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Solidarität? Ja, bitte!
Die kriegsgeplagte Region
Palästina ist auf einen aktiven Friedensbeitrag der Schweiz
angewiesen
Die Welt
wurde im September 1993 von der Nachricht überrascht, dass zwischen
den erbittertsten Feinden, den Palästinensern und den Israelis, ein
Friedens abkommen in Oslo abgeschlossen worden war. Heute, vier
Jahre später, scheint auch für breite Kreise das Wort «Frieden» in
diesem Zusammenhang fehl am Platz zu sein. Wie soll es in dieser vom
Krieg geplagten Region weitergehen? Können die von Schuldgefühlen
geplagten Europäer im Allgemeinen und die Schweizer im Speziellen
etwas Positives für den Frieden im Nahen Osten beitragen? Könnte
dieser Friedensbeitrag nicht in einer vernünftigen Verwendung des
Holocaust-Fonds bzw. der geplanten Solidaritätsstiftung liegen? Um
diese Fragen zu beantworten, müssen wir versuchen, den Oslo-Prozess
besser zu verstehen.
Nach dem
Golfkrieg befand sich PLO-Chef Yasser Arafat auf einem politischen
und finanziellen Tiefpunkt, und seine Position als Führer stand in
Gefahr. Mit der Flucht nach vorne versuchte sich der
Überlebenskünstler Arafat zu retten. Ein Vertrag mit dem Erzfeind
Israel sollte nach dem Muster des ägyptisch-israelischen
Camp-David-Abkommens (1978/79) territoriale sowie finanzielle
Vorteile mit sich bringen.
In Israel
erhielten die Kräfte Aufwind, die für einen Rückzug aus den
besetzten Gebieten, vor allem aus dem Gazastreifen, eintraten und
die PLO-Schwäche ausnützen wollten. Zu ihnen gehörten der
Staatsschutz «Shabak» und zentrale Figuren der israelischen
Wirtschaft, wie Ex-«Mossad»-Mann Mosie Wertheim, der Präsident der
lokalen Coca-Cola-Niederlassung.
Bald aber
machte sich auf beiden Seiten starke Opposition gegen das Abkommen
bemerkbar. Die israelische Regierung wollte der eigenen Opposition
den Wind aus den Segeln nehmen, indem sie Arafat zu einer effektiven
Bekämpfung seiner palästinensischen Gegner zu zwingen versuchte.
Dabei inszenierte sie einen Wirtschaftskrieg, der sich vor allem in
der Erschwerung des Personen- und Güterverkehrs manifestierte.
Israel hatte
ohnehin nie im Sinn, die Kontrolle über die palästinensische
Wirtschaft abzugeben, sondern wollte diese lediglich modifizieren.
Gedacht wurde unter anderem an eine Produktionsverlagerung einiger
arbeitsintensiver Branchen. Palästinensische Subunternehmer sollten
lokal zu viel günstigeren Bedingungen als in Israel produzieren und
die israelischen Abnehmer beliefern. Diese Entwicklung, gekoppelt
mit einem massiven Verlust von lebenswichtigen Arbeitsplätzen in
Israel, sorgte für eine rapide Senkung des palästinensischen
Lebensstandards, der schon zuvor nicht besonders hoch gewesen war.
Es entstand
ein Widerspruch zwischen der Notwendigkeit einer ökonomischen
Entwicklung und der Wirtschaftskriegsführung. Einerseits sollte das
palästinensische Lebensniveau erhöht werden, um eine breitere
Unterstützung für den Oslo-Prozess zu erzielen. Andererseits
bewirkten die wirtschaftlichen Druckmittel eine weitere Verarmung
der Bevölkerung. In der Regel haben die Israelis die zweite
Überlegung bevorzugt.
Die
Wirtschaftspolitik von Arafat hatte ebenfalls eine verheerende
Wirkung. Er setzte nämlich auf eine Mischung aus Neoliberalismus und
nahöstlichem Feudalismus. Dabei konnte er auf die Unterstützung der
Weltbank zählen. Diese sammelte bei verschiedenen Staaten, darunter
auch der Schweiz, für die Palästina-Entwicklungshilfe 2,4 Milliarden
Dollar für eine Periode von fünf Jahren (die Schweiz ihrerseits
stellte für die Palästina-Hilfe 60 Millionen Franken zur Verfügung).
Das Geld sollte mehrheitlich für den Infrastrukturaufbau verwendet
wer den, um damit ein günstiges Investitionsklima für
Privatunternehmer zu schaffen.
Dieses
Modell konnte unter den gegebenen Bedingungen gar nicht
funktionieren. Denn in einer kriegsähnlichen Situation, in der auch
die elementarsten gesetzlichen Grundlagen fehlen und das
Wirtschaftsleben weitgehend von mafiösen «Sicherheitsdiensten»
kontrolliert wird, muss es sich um sehr motivierte oder naive
Privatinvestoren handeln.
