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„Antikriegs“-Film : „Tanz mit Bashir“ ist nichts anderes als eine Scharade

 Gideon Levy,  11.7.09

 

Jeder hat für Ari Folman und all die kreativen Künstler im Film „Tanz mit Bashir” den Daumen gedrückt , damit  er am Sonntag den Oskar erhält. Der erste israelische Oskar? Warum nicht?

 

Doch muss auch bemerkt werden, dass der Film ärgerlich, beunruhigend, haarsträubend und trügerisch ist. Er verdient einen Oskar für seine  Illustrationen und Animationen – aber ein Medaille  der Schande für seine Botschaft. Es war nicht zufällig, dass er den Goldenen Globus gewann. Folman hat nicht einmal den Krieg im Gazastreifen erwähnt, der gerade wütete, als er den hohen Preis entgegennahm. Die Bilder, die an jenem Tag aus dem Gazastreifen kamen, ähnelten sehr den Bildern in Folmans Film. Aber er sagte kein Wort dazu. Bevor wir also Folmans Lob singen, das natürlich ein Lob für uns alle ist, tun wir gut daran, uns zu erinnern, dass dies kein Anti-Kriegsfilm ist, nicht einmal ein kritisches Werk über Israel als  Militarist und Besatzer. Es ist ein Akt von Schwindel und Täuschung, der uns erlaubt, uns selbst auf die Schulter zu klopfen und uns und der Welt zu sagen, was für nette Leute wir sind.

 

Hollywood wird entzückt sein. Europa und das israelische Außenministerium werden Beifall klatschen und den Film und seine Schöpfer rund um die Welt schicken, um die guten Seiten des Landes zu zeigen. Aber die Wahrheit ist, dass dies Propaganda ist. Kunstvoll, raffiniert, gekonnt und geschmackvoll – aber Propaganda. Ein neuer Botschafter  für Kultur wird sich nun Amos Oz und A.B. Yehoshua anschließen, und auch er wird als sagenhaft progressiv angesehen werden – so anders als die blutrünstigen Soldaten an den Checkpoints, die Piloten, die auf Wohnblocks Bomben abwerfen, die Artilleristen, die Frauen und Kinder beschießen und die Kampftruppen, die die Straßen aufreißen. Hier  findet man stattdessen  das entgegengesetzte Bild. Auch lebhaft. Ein fortschrittliches, wunderschönes Israel, verzweifelt und selbstgerecht und einen Walzer mit oder ohne Bashir tanzend. Wozu brauchen wir noch Propagandisten, Offiziere, Kommentatoren und Sprecher, die „Informationen“ weitergeben? Wir haben diesen  Tanz.

Der Tanz beruht auf zwei ideologischen Fundamenten. Das eine ist das „Wir schießen und weinen“-Syndrom: Oh, wie weinten wir, doch unsere Hände waren nicht blutbefleckt. Füge dem eine Prise Holocaust-Gedenken hinzu, ohne das es keine echte israelische Selbstbeschäftigung gibt, und einen Schuss Opfermentalität – ein anderer absolut wesentlicher Bestandteil im öffentlichen Diskurs hier und  - voilá! dann hast du das trügerische Portrait von Israel 2008 in Worten und Bildern.

 

Folman nahm am Libanonkrieg von 1982 teil und  24 Jahre später erinnerte er sich daran und machte einen Film darüber. Er quält sich und geht zurück zu seinen Waffenbrüdern, schüttet sich an einer Bar mit einem anderen  einen Whisky in die Kehle, raucht mit  noch einem anderen in Holland Marihuana, weckt seinen Therapisten-Kumpel früh morgens auf und  fängt eine neue Therapiebehandlung bei seinem Seelenklempner an, um endlich von dem Alptraum befreit zu werden, der ihn verfolgt. Und der Alptraum ist noch immer der unsrige, der unsrige allein.

 

Es ist sehr passend, einen Film über den jetzt weit zurückliegenden Libanonkrieg zu machen. Wir sandten schon mal einen solchen  – „Beaufort“ – zum Oskarwettbewerb. Und es ist noch

Passender, sich speziell auf Sabra und Chatila zu konzentrieren, die Flüchtlingslager  bei Beirut.

