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Apartheid auf den Straßen der Westbank
(Enough
Palestinian cars)
Gideon Levy, Haaretz, 23.10.05
Wir
müssen diesen Luxus sofort stoppen: den Palästinensern
muss es verboten werden, mit Autos auf allen Straßen der
Westbank zu fahren, und nicht nur auf den
Intercity-Straßen, wie nach der Schießattacke an der
Gush-Etzion-Kreuzung letzte Woche entschieden wurde.
Eine andere „menschlichere“ Lösung wird die
Terrorangriffe nicht verhindern. Auf jeden Fall haben
sich die meisten Palästinenser daran gewöhnt, ohne Auto
zu leben und ohne Bewegungsfreiheit. Deshalb sollten
wir aufhören, mit hochtrabenden Worten und Teillösungen
herumzuspielen: also, keine palästinensischen Autos mehr
auf unseren Straßen, auch nicht in den besetzten
Gebieten.
Ende letzter Woche waren die Leute hier über die
amerikanische Kritik ein bisschen erschrocken, was die
Sperrung der Hauptstraßen in der Westbank für
Privatwagen betraf. Eine Quelle in Jerusalem beeilte
sich, Haaretz mitzuteilen: „Es gibt keinen neuen Plan
für getrennten Verkehr auf den Straßen der Westbank.“
Und der Verteidigungsminister kündigte von London aus
an, es sei nur eine vorübergehende Maßnahme. So wurde
noch einmal bewiesen, dass unsere letzte moralische
Schranke nicht in Jerusalem gefunden wird, sondern in
Washington. Der Gedanke, dass Leute wie George Bush und
Condoleeza Rice die Wächter unserer Moral sind, sollte
uns erschauern lassen – aber so ist es tatsächlich.
Trotzdem gab eine Regierungsquelle zu, es gäbe einen
möglichen Plan für getrennten Verkehr, der aber nur
dann ausgeführt werde, wenn die Palästinensische Behörde
zusammenbricht. Es ist schwer zu verstehen: welche
Beziehungen gibt es denn zwischen dem Kollaps der PA und
einem kompletten Kollaps von dem, was von unseren
menschlichen Werten noch übrig blieb, wie sie sich z.B.
in der Aufbürdung niederdrückender Kollektivstrafen
auswirken?
Inzwischen haben die IDF „Teile des Planes als
unmittelbare Reaktion auf den Terrorismus“ schon
erfüllt, erklärte die Quelle. Das Reiseverbot für
private PKWs auf Intercity-Straßen jedoch ist Teil eines
Systems von ethnisch begründeter Trennung, die schon
seit einiger Zeit praktiziert wird und die sich auf den
Straßen sehr deutlich bemerkbar macht. Seit fünf Jahren
wurde den 2,5 Millionen Bewohnern der Westbank die
Bewegungsfreiheit verweigert. Gelegentlich lockert
Israel diese Bestimmungen, wie es während der letzten
Monate der Fall war, dann werden sie wieder angezogen,
wie es jetzt geschieht. Die Unterschiede sind allerdings
geringfügig. Tatsache ist, dass die Bewohner der
Westbank eingesperrt sind. Die Entscheidungen, den
Griff dann und wann anzuziehen, sind nur dafür gedacht,
den Siedlern eine Freude zu machen, und machen keinen
großen Unterschied.
Es
gibt nur wenige Israelis, die sich über die Auswirkungen
der willkürlichen Entscheidungen des Establishments
eine Vorstellung machen können. Wie viele Tage sind wir
wohl in der Lage, ohne unsere privaten Autos
auszukommen? Wer von uns hat eine Vorstellung, was ihn
erwartet, wenn er oder sie durch den
Hawara-Kontrollpunkt an Tagen gehen muss, an denen er
angeblich offen ist und sich in die endlose Reihe am
Qalandiakontrollpunkt hineindrängt? Oder wie lange eine
Dialysepatient auf den Straßen zwischen Tulkarem und
einem Krankenhaus in Ost-Jerusalem verbringen muss? Jede
Fahrt auf den Straßen der Westbank ist zu einem
unendlichen Alptraum der Demütigung und physischen Angst
geworden.
