|
Ich habe mein Herz verloren
Gideon Levy, 25.1.07
War es eine Lärmgranate,
die ihren Kopf traf ..oder eine mit Gummi ummantelte Stahlkugel, die von der
Grenzpolizei abgeschossen wurde ? Gibt es da einen Unterschied?
Beabsichtigte der Grenzpolizist, ein Kind von 11 Jahren zu töten – oder
nicht? Die wirkliche Frage ist, warum Grenzpolizisten fast täglich nach
Anata kommen und dort Teufelsarbeit tun – gerade dann, wenn die Kinder von
der Schule kommen. Um Himmels willen, wonach schauen sie in der Nähe einer
Schule in Anata, nordöstlich von Jerusalem? Die Grenzpolizei kommt, die
Schulkinder werfen Steine, die Polizei schießt und tötet noch ein
unschuldiges kleines Mädchen – und keiner muss Rechenschaft abgeben. …
Vor kurzem schrieb ich
hier über den Arbeiter Wahib al-Dik, der auf dem Baugerüst erschossen wurde
und dann von dem „Pferdejungen“ Jamil aus dem Flüchtlingslager, der das
Verbrechen begangen hat, Steine zu werfen. Und nun Abir, 11. Fürs Steine
werfen gibt es also Todesstrafe.
Aber mit Abirs hat es
noch etwas anders auf sich: Sie ist die „Tochter von“. Ihr Vater ist ein
Aktivist der „Kämpfer für den Frieden“, einer Organisation von Leuten von
beiden Seiten, Israelis und Palästinensern, die sich entschieden haben, ihre
Uniformen auszuziehen, ihre Waffen beiseite zu legen und über Frieden zu
reden. Bassam Aramin – Abirs Vater – hat in den letzten Monaten an vielen
Orten im ganzen Land gesprochen, in Wohnzimmern, in Schulen und
Universitäten, von Hatzor Haglilit bis Kfa Sava. Ein paar Tage, bevor er
seine Tochter verlor, sprach er vor Studenten an der Universität in Tel
Aviv. Nun gehört er auch zu den trauernden Vätern. ….
Im Trauerzelt lauschten
wir seinem langen Monolog. So etwas hat man schon lange nicht mehr gehört.
Aramin ist 38 Jahre alt
und ist Vater von 6 Kindern, einschließlich Abir. Er verbrachte 7 Jahre in
israelischen Gefängnissen. Er stammt aus einem Dorf aus der Nähe Hebrons.
Seit seiner Heirat lebt er in Anata, Jerusalems Hinterhof. Er arbeitet im
palästinensischen Nationalarchiv-Zentrum in Ramallah, er spricht fließend
Hebräisch. Dank der blauen Identitätskarte ihrer Jerusalemer Mutter ist Abir
eine Einwohnerin Israels.
Bassam Aramin erzählt:
„Wir trafen uns zum 1.Mal am 16. Januar 2005, also genau zwei Jahre bevor
Abir erschossen wurde. Wir trafen sieben frühere israelische Soldaten, die
sich weigerten, beim Militär zu dienen, und die palästinensische Kämpfer
treffen wollten. Wir trafen uns im Everest-Hotel in Bethlehem: 4
Palästinenser und 7 Israelis. Dieses Treffen war zunächst sehr schwierig.
