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„Schlimmer als Apartheid“
Gideon
Levy, Haaretz, 12.7.08
Ich
dachte, sie würden sich in den Gassen des Balataflüchtlingslager, in der
Nabluser Altstadt und am Hawara-Kontrollpunkt wie zu Hause fühlen. Aber sie
sagten, es gäbe keinen Vergleich: für sie ist das israelische
Besatzungsregime schlimmer als alles , was sie aus der Apartheidzeit
kannten.
In dieser
Woche haben 21 Menschenrechtsaktivisten aus Südafrika Israel besucht. Unter
ihnen waren Mitglieder aus Nelson Mandelas afrikanischem Nationalkongress;
mindestens einer von ihnen hatte an dem bewaffneten Kampf teilgenommen und
war deshalb in Haft. Dabei waren auch zwei Richter des Südafrikanischen
Obersten Gerichtshofes, eine früherer stellvertretender Ministerin,
Mitglieder des Parlaments, Anwälte, Schriftsteller und Journalisten.
Schwarze und Weiße, etwa die Hälfte von ihnen Juden, die heute mit der
Haltung der konservativen jüdischen Gemeinde in ihrem Land im Konflikt sind.
Einige von ihnen waren früher schon mal hier, für andere ist es ihr 1.
Besuch.
Fünf Tage
lang statteten sie Israel einen unkonventionellen Besuch ab – ohne Sderot,
die IDF und das Außenministerium (aber mit Yad Vashem, dem
Holocaust-Gedenkmuseum und einem Treffen mit dem Obersten
Gerichtspräsidenten Richter Dorit Beinish. Sie verbrachten die meiste Zeit
in den besetzten Gebieten, wo sonst kaum einer der offiziellen Gäste
hingeht – ein Gebiet, das auch von den meisten Israelis gemieden wird.
Am Montag
besuchten sie Nablus, die Stadt in der Westbank, die am meisten abgesperrt
ist. Vom Hawara-Kontrollpunkt zur Altstadt (Casbah), von der Casbah nach
Balata, von Josephs Grab zum Kloster an der Jakobs-Quelle. Sie reisten von
Jerusalem nach Nablus über die Schnellstraße 60, sahen die abgesperrten
Dörfer, die keinen Zugang zur Hauptstraße haben, und die „Straßen für die
Einheimischen“, die unter der Hauptstraße verlaufen. Sie sahen dies und
sagten nichts. Sie liefen schweigend durch den Hawara-Kontrollpunkt: Solche
Barrieren gab es bei ihnen nicht.
Jody
Kollapen, der während des Apartheidregimes im Vorstand der Rechtsanwälte für
Menschenrechte war, beobachtet still. Er sieht das „Karusell“, durch das
sich Massen von Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zu Familienbesuchen oder
zum Krankenhaus drängen. Die israelische Friedensaktivistin Neta Golan, die
jahrelang in der belagerten Stadt lebte, erklärt, dass es nur 1% der
Bewohner erlaubt sei, die Stadt zu verlassen, und von ihnen wird angenommen,
dass sie Kollaborateure seien. Nozizwe Madlala-Routledge, eine frühere
stellvertretende Verteidigungs- und Gesundheitsministerin und ein
augenblickliches Parlamentsmitglied, eine verehrte Persönlichkeit in ihrem
Land, beobachtet, wie ein Kranker auf einer Tragbare durchgetragen wird und
ist schockiert. „ Man nimmt den Menschen die humane medizinische Versorgung?
Man weiß, dass die Leute deshalb sterben,“ sagt sie mit leiser Stimme.
Die
Fremdenführer – palästinensische Aktivisten – erklären, dass Nablus von
sechs Kontrollpunkten eingeschlossen ist. Bis 2005 war einer von ihnen
offen. „Die Kontrollpunkte sind angeblich aus Sicherheitsgründen da, aber
wenn einer einen Angriff ausführen will, nimmt er für 10 Scheckel ein Taxi
und fährt auf Umgehungsstraßen oder er geht über die Berge.
Der wahre
Grund für sie ist, das Leben der Einheimischen schwierig zu gestalten. „Die
zivile Bevölkerung leidet,“ sagt Said Abu Hija, ein Dozent an der
Al-Najah-Universität in der Stadt.
Im Bus
lernte ich meine beiden Nachbarn besser kennen: Andrew Feinstein, Sohn von
Holocaustüberlebenden, der mit einer muslimischen Frau aus Bangladesh
verheiratet ist und sechs Jahre bei der Militärpolizei für den ANC gedient
hat; und Nathan Gefen, der einen männlichen Muslimpartner hat und in seiner
Jugend ein Mitglied der rechten Betar-Bewegung war. Gefen ist aktiv beim
Komitee gegen AIDS in seinem von AIDS schwer geplagten Land.
