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Die Checkpoint-Generation
Amira Hass, Haaretz,
29.11.06
Vor fast einem Monat wurde ein
junger Palästinenser ins
Beilinson-Krankenhaus gebracht.
Soldaten an einem Checkpoint
nördlich Nablus hatten am
4.November auf ihn geschossen.
Haitem Yassin, 25, ist zwar bei
Bewusstsein, aber er ist immer
noch an das Beatmungsgerät
angeschlossen. In den
vergangenen Tagen litt er an
hohem Fieber, anscheinend durch
eine Entzündung im Unterleib
verursacht, der durch den
Beschuss verletzt wurde. Seine
Familie wartet noch immer auf
einen Bericht aus dem
Krankenhaus über die Zahl und
die Art der Kugeln, die die
schwere Verletzung verursacht
haben.
In der Samaria-Brigade wird immer
noch nachgeforscht, was an jenem
Tag am befestigten und
isolierten Asira
al-Shmaliya-Kontrollpunkt
geschehen ist, den nur die
Bewohner einiger Dörfer
passieren dürfen. Doch nach den
Zeugenaussagen, die von einem
Mitarbeiter von B’tselem, dem
israelischen Informationszentrum
für Menschenrechte in den
Besetzten Gebieten, aufgenommen
wurden, kam heraus, dass Yassin
die Soldaten irritiert habe. Er
wagte ihnen gegenüber, einen
Vorschlag zu machen: ihre
Forderung gegenüber den Frauen,
ihren Körper für eine
Sicherheitskontrolle abtasten zu
dürfen, sei ungehörig. Das
ärgerte einen Soldaten so sehr,
dass er ihn beiseite stieß. *
Yassin, der erst vor wenigen
Monaten aus dem Ausland
zurückgekommen war, hatte
anscheinend die Tatsache noch
nicht verinnerlicht, dass es
gefährlich ist, einen Soldaten
daran zu erinnern, dass
Palästinenser menschliche Wesen
sind. Als der Soldat ihn
beiseite schubste, stieß Yassin
zurück. Nach den Zeugenaussagen
begann der Soldat zu schreien,
zu fluchen und ihn zu schlagen.
Er bekam sofort Verstärkung von
zwei andern Soldaten, die in die
Luft und in den Boden schossen.
Obwohl Yassin nach dem Schießen
zu Boden fiel, warfen sie ihn –
nach Zeugenaussagen auf einen
Zementblock, fesselten ihn mit
Handschellen und stießen ihn mit
den Stiefeln auch gegen den
Kopf und – laut Zeugenaussagen –
schlugen sie ihn auch mit ihren
Gewehrkolben.
In einem Dorf im Raum Nablus
erholt sich ein anderer junger
Palästinenser von einem Trauma,
das er durch harte Schläge eines
Soldaten am Jit-Kontrollpunkt
zwischen Nablus und Qalqilia
erlitten hat. Das Büro des
IDF-Sprechers sagte aus, der
junge Mann habe einen Soldaten
geschubst und geschlagen, weil
ihn dieser aufgefordert hätte,
zu seinem Fahrzeug
zurückzukehren. Wobei der Soldat
ihn nur abgewehrt habe. Die
Aussage von S. ist aber
vollkommen anders. Er sei wie
andere an diesem Tag, dem
9.November, auf dem Weg zu
seiner Arbeit in einer jüdischen
Siedlung, aus dem Wagen
gestiegen, um herauszufinden,
warum die Autoschlange sich
nicht vorwärts bewege, denn
jeder wollte schnell zu seinem
Arbeitsplatz gelangen.
Nach einem Taxifahrer hätten die
Soldaten angekündigt, dass die
Wagen nicht vor mittags
weiterfahren könnten. S.
beabsichtigte – nach seiner
eigenen Aussage – zu seinem
Wagen zurückzukehren, als sich
ihm ein Soldat näherte, und es
so aussah, als wollte dieser ihn
mit seinem Gewehrkolben
schlagen. S. griff nach dem
Gewehr und schob es beiseite.
