befunde dem Joint dargelegt, und das JDC tat das einzig Richtige: Es traf die mutige Entscheidung, das Material nun offen zu legen. Zudem wurde eine Untersuchungskommission unter der Leitung von Yitzchak Arad ins Leben gerufen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Kommission tatsächlich unabhängig sein und einige notwendige Ergänzungen zu den Untersuchungen in der Schweiz liefern wird.

«Auch die jüdischen Organisationen müssen jetzt Rechenschaft ablegen»

Shraga Elam

 

 

Cash; 1997-09-19; Seite 62; Nummer 38

cash-politik

Eine historische Hypothek ist fällig

Jüdische Organisationen plagt die Vergangenheitsbewältigung

Die dank CASH zum Teil freigegebenen Saly-Mayer-Akten bestätigen: Die Vergangenheitsbewältigung der jüdischen Hilfsorganisationen wird heikel und schmerzhaft sein. Sie haben im Krieg viel Gutes vollbracht - aber in Vermögensfragen bewegten sie sich auf dünnem Eis. Schade, dass sie jetzt nach zwei mutigen Schritten vorwärts bereits wieder einen zurück getan haben.

Shraga Elam

Zur Erinnerung: CASH-Recherchen hatten ergeben, dass auch die jüdische Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee (JDC oder kurz «Joint» genannt) eine historische Hypothek mitschleppt, die mit dem Schweizer Problem der «nachrichtenlosen Vermögen» vergleichbar ist. Das Joint sah sich daraufhin veranlasst, eine Unter suchungskommission einzusetzen und die Einsichtssperre für die Saly-Mayer-Akten, die im ETH-Archiv für Zeitgeschichte lagern, aufzuheben - jetzt wurde sie allerdings partiell wieder verhängt.

Gleichzeitig versuchte das Joint auch, die CASH-Befunde zu relativieren (Stellungnahme von Daniel Lack in CASH Nr. 36). Wir wollen uns nicht auf eine rechthaberische Polemik einlassen. Gerade unser Studium von Saly-Mayer-Akten bestärkt uns aber in der Überzeugung, dass in dieser traurigen Geschichte Klarheit geschaffen werden muss.

Es geht nicht um eine Anschwärzung des Joint. Das war eine der wenigen jüdischen Organisationen, die im Krieg etwas Konkretes zur Rettung der europäischen Juden geleistet haben. Dabei war es von finanziellen Schwierigkeiten geplagt und musste zu unkonventionellen Mitteln greifen. Dazu gehörte die Praxis, bei wohlhabenden Juden im besetzten Europa Darlehen aufzunehmen, und zwar mit dem Versprechen, ihnen das Geld nach dem Krieg («après la guerre») zurückzubezahlen.

«Ich werde mich bemühen, das Geld zurückzuerstatten»

Das Problem besteht nun darin, dass offensichtlich von Anfang an nicht durchwegs die Absicht bestand, diese Kredite zurückzubezahlen. Tatsächlich kam es nach dem Krieg zu erheblichen Schwierigkeiten, und bis heute sind offenbar nicht alle Fälle erledigt.

Offizieller Schweizer Vertreter des Joint war der St. Galler Industrielle Saly Mayer, zuvor langjähriger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Er war eine zentrale Figur bei vielen unkonventionellen Transaktionen im genannten Umfeld. Seine Akten sind deshalb zum Verständnis der Geschichte aussagekräftig. Am 23. September 1943 schrieb Mayer, dass es zwei Kategorien von Dar lehensbestätigungen gebe:

· «Konkrete Bestätigung»: «Im mer wenn wir schreiben, das sei konkret, kann er [der Kreditgeber] sich auf das Versprechen verlassen.»

· «In Aussicht gestellt»: Auf solchen Quittungen steht: «Ich stelle in Aussicht, dass ich mich bemühen werde, [das Geld zurückzuerstatten].» In Klammern fügte Mayer hier das Wort «Korruption» bei.

