Palästinensische Bauern
werden wie Kriminelle behandelt
Amira Hass
Unter der
Geräuschkulisse des unaufhörlichen Lärms der Straßen
im Hebron Distrikt begeht ein anonymer Araber ein
schweres „Verbrechen“: mit einem kleinen Hammer
gräbt er eine Zisterne, damit er auf seinem felsigen
Land Regenwasser sammeln kann. Andere ähnliche
„Kriminelle“ haben andere Methoden, um ihre üblen
Taten auszuführen – d.h. um ihr Land für die
Anpflanzung von Gemüse, Korn, Weintrauben und
Mandelbäume vorzubereiten.
„Wenn jemand eine
Terrasse auf seinem Land bauen will, nimmt er einen
Stein vom Boden und fügt ihn zur Stützmauer –
einmal im Monat oder wenigstens einmal in der
Woche, so dass man die Veränderung kaum bemerkt,“
sagt ein Hebroner Bewohner und erklärt eine der
Methoden.
Die Erfahrung lehrt,
wenn man schwere Maschinen nimmt, um das Land zu
bearbeiten, zieht das sofort die Inspektoren der
Zivilen ( isr.) Verwaltung und die Siedler an und
bald darauf folgen die Anordnungen, dass man mit der
Arbeit aufhören müsse. Im Sinne des volkstümlichen
Sprichwortes: „Gib einem Mann lieber eine Angel
statt einen Fisch“ hat die EU in den letzten Jahren
den palästinensischen Bauern Geld gegeben. Diese
Projekte sind dafür bestimmt, das Einkommen der
armen Bauernfamilien zu vergrößern, indem sie ihr
Land beanspruchen und das kultivierte Land
vergrößern. Die Logik von „Gib einem Mann eine
Angel“ bedeutet auch, dass man zu den alten
umweltfreundlichen landwirtschaftlichen Methoden
zurückkehrt, alte Nutzpflanzen anbaut und auch vom
Wasser den größten Nutzen hat - und so gegen die
wachsende Wüstenwerdung ankämpft.
„Und wir waren
tatsächlich davon überzeugt, dass die Palästinenser
und Israel ein gemeinsames Interesse haben: die
Zone C zu entwickeln, was die palästinensische
Wirtschaft unterstützt und Projekte, die beiden
Seiten hinsichtlich der Umwelt nützen“, sagte ein
europäischer Diplomat, der entdeckte, dass er
falsch verstanden worden war.
Während der letzten
zwei Jahre hat die Zivilverwaltung in Hebron
Dutzende von Verordnungen an palästinensische Bauern
vergeben, die das in ihrem Besitz befindliche Land
zu kultivieren versuchten , sie sollten mit der
Arbeit aufhören . So erfuhren Europäer, Vertreter
von Geberstaaten, dass es Palästinensern ohne
Genehmigung der Zivilverwaltung nicht erlaubt sei,
einen Stein zu bewegen, einen Baum zu pflanzen oder
Regenwasser auf ihrem Land zu sammeln,“ wie einer
von ihnen Haaretz erzählte.
Die Palästinenser haben
mehrere alte landwirtschaftliche Vereinigungen, die
seit den frühen 80er-Jahren arbeiten; Sie brauchen
die Europäer nicht, um das Rad neu zu erfinden. Aber
sie brauchen finanzielle Unterstützung.
Das System arbeitet
folgendermaßen: Die Europäer überweisen das Geld an
internationale NGO-Agenturen. Eine davon ist die
Union der Agricultural Work Committees, eine der
ältesten palästinensischen NGOs. Diese Organisation
erhielt 2,25 Mill. Euros von der EU für ein
dreijähriges Projekt, um 2000 Dunum von ( früher)
landwirtschaftlich genütztem Land im Hebron-Distrikt
neu zu kultivieren. Das heißt: Felsen und Steine zu
entfernen, den Boden einzuebnen, Terrassen zu
bauen, Steinzäune aufzubauen, Zisternen zu graben
und die Wege zu diesem Stück Land zu verbessern. Zu
diesem Projekt gehören mehrere hundert Familien.
Alle stimmen mit der Hauptbedingung überein. Sie
übernehmen 25% der Kosten der Arbeit auf ihrem Land.
Etwa 70% des
palästinensisch landwirtschaftlichen Landes liegt in
der von Israel ( nach Oslo) bezeichneten Zone C, die
unter voller israelischer Kontrolle ist. Deshalb ist
für die Non-profit-Organisationen das Kultivieren
des Landes ein Teil des politischen, allgemeinen
Kampfes gegen die Annexion durch israelische
Siedlungen und Außenposten. Aber für die Bauern
selbst schließt diese Schlacht viele Risiken ein,
die nicht viele auf sich nehmen wollen.
….
Anordnungen zum
Aufhören
Keiner will die
Erfahrungen durchmachen, die vor vier Monaten
Familie Rabia Jaber durchgemacht hat. Im Oktober
überfielen IDF-Soldaten und Leute der zivilen
Verwaltung das trockne felsige Land ( 10 Dunum) der
Familie im Südosten von Hebron. Ein IDF-Bulldozer
zerstörte die Steinwand der Terrassen, grub Land um
und zerstörte die Zisterne.