Die meisten
palästinensischen Ökonomen, die ihre Ausbildung im Westen genossen,
träumten zudem von einem Hightech-Paradies im Nahen Osten. Aus
Sorge, paternalistisch zu wirken, getrauen sich die Experten der
Weltbank nicht, gegen diese Luftschlösser anzutreten. Auch die
Schweiz unterstützte mit ihrer Entwicklungshilfe diese fehlgeleitete
Politik. Ein grosser Teil der Unterstützungsgelder fliesst nämlich
über die Weltbank nach Palästina, der Einfluss der Direktion für
Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ist gering. Was eigenständige
schweizerische Projekte anbelangt, wurden zwei Linien verfolgt, die
isoliert betrachtet nicht so falsch waren, nämlich Projekte im
Bereich der beruflichen Ausbildung und Wiedereingliederungsprogramme
für politische Gefangene.
Das grösste
Problem der Palästinenser ist die hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb
hätten spätestens seit der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens
Arbeitsbeschaffungsprogramme erste Priorität erhalten sollen.
Berufliche Schulung in einer Situation, in der zahlreiche sehr gut
ausgebildete Leute arbeitslos sind, macht wenig Sinn, vor allem dann
nicht, wenn diese nicht mit realistischen Vorstellungen, was
produziert werden soll, verbunden ist.
Es müssen
zuerst Produkte identifiziert werden, für welche eine Nachfrage auf
den ausländischen Märkten existiert oder prognostiziert wird. Diese
Produkte sollen unter den bestehenden Bedingungen hergestellt
werden, und die notwendige zusätzliche Infrastruktur kann man
entsprechend bauen. Solche Projekte können in einer ersten Phase
nicht als Privatunternehmungen funktionieren. Einerseits ist das
Risiko zu gross, weil die politische Stabilität fehlt. Andererseits
fehlt auch die Garantie, dass die Arbeitskräfte gerecht entlöhnt
werden.
Diese
Überlegungen konnte der palästinensisch-israelisch-schweizerische
Verein «Palästina-Aufbau-Projekte» (PAP) im Rahmen von zwei
Pilotprojekten näher konkretisieren. In den Industrieländern wurde
eine wachsende Nachfrage nach hausgemachten Produkten, die umwelt-
und sozial gerecht her gestellt werden, erkannt. Diese Kriterien
können von der heim industriellen Verarbeitung von Lebensmitteln,
aber auch im Nonfood- Bereich erfüllt werden. Es sind also Lösungen,
die nicht in der Fantasiewelt einer Hightech-Industrie entstehen,
sondern in der gegenwärtigen Lowtech-Realität verankert sind.
PAP-Rechnungen zeigen, dass bei relativ niedrigen Investitionen ein
sehr interessantes Gewinnpotenzial besteht, das den Projekten kommer
ziellen Erfolg und der palästinensischen Bevölkerung ein
ansehnliches Einkommen verspricht. Es wurden auch konkrete Lösungen
für die Schwierigkeiten, die durch die israelische
Abriegelungspolitik und andere exporterschwerende Mass nahmen
entstanden sind, gefunden. Bei diesem Modell für eine vernünftige,
gerechte und friedliche Koexistenz wurde auch der Schweiz eine
zentrale Rolle eingeräumt. Was hier verlangt wird, sind nicht nur
schweizerische Investitionen, sondern auch
Vermarktungsmöglichkeiten. Im Fall eines Erfolges könnte die Schweiz
als zentrale Drehscheibe für den weltweiten palästinensischen Export
funktionieren.
Trotz all
dieser viel versprechenden Elemente und einigen ermutigenden
Abklärungen musste der PAP seine Tätigkeit mangels adäquater
Unterstützung vorläufig einstellen. Das Interesse an
Lowtech-Projekten war nicht gross, und die Unterstützung eines
«Drei-Länder-Modells» passte offenbar in kein Denkmuster.
Es gilt
jedoch mehr denn je, der palästinensischen Bevölkerung, die im
gewissen Sinne als Naziopfer zweiten Grades zu betrachten ist, nicht
nur die Perspektive von verzweifelten und grausamen
selbstmörderischen Attentaten offen zu lassen, sondern eine Hoffnung
auf eine bessere Zukunft zu verleihen. Die Unterstützung solcher
Projekte durch Schweizer Grossverteiler, die Deza, das Bundesamt für
Aussenwirtschaft sowie die geplante Solidaritätsstiftung ist mehr
als angebracht.
«Es gilt
mehr denn je, der palästinensischen Bevölkerung, die in gewissem
Sinne als Naziopfer zweiten Grades zu betrachten ist, eine Hoffnung
auf eine bessere Zukunft zu verleihen»
Shraga Elam
Cash;
1997-09-12; Seite 79; Nummer 37
Reflexion
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