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Die positive Seite des
Scheiterns
Gideon Levy, Haaretz, 13.8.06
Die schlechte ( und
voraussagbare) Nachricht: Israel ist dabei, mit Drohgebärden aus diesem
Krieg zu kommen. Die gute ( und überraschende) Nachricht: dieses
offensichtliche Scheitern könnte eine gute Nachricht bedeuten. Wenn Israel
die Schlachten mit einem leichten, überwältigenden Sieg gewonnen hätte, um
den die Israelis so sehr gebetet hatten, so hätte dies der israelischen
Sicherheitspolitik enormen Schaden zugefügt. Noch ein Knall-auf-Fall-Sieg
hätte für uns eine Katastrophe bedeutet. Macht- und siegestrunken würden wir
versucht sein, unsere Erfolge in anderen Arenen fortzusetzen. Ein
gefährliches Feuer würde die ganze Region gefährden und keiner weiß, wie
das enden mag.
Auf der andern Seite
könnte uns der Misserfolg in diesem kleinen Krieg eine wichtige Lektion für
die Zukunft erteilen und uns dahin bringen, unsere Wege und Redeweise zu
ändern, die Redeweise der Gewalt mit der wir mit unsern Nachbarn
kommunizieren. Der Grundsatz, dass „Israel sich keine Niederlage auf dem
Schlachtfeld leisten kann“ hat sich schon als ein unsinniges Klischee
herausgestellt: Misserfolge mögen nicht nur Israel enorm helfen, sondern -
als Bonus könnten sie auch die Amerikaner die wichtige Lektion lehren, dass
es kein Argument gibt, Israel in militärische Abenteuer zu stoßen.
Seit dem Krieg 1948 hat
Israel nur einen militärischen Sieg aus eigener Kraft errungen, im
6-Tage-Krieg. Man kann sich keinen leichteren und angenehmeren Sieg
vorstellen. Israels „Fähigkeit der Abschreckung“ war wieder hergestellt –
und im großen Ganzen gesehen – in einer Art, von der man annahm, seine
Sicherheit wäre auf Jahre hin garantiert. Doch was geschah? Nur sechs Jahre
später fand der schwierigste Krieg der israelischen Geschichte statt, der
Yom Kippur-Krieg . Kaum Abschreckung – im Gegenteil . Die Niederlage von
1967 trieb die arabischen Armeen dahin, ihre verlorene Ehre wieder
herzustellen und sie brachten dies in sehr kurzer Zeit fertig .Gegen ein
arrogantes, selbstzufriedenes Israel, das sich an den verfaulten Früchte
jenes schwindelerregenden Sieges erfreute, hatten syrische und ägyptische
Armeen große Erfolge – und Israel begriff, dass seiner Macht Grenzen gesetzt
sind. Es könnte sein, dass dieser Krieg uns auch in die Realität
zurückbringt, wo militärische Kraft eben nur Militärkraft ist und für gar
nichts garantieren kann. Wir sind ständig dabei, „Siege“ über die
Palästinenser einzuheimsen. Und was haben wir davon? Abschreckung? Haben die
Palästinenser ihre Träume aufgegeben, ein freies Volk in ihrem eigenen Land
zu sein?
Die Niederlage der IDF
gegen die Hisbollah ist keine schicksalhafte Niederlage. Israel tötete und
nahm Todesfälle in Kauf, aber seine Existenz oder ein Teil seines
Territoriums war für keinen Augenblick in Gefahr . Unsere Lieblingsphrase
„ein existentieller Krieg“ ist nichts anderes als noch ein Ausdruck für
den lächerliches Pathos dieses Krieges, der von Anfang an ein verfluchter
Krieg eigener Wahl war.
Hisbollah hat kein Stück
Land von Israel genommen und ihr Angriff war erträglich, auch wenn er hätte
leicht vermieden werden können, wenn wir nicht dieses törichte libanesische
Abenteuer unternommen hätten . Man kann sich gut vorstellen, was geschehen
wäre, wenn die Hisbollah innerhalb weniger Tage aus der Luft besiegt worden
wäre, wie anfangs von den prahlenden Militärköpfen versprochen worden war.
Der Erfolg hätte uns wahnsinnig gemacht. Die USA würde uns in eine
militärische Kollision mit Syrien getrieben haben und sieges- trunken wären
wir in großer Versuchung gewesen. Der Iran wäre das nächste Ziel gewesen.
Gleichzeitig hätten wir uns mit den Palästinensern befasst. Was so leicht im
Libanon läuft – so wären wir überzeugt gewesen – wird auch zwischen Jenin
und Rafah laufen. Die Folge wäre ein Versuch gewesen, das palästinensische
Problem an seinen Wurzeln zu lösen – durch Beschießen, Auslöschen und
Bombardieren .
Es kann sein, dass dies
alles nun nicht geschieht, weil wir aus erster Hand erfahren haben, dass die
Macht der IDF begrenzter ist als wir dachten und uns erzählt wurde. Unsere
abschreckende Fähigkeit mag jetzt in die entgegengesetzte Richtung gehen.
Israel wird jetzt hoffentlich zweimal darüber nachdenken, bevor es in ein
noch gefährlicheres militärisches Abenteuer schliddert. Das wäre eine
beruhigende Nachricht. Andrerseits besteht die Gefahr, dass die IDF ihre
verlorene Ehre auf dem Rücken der hilflosen Palästinenser wieder herstellen
will. Es funktionierte nicht in Bint Jbail – dann werden wir es ihnen in
Nablus zeigen.
Wenn uns endlich klar
geworden ist, dass das, was nicht mit Gewalt geht, auch nicht mit mehr
Gewalt funktioniert, dann könnte uns dieser Krieg an den Verhandlungstisch
bringen.
Durch den Fehlschlag
gebrandmarkt, könnte die IDF jetzt auch weniger begeistert in eine neue
Schlacht gehen . Es ist auch möglich, dass die politische Befehlsebene jetzt
verstanden hat, dass die Antwort auf Gefahren, denen Israel gegenüber steht,
nicht durch Anwendung von immer mehr Gewalt sein kann; dass die wahre
Antwort auf die legitimen und gerechten Forderungen der Palästinenser nicht
weitere „Operationen Schutzschild“ sind, sondern in der Achtung ihrer
Rechte besteht; dass die wahre Antwort auf die syrische Bedrohung die
Rückgabe der Golanhöhen ohne Verzögerung an ihre rechtmäßigen Besitzer ist;
und dass die Antwort auf die iranische Gefahr darin besteht, den Hass der
arabischen und muslimischen Welt gegen uns nicht weiter aufzuheizen.
Sollte der Krieg
wirklich zu einem Ende kommen, könnte es sein, dass immer mehr Israelis sich
fragen, wofür haben wir getötet und wofür sind Leute von uns getötet worden,
wofür haben wir geschossen und wofür sind wir beschossen worden – und
vielleicht verstehen sie dann, dass alles wieder für nichts und wieder
nichts war. Vielleicht wird es die Errungenschaft dieses Krieges sein, dass
der Fehlschlag sich tief in unser Bewusstsein einprägt, und Israel einen
neuen Weg einschlägt, weniger gewalttätig und weniger brutal wegen des
Fehlschlags. 1967 schrieb Ephraim Kishon: „Entschuldigung, wir haben
gesiegt.“ Dieses Mal sollte man eher sagen: „Es ist gut, dass wir nicht
gewonnen haben.“
(dt.
Ellen Rohlfs) |