Deshalb muss die Aufmerksamkeit der sich damit
befassenden ( und verantwortlichen) Amerikaner darauf
gelenkt werden: die Apartheid auf den Straßen besteht
hier schon seit einiger Zeit – mit oder ohne den Plan
für alle Eventualitäten . Die meisten Straßen der
Westbank sind verlassen, keine Menschen, keine Autos. An
Tagen (Shabbat) und Stunden, an denen die Siedler nicht
fahren, sind es Geisterstraßen. Wenn man auf der Straße
zwischen dem J’bara-Kontrollpunkt, nahe Taibeh nach
Tulkarem und Nablus fahren will, fragt man sich, wohin
die hundert Tausenden der hier lebenden Bewohner
verschwunden sind. Haben sie sich in Luft aufgelöst?
Haben sie entschieden, auf ewig unter ihrem Feigenbaum
und unter ihrem Weinstock zu sitzen? Wenn man auf der
Straße 443 – jetzt eine Schnellstraße zur Hauptstadt -
von Modiin nach Jerusalem fährt, fragt man sich, wo die
zehn Tausenden der Bewohner aus den Dörfern rechts und
links der Straße sind? Hier die Information: ihre
Straßen sind blockiert. Die Straße ist nur für Juden.
Wenn man seine Augen anstrengt, wird man neben der
Straße Verkehrswege entdecken, die den Palästinensern
zugewiesen wurden: Pfade die sich den Hügel hoch
schlängeln, Ziegenpfade, über die Wagen stolpern, auch
solche, die ihre Kranken transportieren, Frauen in
Wehen, Schüler und gewöhnliche Leute, die entschieden
haben, ihr Leben in die Hände zu nehmen, um zwei bis
drei Stunden zu fahren, um das benachbarte Dorf zu
erreichen.
Während der Ramadantage hat Israel – eine eifriger
Befürworter für die Freiheit des Gottesdienstbesuches –
Muslimen erlaubt, eine Pilgerreise zur Al-Aksa-Moschee
zu machen. Und einige dieser Pilger mühen sich durch die
Hügel, um diese Pilgerfahrt zu machen, wie das
hebräische Wort für Pilger ( oleh regel) buchstäblich
empfiehlt. Die Busse fahren nun z.B. täglich von Jenin
ab mit Gläubigen die älter als 45 sind – wie von Israel
bestimmt wurde. Sie fahren früh um fünf Uhr morgens los
und kehren etwa um acht Uhr abends wieder zurück - mit
dem vollen Menu der Demütigungen und des Wartens
unterwegs.
All
das hat nichts mit Sicherheit zu tun. Wenn ein Terrorist
wünscht, nach Israel zu kommen, wird er einen Weg
dorthin finden, wie die große Zahl der Palästinenser
beweist, denen es ohne Passierschein gelungen ist.
Allein die Tatsache, dass die Fahrt von Hebron nach
Bethlehem Stunden dauert, verhindert keinen Terrorismus.
Es ermutigt ihn. Und wenn es das Ziel ist, auf jeden
Angriff zu „reagieren“ und zu „strafen“, warum wurde
dann den Bewohnern von Tapuah nicht die
Bewegungsfreiheit verweigert, nachdem der Terrorist Eden
Natan-Zada sich nach Shfaram begab, um dort seine
Bewohner zu töten?
Die
Wahrheit sollte nicht nur in Washington ausgesprochen
werden, sondern vor allem hier: es gibt auf den Straßen
der Westbank ein Apartheidsystem, das keine Verbindung
hat zum Krieg gegen den Terror. Und die Entscheidung,
diesen oder jenen Plan der Eventualitäten herauszuziehen
ist sinnlos. Lange Zeit lebten die Palästinenser in
diesem Land ohne Autos und es gibt keinen Grund, nicht
in diese Zeiten zurückzukehren, besonders wenn Straßen
„nur für Juden“ über ihr Land hinweg gebaut wurden.
Aber verglichen mit den alten Zeiten ist es auch
schwierig mit einem Esel oder zu Fuß voranzukommen.
(dt.
Ellen Rohlfs) |