Die Arbeit an dem sehr
felsigen Bergabhang gegenüber von Jabers Haus begann
im Mai 2008. Ein großer palästinensischer Bagger
entfernte die Felsen und zerkleinerte sie, grub ein
Zisterne, die das Regenwasser sammeln sollte. Ein
kleinerer Bagger brach die Steine in kleinere Stücke
und begann am Abhang, Terrassen zu bauen. Die
Familie – vier Brüder und insgesamt 35 Leute –
planten Weinstöcke, Oliven und Mandelbäume zu
pflanzen; das sind alles Pflanzen die keine
künstliche Bewässerung benötigen. Aber im Oktober
2008, als die Arbeit fast fertig war, kam die
Anordnung, mit der Arbeit aufzuhören..
Nach der Anordnung kam
heraus, dass die Zivilverwaltung entschieden hat,
dass sie Land bearbeiten würden, das ihnen gar nicht
gehört, obwohl die Jabers Dokumente hatten, dass sie
für dieses Land seit der jordanischen Herrschaft
Steuern zahlen und zwar nicht nur sie, sondern auch
die Besitzer des Landes daneben, die auch wussten,
dass dies ihr Land ist.
Die Zerstörung schlug
Wellen, nachdem geschriebene und gefilmte Berichte
in der Pro-settler-Website erschienen waren. Die
letzteren legten Wert darauf, die Partner dieser
Invasion auf das Land ihrer „Heimat“ zu
identifizieren: die EU und Oxfam (Belgien).
Khader Shibak von
Halhoul erhielt die Stopp-work Anordnung im
August 2008, vier Tage nachdem er mit der Arbeit
begonnen hat. Bis vor 10 Jahren hatten er und sein
Bruder Weinstöcke und Mandelbäume dort gepflanzt.
Ende 2000 wurde ein Militärlager auf die Höhe des
Berges gesetzt. Dieses und Reisebeschränkungen
während der 2. Intifada hinderte die Familie daran,
zum Weinberg und zum Obstbaumhain zu kommen. 2008
wurde das Militärlager abgebaut und die Familie
entschied, ihr Land wieder zu kultivieren und neue
Bäume zu pflanzen.
Beide – die Jabers und
die Shibacks – sind Begünstigte der Vereinigung des
Landwirtschaftlichen Arbeitskomitee-Projekts. Sie
wurden darum gebeten, den israelischen Behörden die
Dokumente zu zeigen, die ihren Besitzstand des
Landes ausweisen, und dass sie das Recht haben,
dieses zu kultivieren. Das ist ein teurer und
zeitraubender Prozess, der Gebühren, einen Anwalt,
Fahrten zum Beit El-Hauptquartier der Zivilbehörde
einschließt und das Durchsuchen von Archiven. Die
Ergebnisse befriedigen die Israelis oft nicht, da
sie eine sehr dehnbare Definition für Staatsland
und privates Land haben. Beide Familien haben sich
da richtig rein gekniet.
Hani Zemaara von
Halhoul, 56, wollte drei Dunum seines Landes
kultivieren. Auch seine Arbeit wurde gestoppt.
Zemaaras Land war zufällig vor 1993 schon
kultiviert. Aber seine Ernte wurde zerstört, als die
Hebroner Umgehungsstraße befestigt wurde. Er brachte
tatsächlich alle notwendigen Dokumente zusammen, um
den Israeli zu zeigen, dass er der Besitzer des
Landes ist – einschließlich einer detaillierten
Karte mit Plan, die extra für ihn von einem
Landvermesser skizziert wurde. Er investierte 3500
NIS, die er nicht hatte, um alle notwendigen Papiere
zu bekommen. Es verging mehr als ein Jahr, und er
wartet noch immer auf die Genehmigung. Die fast
vollendeten Terrassen auf seinem Stück Land liegen
trocken am Hang des Berges. „ Wenn wir auf unserm
Land arbeiten, ist es für Israel so, als ob wir
einen Israeli töten,“ wie es ein Mitglied des
Landwirtschaftskomitee sagte.
Europäische
Mitarbeiter, die mit dem Finanzierungsprozess zu tun
haben, sind davon überzeugt, dass die
Zivilverwaltung in den letzten Jahren gegenüber
den palästinensischen Bauern härter geworden ist,
und zwar allgemein unter dem Druck der Siedler und
besonders unter der Regavim-Vereinigung . Regavim,
das sich selbst „die Bewegung zur Erhaltung des
Landes der Nation“ nennt, dehnt seine Arbeit immer
weiter aus und findet palästinensische
„Verletzungen“ in der Zone C.
Ein Regavim-Sprecher
sagte zu Haaretz, dass die Organisation es sehr
ernst nimmt, wenn Araber „illegal“ Land in Zone C -
in Judäa und Samaria - nehmen, einschließlich durch
landwirtschaftliche Bearbeitung, die nur für diesen
Zweck bestimmt ist.
Regavim verfolgt mit
Sorge die wachsende Einmischung anderer Länder, die
zunehmend einseitig neue Fakten vor Ort schaffen,
und dabei die Gesetze des Staates Israel verletzen
und unverschämt seine Souveränität unterwandern …
Regavim ruft das Außenministerium an, es möge den
internationalen Parteien eine eindeutige Botschaft
vermitteln und darlegen, dass Israel durch ihr
Verhalten sehr verärgert sei und sofort Abstand
davon nehmen solle.
„Die Regavim-Bewegung
freut sich zu hören, dass die Zivilverwaltung auf
ihre Forderungen reagiert habe und das Gesetz in
gleicher Weise, also auch unter den Arabern
durchgesetzt habe.
(dt. Ellen Rohlfs)
|