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Ein erst 12 jähriges
Beduinenmädchen
Gideon Levy, Haaretz, 8.3.
07
Um 6 Uhr wacht das
Hirtenmädchen auf, ißt ein paar Bissen und bereitet die Schafeherde für die
Weide vor und geht, begleitet von ihrer Großmutter und ihrer Cousine den
Schafen voraus. Nur 2 Stunden von Tel Aviv entfernt – doch eher wie 2000
Jahre von Tel Aviv entfernt – stehen zwei aus alten Gipssäcken aufgebaute
Zelte mitten im Nirgendwo, eine Pferdefamilie, ein primitives Schafpferch
und ein Wassertank. Jeden Morgen gehen die drei Hirtinnen, Großmutter Fadiya
Anami, 60, Cousine Salama Anami, 12, und Hanan Anami, auch 12, mit den
Schafen auf die Weide, die in der Nähe des Zeltes liegt. Salama und Hanan
gehen nicht mehr zur Schule des nicht anerkannten Beduinendorfes von Abu
Krinat im Dimona Gebiet, das noch ziemlich weit entfernt liegt.
Am letzten Mittwoch
gingen die drei Hirtinnen wie üblich hinaus. In den Wintermonaten führen
sie die Tiere weiter nördlich und westlich in die Nähe des Kibbuz Tze’elin
und dem anschließenden Militärübungsgelände, wo das Grass etwas grüner ist.
Sie sagen, sie hätten vom Landwirtschaftsministerium die Erlaubnis. Sie
schlagen dort ihr Zelt auf und bleiben bis zum Sommer bis das Gras verdorrt.
Einer der Beduinen bringt das Nötige. Sie verbringen ihre Tage und Nächte
zwischen der Weide und dem Zelt – ohne Strom oder fließend Wasser - ohne
etwas. Eine Großmutter und zwei Enkelinnen mit ein paar Hütehunden, die auf
sie und die Herde von 120 Schafen aufpassen.
Der letzte Mittwoch
begann wie jeder andere Tag. Die Schafe grasten auf der jetzt gerade üppigen
Weide und die drei Hirtinnen saßen ein paar hundert Meter von einander
entfernt. Die Weide war voll blühender Meerzwiebeln und voller Schafe, die
von Beduinen gehütet werden.
Auf der
gegenüberliegenden Hügelkette standen ein paar Kamele. Wir sahen sie, als
wir am letzten Sonntag die Gegend mit Abed Anami, Hanans Onkel und Salamas
Vater besuchten. Abed Anami, 38 besucht ab und zu seine Mutter, Tochter und
Nichte. Sein Bruder, Hanans Vater, kommt auch gelegentlich, wie gerade
letzten Mittwoch. Als Yussuf an jenem Tag sich auf den Weg zum Zelt macht,
fährt ein Nachbar an ihm vorbei und ruft ihm zu: „Deine Tochter wurde am
Kopf verletzt.!“
An der Straße nach
Tze’elim stehen gelbe Warnschilder in Betonquadern: „ Achtung Gefahr! –
Schießzone!“ – in drei Sprachen zusammen mit dem erschreckenden Bild eines
Totenschädels. Aber an den Abhängen der Straße nach dem Basor Wadi hin gibt
es keine solchen Schilder. Nur ein Warnschild für Fahrradfahrer, die vom
Norden über die Straße kommen.
Wir folgten dem blauen
Subaru, bis er plötzlich anhielt. Abed stieg aus, gefolgt von „der alten
Frau“, wie er seine Mutter Fadya nennt, die vom Kopf bis zu den Füßen
verhüllt war. Wir folgten ihr, bis sie sich plötzlich auf einen Sandhügel
warf. Hier stürzte Hanan hin, sagt sie.
Es war etwa 3 Uhr am
letzten Mittwoch, als Salama plötzlich kleine Dinge sah, die in den Sand
fielen und Staubwolken verursachten. Salama sagte zu ihrem Vater, sie habe
keine Ahnung hatte, was das war. Sie hatte bis jetzt nie eine Salve scharfer
Munition gesehen. Ein paar Minuten später sah sie, wie ihre Cousine Hanan zu
Boden fiel und ein Loch im Kopf hatte. In Panik ließ sie alles und rannte
zum Zeltlager, etwa 3 km entfernt, um Hilfe zu holen.
