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Nr. 6/7  1999 MOMA, Monatsmagazin für neue Politik, Zürich

Ist ein Vergleich zwischen der Judenvernichtung und der Verfolgung und Vertreibung der Kosovoalbaner legitim?
Auschwitz liegt nicht im Kosovo

Von Shraga Elam*

 

Um die Nato-Angriffe gegen Serbien propagandistisch zu rechtfertigen, werden Vergleiche mit der versöhnlichen Politik gegenüber Hitler in den Dreissiger Jahren, der Nicht-Bombardierung Auschwitz' bzw. der Bahnlinien dorthin und der Judenvernichtung schlechthin gezogen.

Einige Shoa-Überlebende protestieren zu Recht gegen diesen Missbrauch der Geschichte, dabei pochen sie leider fast religiös auf die Unvergleichbarkeit des Judeozids.

In der Tat ist jedoch der Vergleich als solcher - im Unterschied zu den manipulativen Absichten - sehr legitim. Denn es darf nicht vergessen werden, dass auch die Nazis die Juden anfänglich "nur" aus dem europäischen Raum vertreiben wollten. Erst mit dem Scheitern dieser Deportationspolitik wurden die Judenverfolgungen verschärft und die Nazis gingen über zur systematischen physischen Vernichtung.

Anscheinend kann anhand dieser historischen Vorgänge argumentiert werden, man dürfe nicht warten, bis auch im Kosovo eine solche Radikalisierung stattfindet. Was aber, wenn ein Angriff von aussen die Verschärfung des Elends auslöst?

Eine nähere Betrachtung der damaligen und heutigen Umstände zeigt jedoch überraschende, wenig bekannte Parallelen: Sowohl in Nazideutschland wie auch in Serbien unterstützten US-Grossunternehmen den Aufbau der Diktatoren. Firmen wie Ford, General Motors, Standard Oil und andere waren sehr zentral an der Förderung der NS-Kriegswirtschaft beteiligt, und wie der ehemalige Journalist der New York Times, Charles Higham , schreibt, wurden US-Kriegsmateriallieferungen noch bis Kriegsende fortgesetzt.

Gleichzeitig wurden von deutscher Seite - auch nach der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 - immer wieder ernst zu nehmende Angebote zum Freikauf einer grossen Anzahl Juden gemacht. Diese Offerten scheiterten in der Regel am Widerstand des US Aussenministeriums, welches das Ende des Judeozids nur in der bedingungslosen deutschen Kapitulation sah.

Mehrere Dokumente, die dafür sprechen, dass Himmler mit diesen Freikauf-Offerten nicht nur Lösegelder zu erpressen suchte, sondern die europäischen Juden als Geiseln und Druckmittel zu missbrauchen, um die Verhandlungen über einen 'Sonderfrieden' mit den Alliierten zu erzwingen.

Die Forderung nach der bedingungslosen Kapitulation wirkte sich nicht nur verheerend für die jüdischen Menschen aus, sondern für ganz Europa. Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, durch Verhandlungen - sogar mit Himmler - das frühzeitige Kriegsende zu erreichen. Denn auch dieser war offensichtlich an der Beseitigung Hitlers mit der entsprechenden Unterstützung von aussen interessiert. Ein solches Abkommen hätte im Bewusstsein unterzeichnet werden können, dass der Sturz des NS-Regimes durch die interne Opposition nach dem Sonderfrieden durchaus realistisch gewesen wäre.

Es scheint aber, dass das US-Aussenministerium sowie die Grossunternehmen kein Interesse an der frühzeitigen Beendigung des Elends in Europa hatten.

So behauptete das US-Aussenministerium kaltblütig, der Menschenhandel mit Juden, welcher Millionen hätte retten können, verstosse gegen die Bestimmungen des Trading with the Enemy Acts. Die Lieferungen von monatlich 48,000 Tonnen amerikanischen Erdöls, welche - noch 1944 - nach Deutschland gingen, wurden hingegen von den gleichen Beamten jeweils aktiv unterstützt und offensichtlich nicht als 'Handel mit dem Feind' taxiert.

Die Alliierten weigerten sich 1944 mit fadenscheinigen pseudo-operativen Argumenten auf die verzweifelten Appelle des Rabbiners Michael Dov Weissmandel einzugehen, Auschwitz bzw. die Bahnlinien zu bombardieren. In dieser Zeit wurden pro Tag gegen 12'000 ungarische Juden in das Vernichtungslager deportiert (insgesamt über 500'000). Luftangriffe hätten bestimmt die Rettung vieler Menschen bedeutet. Da die Massendeportationen aus Ungarn aber das gesamte deutsche Bahnsystem in Osteuropa blockierten, waren die Alliierten an der Fortsetzung dieser Transporte interessiert. Denn so wurde auch der militärische Nachschub der Deutschen für die Front aufs schwerste behindert.

Es liegt auf der Hand, dass die gegenwärtigen Bombardierungen Serbiens nicht als Ersatz für die vergangenen Versäumnisse in Auschwitz dienen können. Denn anstatt das Morden zu stoppen, bewirken sie das Gegenteil.

Es drängen sich jedoch gewisse Ähnlichkeiten auf zwischen dem damaligen und jetzigen Einsatz der zynischen US-amerikanischen Logik. Dies zeigen auch die Kongressuntersuchungen von Henry Gonzalez zur Rolle der Bush-Administration und des Big Business beim Aufbau Saddam Husseins (Iraqgate) und Slobodan Milosevic' auf. Über die Banca Nazionale del Lavoro spielten, in beiden Fällen, Henry Kissinger und Lawrence (of Serbia) Eagleburger eine sehr zentrale Rolle.

Weitere Indizien deuten auf ein doppeltes US-amerikanisches Spiel. Im Zusammenhang mit den katastrophalen humanitären, wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Auswirkungen des NATO-Einsatzes für Gesamteuropa drängen sich unweigerlich Fragen auf. Fragen über den Sinn und Unsinn dieses Krieges, über die wirklichen Feinde, die Verlierer und Gewinner.

* Shraga Elam ist Israelischer Forscher und freier Journalist in Zürich, mit den Spezialgebieten Zweiter Weltkrieg und Naher Osten.

1.  Charles Higham, Trading With The Enemy - An Exposé of The Nazi-American Money Plot 1933-1949, Delacorte Press, New York 1983.

 

 

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