Wir saßen das erste Mal mit Kerlen zusammen, die uns demütigten, auf uns
schossen, uns an Checkpoints verhafteten, die an den Operationen gegen uns
teilnahmen. Zuerst dachten wir, es seien Mitglieder des
Shin-Beth-Sicherheitsdienstes oder Soldaten der Undercovereinheit, die uns
eine Falle stellen wollen. Ich sah dann aber auch die Angst in ihren Augen,
die fürchteten wir könnten sie kidnappen oder gar töten. …
Ich war das erste und
letzte Mal 1985 im Alter von 16 Jahren verhaftet worden. Jedes Kind hat
einen bestimmten Hintergrund. Ein Kind wie ich, das seinen Kampf ( gegen die
Besatzung) damit begann, nachts eine palästinensische Flagge zu hissen,
brauchte keine besondere Anleitung oder Anstachelung. Ich hatte das Gefühl,
dass ich keine andere Wahl hatte, als gegen die zu sein, die mich schlugen –
es sind seltsame Leute, die eine fremde Sprache sprachen. Wir verstanden
nicht, was sie wollten. Als ich meinen Vater fragte, was dies für Leute
seien und was sie wollten, sagte er, es seien Juden, die uns und unser Land
besetzen wollen. Und warum? Das konnte er mir nicht sagen. Alles, was wir
wollten, war, dass diese Fremden aus dem Dorf gingen, weg von unserm
Spielplatz; sie sollten uns nicht ständig belästigen. Ich wusste damals
nicht, was Freiheit, Unabhängigkeit, Palästina bedeutet – es interessierte
mich auch nicht. …
Ich sah nur, wie die
Soldaten verrückt wurden, wenn sie eine palästinensische Flagge sahen. Ich
verstand nicht, was sie symbolisierte und hatte auch keine Waffe, um
Widerstand zu leisten. Aber wenn sie die Flagge so sehr hassten , dann muss
ich sie ihnen zeigen. So gewann diese Sache, auch wenn ich sie nicht
verstand, an Wert. Ich suchte zu Hause nach Stoffresten in schwarz, rot
grün, und weiß, ohne dass es meine Mutter bemerkte, ging zu Freunden und wir
nähten eine Flagge. Bei Nacht gingen wir zum höchsten Baum im Schulhof und
befestigten die Flagge dort. Am nächsten Tag kamen die Soldaten. Das war
monatelang unser (Kinder-)Spiel, bis die Soldaten eines Tages dieser Sache
überdrüssig waren und alle Bäume im Schulhof absägten. Dann befestigten wir
die Flagge an Telefon- oder Strommasten. Wir hofften damit, Palästina zu
befreien ….
Irgendwann fanden wir in
einer Höhle alte Waffen von den Jordaniern, die sie 1967, als sie flohen ,
zurückließen.
Nun brauchten wir nur
noch Kugeln. Ich fühlte mich jetzt wie ein Erwachsener … Mit Freunden
wollten wir nun Soldaten angreifen. Sie beschossen einen Jeep, aber keiner
wurde verwundet. Sie kamen für viele Jahre ins Gefängnis, obwohl sie kein
Blut an den Händen hatten. Ich wurde auch verhaftet und war 7 Jahre im
Gefängnis. Aus Kinderspiel war plötzlich ernst geworden …
Nun wollte ich wissen,
was es um das Palästinaproblem war, wer die Juden waren, warum es Besatzung
gibt. Ich wollte die Situation verstehen, von der ich ein Teil war. Langsam
begann ich unser Problem zu verstehen, unsere Geschichte und die der Juden:
von der Zeit der Sklaverei in Ägypten, wie sie durch den Holocaust gingen
und wie wir nun den Preis für ihr Leiden bezahlen müssen.
Als ich 1986 im Hebroner
Gefängnis den Film Holocaust sah, fing ich an, vieles zu verstehen. Vor dem
Film fragte ich mich, warum hat Hitler nicht alle getötet. Wenn er alle
getötet hätte , wäre ich jetzt nicht im Gefängnis. Doch dann ich
konzentrierte mich auf den Film, um zu begreifen, was der Holocaust war.
Nach 15 Minuten weinte ich, als ich die Leute sah, die dort nackt ohne
Schuld starben, nur weil sie Juden waren…
Ich sah die Leute mit
gebeugtem Kopf. Ohne Widerstand. Leute, die lebendig von Bulldozern begraben
wurden, wie sie in die Gaskammern gingen, erstickten und starben … Es
verletzte mich sehr, und ich war zornig darüber, dass die Leute keinen
Widerstand leisteten, nicht einmal schrieen, damit man sieht, dass sie
lebendig sind.
Am 1. Oktober 1987
kamen 100 Soldaten in die Jugendabteilung unseres Gefängnisses, die meisten
waren maskiert. Wir mussten uns alle nackt ausziehen, was für uns sehr
demütigend ist. Wir mussten dann durch einen Korridor laufen. Von beiden
Seiten wurden wir geschlagen bis wir zum Hof kamen. Ich erinnerte mich
daran, dass ich zornig über die Juden war, die dem Holocaust keinen
Widerstand entgegensetzten – also begann ich zu schreien. Nach wenigen
Minuten sah ich keine Soldaten mehr. Ich hatte in diesem Augenblick das
Gefühl, dass ich stärker war als sie. Wir waren etwa 120 Jugendliche, die
geschlagen wurden. Als ich den Offizier vom Dienst nach diesen Soldaten
fragte und warum das geschehen war, sagte er, dass sie nicht zum Gefängnis
gehören. Diese Soldaten hatten einen Trainingskurs. Sie wurden darin
trainiert, wie man die Menschlichkeit in einer Person abtötet und wie man in
ihr Rache weckt.