Mittlerweile eilten
andere Hirten zu dem verletzten Mädchen. Sie war bewusstlos. Sie legten sie
in einen Wagen und fuhren schnell mit ihr zur Hauptstraße. Jemand hatte
einen Ambulanzwagen gerufen, der Hanan dann aufnahm. Yusuf erreichte die
Ambulanz, während die Sanitäter seine Tochter noch behandelten. Sie war
schwer verletzt. Yusuf sagt, sie sähe fast tot aus.
Fadiya saß auf dem
Erdhügel voller Schafknüddel und war ganz still. Ein Geier zog über ihnen
seine Kreise. Über dem Hügel von Tze’elim liegt - den Blicken verborgen -
die Militärbasis. Zwischen der Hauptstraße und dem Erdhügel konnten wir kein
Warnschild über eine Schießzone finden – weder aus der Richtung der Straße
noch in der Nähe der Zelte. Alles was wir sahen, war ein Wagen der „Grünen
Patrouille“ der israelischen Landbehörde. Abed sagt, seit der Tragödie
warne die Grüne Patrouille die Hirten vor der Militärübungszone. Trotzdem
waren auch am Sonntag Hirten mit ihrer Herde dort.
Unter einer
frühlingshaften Sonne folgten wir dem Subaru zu Fadyas zwei Zelten …
Auf dem Weg zurück,
fuhren wir durch die Obstgärten des Kibbutz Tze’elim – grün, dicht
kultiviert mit einem raffinierten Bewässerungssystem.
“Ich gebe den IDF die
Schuld – sie haben uns nicht gewarnt,“ sagt Abed.
Die verschwollenen Augen
geschlossen, ein Verband um den Kopf, die Haut pockennarbig – trotzdem ein
hübsches Mädchen, das nun in der neurologischen Abteilung des
Soroka-Medizinzentrum in Ber Sheva liegt – die Eltern an ihrer Seite. Erst
jetzt – vier Tage nach dem Unfall - ließ Jusuf Anami seine Frau Maryam ihre
Tochter besuchen. Bevor sie das Krankenzimmer betreten, bittet er sie, stark
zu sein. Der Verband bedeckt eine Wunde, die Hanans Schädel spaltet, der mit
Metallklammern zusammengehalten wird. …Yusuf zitiert Augenzeugen, die
sagten, es seien an jenem Tage viele Kugeln in das Weidegebiet geschossen
worden….
(Die IDF behauptet, die
Beduinen dieses Gebietes wüssten, dass diese Zone nicht betreten werden
dürfte, sie seien auch vor ein paar Monaten zwangsweise aus dem Gebiet
entfernt worden und Metallschilder stünden überall in drei Sprachen …)
Kein Wort des Bedauerns.
Es kam auch kein Vertreter der IDF, das Kind besuchen. Wäre ein Soldat
versehentlich angeschossen worden, wäre er nicht besucht worden? Die
Beduinen überlässt man sich selbst. Das geschieht ganz bewusst. Wäre das
Mädchen in einer Schule, dann wäre dies nicht geschehen. Sie wurde aus der
Schule entlassen – und keinen kümmert dies.
Es ist nicht schwer zu
erraten, was geschehen wäre, wenn es ein Mädchen aus dem nahen Kibbuz
gewesen wäre, dass versehentlich von den eigenen Leuten getroffen worden
wäre. „Keiner hat uns gesagt, dass wir mit den Schafen dort nicht hin
dürfen. Es gibt kein Warnschild. Wie soll das Mädchen dort eines sehen?“
Auch Haaretz konnte dort kein Warnschild finden.
Jusuf rührte sich nicht
vom Bett seiner Tochter. Nun starren beide Eltern auf ihre schlafende
Tochter. Als sie ankam, waren ihre Überlebenschancen „weniger als 1%“, sagt
der Neurologe Dr. Vladimir Merkin, der sie operierte. „Die Situation war
kritisch …statistisch waren ihre Aussichten sogar schlecht. Wenn eine Kugel
eine der Mittellinien des Schädels passiert, ist die Chance 1%. Die Kugel
passierte aber zwei Linien, das bedeutet weniger als 1 % …
„Zu unserer Überraschung
ist sie bei Bewusstsein und nach zwei Tagen begann sie zu reden, obwohl die
Kugel durch das Sprechzentrum des Gehirns ging. „Sie hat eine Schwäche auf
der rechten Seite, ist aber nicht gelähmt“, sagt der Arzt. „Und das ist sehr
überraschend. Ihr Auge wurde beschädigt – aber man kann noch nichts Sicheres
sagen. …
(dt.
und gekürzt: Ellen Rohlfs)
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