Das regte den Soldaten
anscheinend derart auf, dass er
ihn ergriff, von den übrigen
Leute wegzog, auf den Boden warf
und ihn in alle Teile des
Körpers stieß, auch in den Kopf.
Am Beit Iba-Checkpoint waren es
andere Soldaten, die sich über
einen Studenten ärgerten, der am
9. Oktober in der Menge der
Leute auf eimal das Gefühl
hatte, zu ersticken und um etwas
mehr Luft zu kriegen, nur einen
Ausweg sah, nämlich an einer
Stange hochzuklettern. Als er
sich weigerte, den Befehlen der
Soldaten zu gehorchen, weil es
keinen Platz und keine Luft gab,
fielen sie über ihn her und
schlugen ihn mit den
Gewehrkolben. Nach der
Zeugenaussage eines Freundes,
der zu einer Aktivistin von
Machsom Watch sprach, zerbrachen
die Soldaten auch seine Brille
und bestraften ihn: sie
verhafteten ihn und brachten ihn
in „Einzelhaft“ in eine Art
Strafzelle, in die die Soldaten
und Offiziere Palästinenser
warfen, die sich „schlecht
benommen“ haben. Die Zelle war
für Verdächtige gedacht, die
eventuell ein Sicherheitsproblem
darstellen könnten. Aber oft
werden Leute, die es wagen, mit
den Soldaten zu debattieren,
dort hinein geworfen oder in
eine andere Art von Strafzelle,
wie es sie an andern Checkpoints
gibt.
In zig tausenden von Häusern in
der Westbank leben andere, die
nicht im Krankenhaus gelandet
sind, aber die Tag für Tag
schwer begreifliche, ja harte
Eindrücke vom Wesen und
Verhalten der Israelis in sich
aufnehmen, nämlich von den
einzigen, denen sie begegnen,
den Soldaten an den Checkpoints.
Die Nicht-Palästinenser, die
auch die Checkpoints passieren
müssen, können eine ähnliche
Schlussfolgerung ziehen: die
meisten dort stationierten
Soldaten sind grob, arrogant,
prahlerisch und zweifellos
hartherzig. All zu oft scheint
es, als ob die Soldaten die
Autoschlange und die Leute
absichtlich eine lange Zeit
warten lassen. All zu oft sieht
man sie lachend und grinsend
beim Anblick der Hunderte von
sich drängenden und schubsenden
Leuten in der langsamen Reihe
hinter der engen
Inspektions-Drehtür.
Die Palästinenser sind nicht an
Erklärungen interessiert, die
Israel gibt: es ist eine
schwierige Aufgabe; die Soldaten
haben Angst; vielleicht kommt ja
jemand mit einem
Sprengstoffgürtel; sie sind noch
jung, fast Kinder; sie
verteidigen die Heimat; wenn sie
nicht an den Checkpoints mitten
in der Westbank stehen würden,
könnten Selbstmordattentäter
problemlos nach Israel kommen …
Die Wahrheit ist, dass nicht
einmal die Eltern der Soldaten
an diesen Erklärungen
interessiert sind. Sie sollten
jedoch sehr über ihr Land
beunruhigt sein, das ihre Söhne
und Töchter mit einer
Apartheidaufgabe betraut: die
Bewegungsfreiheit der
Palästinenser innerhalb der
besetzten Gebiete zu
beschränken, den
palästinensischen Raum zu
verkleinern, damit sich Juden
in demselben Gebiet frei bewegen
und weiter ausdehnen können. Um
diese Mission voll erfüllen zu
können, müssen sich die Soldaten
gegenüber den „Eingeborenen“
wie „Überlegene“ fühlen und
handeln.
*(Nachtrag: in Haaretz vom
1.12.06 erfährt man, dass der
Soldat, der auf Yassin
geschossen hat, 14 Tage
Gefängnis erhalten hat - wäre
es umgekehrt gewesen, der
Palästinenser hätte sicher
jahrelange Gefängnisstrafe
erhalten)
(dt. Ellen Rohlfs) |