Die Bedeutung eines
verfehlten Gipfels
Gideon Levy, 29.10.07, Haaretz
Man
sollte das Gipfeltreffen in Annapolis nicht klein reden. Trotz all der
Prophezeiungen eines Scheiterns – ob sie gerechtfertigt sind oder nicht –
dieses Gipfeltreffen könnte noch einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der
israelisch-palästinensischen Verhandlungen bringen. Es ist das erste Mal,
dass kristallklar wird, wer wirklich auf Frieden hofft und noch wichtiger,
wer den Frieden wie Feuer meidet.
Israel
geht nach Annapolis, als ob es gezwungen würde. Die Hände des Ministers sind
gebunden. Wenn er es wagen würde, die Kernfragen auf den Tisch zu legen,
die die eigentlichen Themen wären, die diskutiert werden müssen, dann wäre
sein politisches Schicksal besiegelt. Shas und Yisrael Beitenu haben schon
angekündigt, dass sie in solch einem Fall, die Regierung stürzen würden.
Vermutlich ist sich Ehud Olmert, der Überlebende, dieser Gefahr bewusst.
Trotz der hochtrabenden Abkommen, die er erreichen wird – oder auch nicht,
scheint es, als ob die zweiwöchentlichen Treffen mit dem palästinensischen
Vorsitzenden Mahmoud Abbas nie stattfinden würden. Eli Yishai will sie nicht
erlauben, Avigdor Lieberman droht und sogar Ehud Barak macht ein saures
Gesicht. Ein Israel, das sich weigert, die Kernprobleme zu diskutieren, ist
ein Israel, das keinen Frieden will. Anders kann man das nicht
verstehen.
All
dies wird durch den Kontext, in dem sich der Gipfel abspielt, noch ernster:
Israel hatte nie so wenige Entschuldigungen wie diesmal, um Fortschritte in
Richtung Frieden zu vermeiden, die Atmosphäre war nie besser. Die
Terrorkarte kann nicht wieder ausgespielt werden, weil der Terror sehr
nachgelassen hat. Qassams landen zwar bei Sderot und ein kindischer
Mordversuch sind kein Grund, dem Friedensprozess auszuweichen. Dieser Terror
auf unterer Ebene wird sich leider bei den israelisch-palästinensischen
Beziehungen in den nächsten Jahren fortsetzen. Wir müssen lernen, damit
umzugehen und uns vor allem klar machen, dass er nicht aufhören wird,
solange es kein Abkommen und kein Ende der Besatzung gibt.
Es gibt noch etwas zu
sagen: Das Sicherheitsproblem ist auf der palästinensischen Seite heute ein
viel größeres Problem. Israel kann nicht über Sicherheit reden, nachdem
nach 7 Jahren 4267 Palästinenser getötet wurden, davon 861 Kinder und
Jugendliche – im Vergleich zu 467 Israelis, die nach der
Menschenrechtsorganisation B’tselem getötet wurden.
Es gibt
auch keine Entschuldigung mehr, dass es „keinen Partner“ gibt. Israel hatte
nie einen einfacheren Partner für Friedensverhandlungen als Mahmoud Abbas.
Er vertritt zwar nur kaum die Hälfte des palästinensischen Volkes – Olmert
vertritt sogar noch weniger – das stimmt. Es wäre wirklich besser, wenn das
palästinensische Team, das nach Annapolis geht, Hamas einschließen würde.
Aber das ist kein Grund, es nicht zu versuchen. Wir vernichteten Yasser
Arafat als Partner – und es wird die Zeit kommen, wo das bedauert werden
wird – aber wir können nicht länger die Schwäche seines Nachfolgers als
Entschuldigung benützen. Die arabische Welt ist gegenüber Israel offener
und zum Frieden bereiter als je. Israel zerstört methodisch die Resolution
der arabischen Liga und den Saudi-Friedensplan – doch liegen sie noch immer
auf dem Tisch und senden eine noch nie da gewesene Botschaft der Hoffnung an
Israel.
Die
wirkliche Rolle der USA wird beim Gipfel auch offen gelegt: kein anderer
Vertreter ist in der Lage, so viel beizutragen, damit endlich Frieden in der
Region wird, wie Washington, aber ohne Druck auf Israel bleibt der traurige
Eindruck, dass selbst die Amerikaner nicht von ihrem Weg, Frieden zu
erreichen, abweichen werden. Annapolis wird sich als nichts anderes als
eine flüchtige Geste Amerikas darstellen. Wir versuchten, werden die
Amerikaner sagen. Aber natürlich ist es kein echter Versuch.
Alle
Karten werden in Annapolis offen gelegt – und das ist keine Kleinigkeit. Die
Welt wird sehen und urteilen – die Israelis werden sehen und entscheiden:
wollen wir wirklich Frieden?
(dt.
Ellen Rohlfs)
Quelle:
www.haaretz.com/hasen/objects/pages/printarticleEn.jhtml?itemNo=917818
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