Vieles sah ich im Film
über den Holocaust, was ich später in meinem Leben noch einmal sah. Während
der Intifada sah ich, wie Menschen in Salem lebendig begraben wurden und
wie sie eine Frau töteten und sie am Straßenrand liegen ließen, genau wie im
Film, wo ich einen Nazi-Offizier von seinem Fenster aus eine Frau
erschießen sah. Und danach gingen die Menschen an ihr vorbei. Wie kann
jemand, der das Leiden, die Sklaverei und den Rassismus so durchgemacht hat,
dasselbe einem anderen Volk gegenüber tun? Fragte ich mich. Trotz all diesem
hatte ich viele Freunde unter den Gefängniswärtern. Die Israelis waren für
mich Soldaten, Siedler und Gefängniswärter.
Als ich 1992 aus dem
Gefängnis entlassen wurde, lag Hoffnung in der Luft. Ich heiratete und wir
hatten Kinder. Ich wollte nicht, dass sie ein solch schlimmes Leben haben,
wie meine Generation. Ich wollte sie beschützen. Ich erklärte ihnen alles.
Sie sollten wissen, wer Palästinenser sind und wer die Israelis, dass sie
gegen die Besatzung kämpften und dass sie helfen sollten, ihr Land zu
entwickeln .. meine Kinder wollen alle Ärzte werden, Abir allerdings
Ingenieur.
Dann fand ich die
„Kämpfer für den Frieden“ und nach dem ersten Treffen wussten wir, dass wir
für lange Zeit zusammengehen werden und dass wir große Verantwortung
haben, um für das Leben und für die Freiheit zu kämpfen und das menschliche
Leben neu bewerten müssen, weil wir für beide Seiten nur wie Werkzeuge des
Krieges benützt werden. Wir müssen den Israelis, die nicht wissen, was
Besatzung ist, erklären, dass ihre Söhne zu grausamen Mördern geworden sind,
die meinen, die Sicherheit zu schützen aber genau das Gegenteil tun, nämlich
die Sicherheit gefährden. …
Einmal kam eine
Studentin nach einem Referat auf mich zu - noch dazu an einem Ort, von dem
mir gesagt wurde, dass er sehr schwierig sei, weil er das Ziel von
Katjuschas sei – sie sagte zu mir: „Nun habe ich mit den Palästinensern
Frieden geschlossen. Ich werde nun den Nachrichten oder der Regierung und
all ihren Lügen nicht mehr glauben. Nun habe ich ganz einfach verstanden.“
Das hat mich sehr ermutigt, denn hier war jemand auf der andern Seite, der
mich verstanden hat und mich akzeptiert. …
Von dem was man mir
nach Abirs Tod erzählte, entnahm ich, dass Kinder Steine geworfen hatten und
dass Grenzpolizisten Abir von hinten aus vier Meter Entfernung mit einer
Granate beschossen hatten. Zunächst sagten sie, sie sei von einem Stein
verwundet worden – nun, dieses Spiel kennen wir. Ich hätte nicht gedacht,
dass sie auf ein so verachtenswertes Niveau sinken würden: denn im
Radio-Kanal 2 sagten sie, Abir hätte mit einem explosiven Ding gespielt, das
auf ihrem Kopf explodiert sei. Ihre Finger waren aber heil, aber ihr Kopf
war zerrissen. Sie sind Lügner. Sie schicken einen 18 jährigen Jungen mit
einer M16 und sagen ihm, unsere Kinder seien seine Feinde, und er weiß,
dass keiner vor Gericht kommt. Darum schoss er kaltblütig drauf los und
wurde zum Mörder.
Ich will nicht das Blut
meines Kindes für politische Zwecke ausnützen. Dies hier ist ein
menschlicher Aufschrei. Ich werde meinen gesunden Menschenverstand nicht
verlieren und nicht meine Richtung, nur weil ich mein Herz, mein Kind,
verloren habe. Ich werde weiterkämpfen, um ihre Geschwister, ihre
Klassenkameraden und ihre Freundinnen zu beschützen, die palästinensischen
und die israelischen. Sie alle sind unsere Kinder.“
(dt.
und gekürzt: Ellen Rohlfs)
|