„Schaut
nach rechts und links!“ sagt der Reiseführer durch einen Lautsprecher, „An
der Spitze jedes Berges, auf dem Garizim wie auf dem Ebal, ist ein
israelischer Armeeaußenposten, der uns beobachtet.“ Hier ist ein
Einschussloch in der Mauer einer Schule, dort ist Josephs Grab, bewacht von
einer Gruppe bewaffneter palästinensischer Polizisten. Hier war ein
Kontrollpunkt und hier wurde vor zwei Jahren eine vorübergehende Frau
erschossen. Das Regierungsgebäude, das hier war, wurde bombardiert und von
F-16 Flugzeugen zerstört. Tausend Bewohner von Nablus wurden während der 2.
Intifada getötet, 90 von ihnen bei der Operation Schutzschild – mehr als in
Jenin. Vor zwei Wochen – am Tag als die Waffenruhe im Gazastreifen begann -
führte Israel seine beiden letzten Morde aus. In der letzten Nacht kamen die
Soldaten wieder und verhafteten Leute.
Es ist
lange her, dass Touristen hierher kamen. Etwas ist neu: anstelle der
zahllosen Gedenkposter, die an den Wänden klebten und an die Gefallenen
erinnerten, gibt es nun an jeder Ecke der Casbah Marmordenkmäler und
Metallplaketten.
„Bitte
werfen sie kein Papier in die Toiletten, weil wir ganz wenig Wasser haben“,
wird den Gästen im Büro des Casbah -Volkskomitees gesagt, das sich hoch oben
in einem alten Steingebäude befindet. Der frühere stellvertretende Minister
setzt sich oben an den Tisch. Hinter ihm hängen die Porträts von Yassir
Arafat, Abu Jihad und Marwan Barghouti, dem im Gefängnis sitzenden
Tamzim-Führer. Vertreter der Casbahbewohner beschreiben die Torturen, die
sie durchmachen müssen. 90% der Kinder des alten Stadtviertels leiden unter
Anämie und Unterernährung, die wirtschaftliche Situation ist hart, die
nächtlichen Überfälle setzen sich fort und einige der Bewohner dürfen die
Innenstadt überhaupt nicht verlassen. Wir machen eine Tour auf den Spuren
der Verwüstung, die im Laufe der Jahre von den IDF verursacht wurden.
Edwin
Cameron, ein Richter am Obersten Berufungsgericht in SA, sagt seinen
Gastgebern: „Wir kamen hierher und wussten nichts und sind begierig, die
Situation kennen zu lernen. Wir sind schockiert von dem, was wir bis jetzt
gesehen haben. Uns ist klar, dass die Situation hier unerträglich ist.“ Ein
an die Wand geklebtes Poster zeigt das Photo eines Mannes, der 34 Jahre in
einem israelischen Gefängnis saß – sieben Jahre länger als Mandela. Einer
der jüdischen Mitglieder der Delegation ist bereit zu sagen …dass der
Vergleich mit der Apartheid sehr relevant ist und dass die Israelis das
Rassentrennungsregime sogar noch effizienter ausführen als die
Südafrikaner. Wenn er dies öffentlich sagen würde, würde er von Mitgliedern
der jüdischen Gemeinschaft angegriffen., sagt er.
Unter
einem Feigenbaum im Zentrum der Casbah erklärt einer der palästinensischen
Aktivisten: „Die israelischen Soldaten sind feige. Sie schafften sich mit
Bulldozern breite Durchfahrten. Dabei töteten sie drei Generationen einer
Familie, die Shubi-Familie . Hier ist ein Denkmal für die Familie: für den
Großvater, zwei Tanten, die Mutter und zwei Kinder. Dazu die eingravierten
Worte: „Wir werden nie vergessen, wir werden nie vergeben“.
Nicht
weniger schön als der berühmte Friedhof in Paris von Père-Lachaise liegt der
Friedhof von Nablus im Schatten eines großen Kiefernwaldes. Unter den
Hunderten von Grabsteinen, ragen die der Intifadaopfer heraus. Hier ist das
frische Grab eines Jungen, der vor ein paar Wochen am Hawara-Kontrollpunkt
getötet wurde. Die Südafrikaner gehen still durch die Grabreihen und halten
am Grab der Mutter unseres Fremdenführers Abu Hilja. Sie wurde 15 mal
beschossen. „Wir versprechen dir, nicht aufzugeben“ schrieben die Kinder auf
den Grabstein der Frau, die als „Mutter der Armen“ bekannt war.
