Jetzt
müssen wir Tachles reden
Shraga Elam* über das
Ersticken der freien
Debatte über «jüdische
Themen»
Sonntags Zeitung;
22.07.2001; Seite 17
Im Moment bemühen sich
Privatpersonen und
jüdische Organisationen
um eine «Antisemitismus»-Kampagne.
Der Zeitpunkt ist nicht
zufällig gewählt, denn
die israelischen
Kriegsverbrechen bringen
sogar Juden zur
Verzweiflung. Im Rahmen
dieser Kampagne sind
koordinierte
Ablenkungsmanöver und
Einschüchterungsversuche
gegenüber der
berechtigten Kritik an
Israel zu beobachten. Da
nur wenige Nicht-Juden
selbstsicher und
vorurteilsfrei «jüdische
Themen» anpacken können,
scheint diese Rechnung
kurzfristig aufzugehen.
Heuchelei herrscht!
Am 16. Juni hatte es die
Journalistin Margrit
Sprecher in der «Berner
Zeitung» gewagt, die
Auswirkungen des
Bibelunterrichts in den
israelischen Schulen zu
kritisieren. Besonders
anstössig fand sie das
Buch Josua mit seiner
Schilderung der
blutrünstigen Eroberung
Kanaans. Heute, wo die
Gefahr eines Massakers
an den Palästinensern
droht, greift die
israelische
antimilitaristische
Bewegung «New Profile»
auf Grund
wissenschaftlicher
Studien die
Vermittlungsweise dieses
Buches vehement an. Aber
was kümmert dies z.B.
den erkorenen Historiker
Jacques Picard, der dem
Aufruf der Organisation
«David» offenbar folgte
und bei der BZ
protestierte: «Ich bin
entsetzt über die
Kolumne [Sprechers], die
dumm, beleidigend,
verzerrend und
hetzerisch ist. . . Die
Kolumne ist ein
Meilenstein
medialisierter Hetze und
medialisierender
Verleumdung.» Angesichts
der gut orchestrierten
Protestwelle gegen Frau
Sprecher, muss man sich
fragen, wer da
tatsächlich Hetze
betreibt.
Am 24. Juni warnte ich
in der SonntagsZeitung
vor dem voreiligen
Schluss, der
Rabbinermord von Zürich
könne nur durch
Judenhass motiviert
sein, schrieb aber auch,
dass die Judeophobie als
Folge der zweifelhaften
Rolle jüdischer
Organisationen bei der
schweizerischen
Geschichtsaufarbeitung
zugenommen habe.
In einem peinlichen
Leserbrief schrieb
darauf Roger E. Schärer,
ein Direktor der Credit
Suisse Group, dass der
Mord Resultat des
Judenhasses sei, welcher
wegen
amerikanisch-jüdischen
Funktionären zugenommen
habe. Schärer wurde
darauf als Judenhasser
verschrien, und CS-Chef
Lukas Mühlemann
entschuldigte sich
eiligst mit einem
anbiedernden Brief beim
jüdischen Weltkongress (WJC).
Warum die fehlplatzierte
jüdische Reaktion?
Mahnten nicht auch
Schweizer Juden davor,
dass der WJC jeweils
ohne Rücksicht auf
Verluste und Wahrheit
eine
Restitutionskampagne
führe und damit die
Zunahme der Judeophobie
in der Schweiz in Kauf
nehme? Das Ersticken der
freien Debatte über
«jüdische Themen» führt
zu verheerenden Folgen.
*Shraga Elam ist
israelischer Journalist,
er lebt und arbeitet in
Zürich