Am 16. Februar 1944 erhielt Mayer vom Joint-Chef Europa, Joseph Schwartz, die Anweisung: «Bitte beschränken Sie dies [das Ausstellen von Quittungen] auf so wenige Personen wie nur möglich; wir wollen es nicht mit allzu vielen Einzelpersonen zu tun haben.» In einem Telefongespräch vom 11. Dezember 1943 verlangte Mayer vom Joint-Funktionär Herbert Klatzki, man müsse den Kreditgebern Sicher heiten bieten; er selber, Mayer, sei nicht in der Lage, persönlich zu haften. Auch Mayers Rechtsberater erkundigte sich bei ihm, ob er denn imstande sei, nach dem Krieg die mündlichen Versprechen zu erfüllen.

Auf seine Nachfrage, ob denn in New York die notwendigen Reserven zur Deckung der Kreditforderungen vorhanden seien, wurde Mayer mit vagen Erklärungen abgespeist. Es war offensichtlich, dass sich die Joint-Funktionäre auf dünnem Eis bewegten. Sie hatten eine klare Wahl getroffen: Die Interessen der existenziell bedrohten Massen waren ihnen wichtiger als die Interessen einzelner Reicher. Das kann man nachvollziehen. Trotz dem stellt sich die Frage, warum denn die damals Vermögenden, die ja auch Naziopfer waren und, falls sie überlebten, nach dem Krieg als Flüchtlinge eine neue Existenz aufbauen mussten, die Zeche bezahlen sollten. Konfrontiert mit Fragen dieser Art, pflegte Saly Mayer selbst zu antworten, diese Leute hätten ja auch ohne «Après»-Mechanismus ihr Vermögen sowieso verloren.

Das Joint behauptet heute, es habe sehr wohl stets die Absicht bestanden, die Darlehen zurückzubezahlen; bereits während des Kriegs habe man damit begonnen. Das Bild, das die Saly-Mayer-Akten vermitteln, sieht anders aus. Rückzahlungen zu je nem Zeitpunkt gab es zwar, aber nur vereinzelt. So wurden etwa Zahlungen, die der Joint-Vertreter in Rumänien, W. Filderman, geleistet hatte, an dessen Sohn in den USA weitergegeben. Gegenbeispiel: An einen in die Schweiz geflüchteten Verwandten des ungarischen Industrieclans Manfred Weiss sollten vereinba rungs gemäss 32'000 Franken ausbezahlt werden. Als Mayer herausfand, dass der Empfänger nicht informiert war, versuchte er, die Verpflichtung zu umgehen.

Die «Kassa» geschlossen, und das Geld verschwunden

Die damaligen Umstände, aber auch Hinweise in der Fachliteratur lassen vermuten, dass manche Geldgeber der Meinung waren, ihr Geld sei - zum Beispiel über Mayer - in der Schweiz deponiert. Es mochte dann für sie nahe liegen, es auf Schweizer Banken zu wähnen. Es könnte sich also erweisen, dass etliche der gesuchten «nachrichtenlosen» Vermögen gar nicht bei Banken, sondern eher bei Hilfsorganisationen zu suchen sind. Hier besteht dringender Abklä rungs bedarf.

In eine andere Richtung weist der «Fall» der israelischen Staatsbürgerin Lea Holits, die aus Siebenbürgen (Rumänien) stammt. Zehn Jahre lang, 1933 bis 1943, hat ihre Familie regelmässig auf ein Sparkonto bei einem Joint-Bankinstitut, einer so genannten «Kassa», einbezahlt. Als das Gebiet von Ungarn erobert wurde, schloss die «Kassa», und das Geld verschwand. Die Familie wurde ins KZ deportiert; einzig Lea überlebte. Seither versucht sie, ihr Geld vom Joint zu rückzuerhalten. Man teilte ihr mit, es gebe keine Depotlisten mehr.

Der Joint-Historiker Yehuda Bauer schreibt, es habe in diversen Ländern 85 solche «Kassas» ge geben. In der Bukowina und in Bessarabien mussten 44 beim Einmarsch der Russen völlig abgeschrieben werden; der Rest der Gelder wurde in die Joint-Aktivitäten transferiert.