Mittagessen ist in einem Hotel der Innenstadt, und Madlala-Routledge
spricht: „Es ist für mich sehr schwierig, zu beschreiben, was ich empfinde.
Was ich hier sehe, ist schlimmer als das, was ich selbst durchgemacht habe.
Aber es stimmt mich positiv, dass ich hier mutige Leute finde. Wir wollen
euch mit allen nur möglichen Mitteln in eurem Kampf beistehen. In unserer
Delegation sind einige Juden, und wir sind stolz, dass sie es sind, die uns
hierher brachten. Sie zeigen so ihr Engagement, euch zu unterstützen. In
unserm Land waren wir in der Lage, alle Kräfte hinter dem Kampf zu vereinen,
und es gab mutige Weiße, einschließlich Juden, die sich uns im Kampf
anschlossen. Ich hoffe, wir werden noch mehr israelische Juden sehen, die
sich eurem Kampf anschließen.“
Sie war
stellvertretende Verteidigungsministerin von 1999 – 2004; 1987 war sie im
Gefängnis. Später fragte ich sie, in welcher Weise die Situation hier
schlimmer als Apartheid sei. „Die absolute Kontrolle über das Leben der
Menschen, der Mangel an Bewegungsfreiheit, überall die Armeepräsenz, die
totale Trennung und die großflächige Zerstörung, wie wir sie sahen.“
Madlala-Routledge denkt, dass der Kampf gegen die Besatzung keinen Erfolg
hat, weil die USA Israel unterstützen, was bei der Apartheid nicht der Fall
war, die mit Hilfe internationaler Sanktionen zu Fall gebracht wurde. Hier
wird die rassistische Ideologie durch die Religion verstärkt, was in
Südafrika nicht der Fall war. „Wenn man vom „verheißenen Land“ und
„auserwählten Volk“ spricht, wird dem Rassismus eine religiöse Dimension
verliehen, die wir nicht hatten.“
Gleich
hart sind die Bemerkungen des Herausgebers der Sunday Times von Südafrika,
Mondli Makhanya, 38. „Wenn man von weitem beobachtet, weiß man, dass die
Dinge schlimm sind, aber man weiß nicht wie schlimm. Nichts kann einen für
das Schlimme vorbereiten, das wir hier gesehen haben. In gewissem Sinne ist
es viel, viel, viel schlimmer als alles, was wir erlitten haben. Das Ausmaß
von Apartheid, der Rassismus und die Brutalität sind schlimmer als in der
schlimmsten Periode der Apartheid.“
„Das
Apartheidregime sah die Schwarzen als minderwertig an; ich denke, dass die
Israelis die Palästinenser gar nicht als Menschen betrachten. Wie kann ein
menschliches Gehirn diese totale Trennung arrangieren, die getrennten
Straßen, die Kontrollpunkte. Was wir durchgemacht haben, war schrecklich,
schrecklich, schrecklich – doch da gibt es keinen Vergleich. Hier ist es
viel schrecklicher. Wir wussten auch, dies ein Ende haben wird; hier ist
kein Ende in Sicht. Das Ende des Tunnels ist schwärzer als schwarz.
„Während
der Apartheid trafen sich Schwarze und Weiße an bestimmten Orten. Die
Israelis und die Palästinenser treffen sich gar nicht mehr. Die Trennung ist
total. Mir scheint, die Israelis hätten es am liebsten, wenn die
Palästinenser verschwinden würden. Das gab es in unserm Falle nicht. Ich
sah die Siedler in Silwan (Ostjerusalem) – das sind Leute, die die andern
von ihrem Platz vertreiben wollen.“
Danach
gingen wir still durch die Gassen von Balata, dem größten Flüchtlingslager
in der Westbank, einem Ort der vor 60 Jahren als vorübergehende Bleibe für
5000 Flüchtlinge gedacht war. Jetzt wird er von 26 000 Menschen bewohnt. In
den dunklen Gassen, die nur so breit sind wie eine schlanke Person,
herrschte drückende Stille. Jeder war in seine Gedanken versunken, nur die
Stimme des Muezzin unterbrach die Stille.
Aus einem
anderen Bericht über den Besuch dieser Delegation aus SA von Donald
Macintyre in Independent 11.7.08: Er zitiert Andrew Feinstein nach dem
Besuch von Yad Vashem: „Was der Holocaust uns mehr als alles andere lehrt,
ist, dass wir nie wegschauen sollen, wenn vor uns Ungerechtigkeiten
geschehen“. „What the
Holocaust teaches us more than anything else is that we must never turn our
heads away in the face of injustice.”
(dt. Ellen
Rohlfs)
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