Fazit: Auch die Joint-Unter suchungskommission wird sich mit sehr komplexen und schmerzhaften Fragen beschäftigen müssen.

Saly Mayer, offizieller Schweizer Vertreter des Joint.

Foto: keystone

 

 

Die Redaktion behält sich vor, Briefe gekürzt zu veröffentlichen.

CASH Nr. 33, S. 1/40: «Jüdisches Hilfswerk kommt unter Beschuss»

«Wir machten stets das Richtige»

Der CASH-Artikel von Shraga Elam über die Darlehen, die während des Zweiten Weltkrieges an das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) gegeben wurden, enthält eine Reihe von ernsthaften Fehlern und nicht korrekten Annahmen. Folgende Punkte seien deshalb angemerkt:

1. Herr Elam behauptet, dass die polnischen Darlehen vom JDC nie zurückbezahlt worden sind. Tat sächlich hat der JDC Unterlagen von hunderten von Geldgebern - darunter auch polnische -, die ihr Geld nach dem Krieg zurückerhalten haben.

2. Herr Elam unterstellt dem JDC, es hätte ähnlich wie die Schweizer Banken Informationen über diese Darlehen unterschlagen (diese Darlehen wurden dem JDC von privaten Juden anvertraut, die nach dem Krieg ihr Geld zurück erwarteten). Tatsächlich sind die Namen von hunderten von Gläubigern öffentlich in den JDC-Archiven aufgeführt und für jedermann zugänglich. Zudem ist es nicht statthaft, die von Juden unter verzweifelten Bedingungen vor ihrer Verschleppung und Tötung an den JDC gegebenen Darlehen, die zur Hilfe an Leidensgenossen benutzt wurden, mit Einzahlungen auf eine Schweizer Bank zu vergleichen, die nur die Rolle hatte, als Teil ihrer beruflichen Tätigkeit Gelder zu empfangen.

3. Herr Elam unterstellt weiter, dass die Darlehen an das JDC irgend wie auf Schweizer Bank konten gelandet sind. Tatsächlich sind diese Gelder ausschliesslich in den von den Nazis besetzten Gebieten sowohl ausgelehnt als auch verwendet worden und wurden niemals in die Schweiz transferiert. Saly Mayer, der JDC-Repräsentant in der Schweiz, hat über einige dieser Darlehen Buch geführt, und zwar aufgrund der Informationen, die er von anderen JDC-Reprä sentanten erhalten hat. Der Zweck dieser Buchführung lag darin, sicher zustellen, dass die Gläubiger ihr Geld wieder zurückerhalten wür den.

4. Aufgrund einer Aktennotiz von Saly Mayer zieht Herr Elam den Schluss, dass das JDC gar nie im Sinne hatte, diese Darlehen zurückzuzahlen. Tatsächlich hat das JDC schon während des Kriege begonnen, diese Darlehen zu begleichen, und zwar, sobald es den Gläubigern gelungen war, in ein neutrales Land auszureisen. Nach dem Krieg sind hunderte von Rückzahlungsanträgen von einem eigens dafür einberufenen Komitee überprüft worden. Den meisten dieser Anträge konnte stattgegeben werden.

5. Herr Elam erwähnt eine Reihe von Beschwerden, wonach diese Rückzahlungen nur zögerlich erfolgt seien. Tatsächlich wurden selbst Gläubiger, die keine oder bloss spärliche Beweise vorlegen konnten, ausbezahlt. Das JDC musste jedoch jedes Rückzahlungsbegehren genau prüfen, weil sich einige dieser Begehren als unbegründet erwiesen hatten. Bei umstrittenen Begehren wollte das JDC sichergehen, dass die legitimen Gläubiger ausbezahlt wurden.

6. Herr Elam stützt sich in seinen Ausführungen auf die Archive von Saly Mayer, der den JDC in der Schweiz vertreten hat und bereits 1950 gestorben ist. In diesen Unterlagen ist jedoch bloss ein Bruchteil der Gläubigerbegehren enthalten, die nach dem Krieg vorgelegt wurden. Die meisten dieser Anträge sind in New York und in Genf abgewickelt worden, und die entsprechenden Unterlagen befinden sich in den JDC-Archiven in New York und in Jerusalem.

7. Das JDC hat eine unabhängige Untersuchungskommission unter der Leitung von Dr. Yitzahk Arad, ehemals Präsident von «Yad Vashem», eingesetzt, um diese Unterlagen zu überprüfen und damit ein klareres Bild des gesamten Rückzahlungsprogramms zu erhalten. JDC-Geschäftsführer Michael Schneider erklärt dazu: «Der Bericht dieser Untersuchungskommission wird öffentlich gemacht werden. Dann wird die JDC-Führung auch entscheiden, ob weitere Schritte nötig sein werden. Wir haben immer das Richtige gemacht und werden das auch in Zukunft tun.»

Daniel Lack, AJJDC-Repräsentant in der Schweiz

 

CASH Nr. 32, S. 38/39: «Unter Hitlers schützender Hand»

Unbelehrbare

Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, zu den Leserbriefen Stellung zu nehmen, welche Ihr Artikel provoziert hat: herzlichen Dank an Ihre Redak tionfür die Verfassung dieses Artikels und Gratulation für den Mut dazu. Es ist anmassend, historisch belegte Fakten von Willi A. Boelcke einfach als abenteuerliche Thesen abzutun. Ebenso sind Ausdrücke wie Nestbeschmutzung, Ver rat und Erpressung fehl am Platz. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um die gleiche Kategorie von Unbe lehrbaren, welche sich schon auf Christoph Meili eingeschossen, ihn als Kriminellen abgestempelt und mit Morddrohungen bedacht haben. Die Schweiz täte gut daran, der Wahr heitsfindung positiver gegenüberzustehen und die Vergangenheitsbewältigung mit aller Konsequenz voranzutreiben, weil sonst die zu bezahlende Zeche ein nie erwartetes Ausmass annehmen könnte. Das Schweizer «Musterknaben-Syndrom» gehört endgültig der Vergangenheit an. Roland Rüedi, St. Gallen

Eine Kommission ist daran, das Rückzahlungsprogramm der JDC zu untersuchen.

Der CASH-Artikel von Shraga Elam über die Darlehen, die während des Zweiten Weltkrieges an das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) gegeben wurden, enthält eine Reihe von ernsthaften Fehlern und nicht korrekten Annahmen. Folgende Punkte seien deshalb angemerkt:

1. Herr Elam behauptet, dass die polnischen Darlehen vom JDC nie zurückbezahlt worden sind. Tat sächlich hat der JDC Unterlagen von hunderten von Geldgebern - darunter auch polnische -, die ihr Geld nach dem Krieg zurückerhalten haben.

2. Herr Elam unterstellt dem JDC, es hätte ähnlich wie die Schweizer Banken Informationen über diese Darlehen unterschlagen (diese Darlehen wurden dem JDC von privaten Juden anvertraut, die nach dem Krieg ihr Geld zurück erwarteten). Tatsächlich sind die Namen von hunderten von Gläu bigern öffentlich in den JDC-Archiven aufgeführt und für jedermann zugänglich. Zudem ist es nicht statthaft, die von Juden unter verzweifelten Bedingungen vor ihrer Verschleppung und Tötung an den JDC gegebenen Darlehen, die zur Hilfe an Leidensgenossen benutzt wurden, mit Einzahlungen auf eine Schweizer Bank zu vergleichen, die nur die Rolle hatte, als Teil ihrer beruflichen Tätigkeit Gelder zu empfangen.

3. Herr Elam unterstellt weiter, dass die Darlehen an das JDC irgend wie auf Schweizer Bank konten gelandet sind. Tatsächlich sind diese Gelder ausschliesslich in den von den Nazis besetzten Gebie ten sowohl ausgelehnt als auch verwendet worden und wurden niemals in die Schweiz transferiert. Saly Mayer, der JDC-Repräsentant in der Schweiz, hat über einige dieser Darlehen Buch geführt, und zwar aufgrund der Informationen, die er von anderen JDC-Reprä sentanten erhalten hat. Der Zweck dieser Buchführung lag darin, sicher zustellen, dass die Gläubiger ihr Geld wieder zurückerhalten wür den.

4. Aufgrund einer Aktennotiz von Saly Mayer zieht Herr Elam den Schluss, dass das JDC gar nie im Sinne hatte, diese Darlehen zurückzuzahlen. Tatsächlich hat das JDC schon während des Kriege begonnen, diese Darlehen zu begleichen, und zwar, sobald es den Gläubigern gelungen war, in ein neutrales Land auszureisen. Nach dem Krieg sind hunderte von Rückzahlungsanträgen von einem eigens dafür einberufenen Komitee überprüft worden. Den meisten dieser Anträge konnte stattgegeben werden.

5. Herr Elam erwähnt eine Reihe von Beschwerden, wonach diese Rückzahlungen nur zögerlich erfolgt seien. Tatsächlich wurden selbst Gläubiger, die keine oder bloss spärliche Beweise vorlegen konnten, ausbezahlt. Das JDC muss te jedoch jedes Rückzahlungsbegehren genau prüfen, weil sich einige dieser Begehren als unbegründet erwiesen hatten. Bei umstrittenen Begehren wollte das JDC sichergehen, dass die legitimen Gläubiger ausbezahlt wurden.

6. Herr Elam stützt sich in seinen Ausführungen auf die Archive von Saly Mayer, der den JDC in der Schweiz vertreten hat und bereits 1950 gestorben ist. In diesen Unterlagen ist jedoch bloss ein Bruchteil der Gläubigerbegehren enthalten, die nach dem Krieg vorgelegt wurden. Die meisten dieser An träge sind in New York und in Genf abgewickelt worden, und die entsprechenden Unterlagen befinden sich in den JDC-Archiven in New York und in Jerusalem.

7. Das JDC hat eine unabhängige Untersuchungskommission unter der Leitung von Dr. Yitzahk Arad, ehemals Präsident von «Yad Vashem», eingesetzt, um diese Unterlagen zu überprüfen und damit ein klareres Bild des gesamten Rückzahlungsprogramms zu erhalten. JDC-Geschäftsführer Michael Schneider erklärt dazu: «Der Bericht dieser Untersuchungskommission wird öffentlich gemacht werden. Dann wird die JDC-Füh rung auch entscheiden, ob weitere Schritte nötig sein werden. Wir haben immer das Richtige gemacht und werden das auch in Zukunft tun.»

Daniel Lack, AJJDC-Repräsentant in der Schweiz

 

CASH Nr. 32, S. 38/39: «Unter Hitlers schützender Hand»

Unbelehrbare

Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, zu den Leserbriefen Stellung zu nehmen, welche Ihr Artikel provoziert hat: herzlichen Dank an Ihre Redaktion für die Verfassung dieses Artikels und Gratulation für den Mut dazu. Es ist anmassend, historisch belegte Fakten von Willi A. Boelcke einfach als abenteuerliche Thesen abzutun. Ebenso sind Ausdrücke wie Nestbeschmutzung, Verrat und Erpressung fehl am Platz. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um die gleiche Kategorie von Unbelehrbaren, welche sich schon auf Christoph Meili eingeschossen, ihn als Kriminellen abgestempelt und mit Morddrohungen bedacht haben. Die Schweiz täte gut daran, der Wahrheitsfindung positiver gegenüberzustehen und die Vergangenheitsbewältigung mit aller Konsequenz voranzutreiben, weil sonst die zu bezahlende Zeche ein nie erwartetes Ausmass annehmen könnte. Das Schweizer «Musterknaben-Syndrom» gehört endgültig der Vergangenheit an. Roland Rüedi, St. Gallen

 

Es gab danach eine Untersuchung veranlasst durch die Joint. Der Bericht wurde nie veröffentlicht. Shraga Elam

 

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