Auch wenn es schon weit zurückliegt und die sehr große Protestdemo ( in Tal Aviv) gegen das in jenen Lagern begangene Massaker stattfand, gab es die Erklärung trotz allem: die grausamen und brutalen Hände, die das Blut verschütteten, waren nicht die unseren. Aber es gab unsern Lakaien, der Phalange, ein grünes Licht, das Morden auszuführen, und die Tatsache, dass alles auf von Israel besetztem Gebiet geschah. Lasst uns im Protest gegen all die wilden Bashir-Typen unsere Stimmen erheben, die wir gekannt haben – und auch ein wenig gegen uns selbst, weil wir unsere Augen schlossen, vielleicht sogar ein wenig Mut zeigten. Aber nein. Jenes Blut, das ist nicht  von uns. Sie sind es, ( die es vergossen haben).

 

Wir haben noch keinen Film über das andere Blut gemacht, das wir vergossen haben und weiter fließen lassen – von Jenin bis Rafah. Sicherlich kein Film , der einen Oskar erhält. Nicht zufällig.

Im Film „Tanz mit Bashir!“ Singen die Soldaten der „moralischsten Armee der Welt“ ein Lied wie dieses: „Guten Morgen Libanon, mögest du keine Trauer mehr erleben! Mögen deine Träume wahr werden, deine Alpträume verschwinden, dein ganzes Leben gesegnet sein!“

 

Das ist doch schön, oder? Welche andere Armee singt solch ein Lied mitten in einem Krieg? Später singen sie weiter, dass  der Libanon „die Liebe meines Lebens, meines kurzen Lebens“ sei. Und dann fährt dieser Panzer, aus dem dieses Lied  von  fortschrittlichen singenden Soldaten kommt, krachend in ein Auto und verwandelt es in eine zerdrückte Blechdose und dröhnt dann in ein Wohnhaus das fast einstürzt. So sind wir. Singen und zerstören. Wo wird man solch sensible Soldaten finden? Es wäre wirklich besser für sie, mit heiser Stimme zu schreien : „Tod den Arabern!“

 

Ich sah mir den Film zweimal an. Das erste Mal in einem Filmtheater. Seine Kunst hat mich umgehauen. Was für ein Stil, was für ein Talent! Die Illustrationen waren perfekt, die Stimmen authentisch , die Musik so passend. Sogar Ron Ben Yishais halber Finger war akkurat. Kein Detail fehlte, keine Nuance verwischt. All die Helden waren Helden, einfach großartig, wie Folman selbst: klar, modern, up-to-date, ein Linker – so sensibel und intelligent. 

 

Dann sah ich mir den Film ein paar Wochen später  zu Hause noch einmal an. Dieses Mal  hörte ich mir den Dialog genau an und begriff die Botschaft, die hinter  dem Talent auftauchte. Meine Empörung wurde immer größer. Dies ist ein  Film, der nur wütend machen kann,  auch genau  deshalb, weil er mit so viel Talent gemacht wurde. Kunst wurde hier  für ein Täuschungsmanöver  missbraucht. Der Krieg wurde mit sanften, zärtlichen Farben gemalt  - wie in Comic-Heften.  Sogar das Blut ist erstaunlich ästhetisch und Leiden ist nicht wirkliches Leiden, …. Die Musik spielt im Hintergrund hinter den  Getränken und Joints und den Bars. Die Kriegstreiber wurden  für den aktiven Militärdienst mobilisiert zur Selbstüberraschung und zur Selbstquälerei.

 

Boaz ist kaput, nachdem er 26 streunende Hunde erschossen hat, und er erinnert sich an jeden einzelnen. Nun sucht er nach „einem Therapeuten, einem Seelenklempner, Shiatsu, nach irgend etwas ….“ Armer Boaz! Und  auch armer Folman! Er ist nicht in der Lage, sich daran zu erinnern, was während der Massaker geschah. „Filme sind auch Psychotherapie“-  das war der Rat, den man ihm gab. Sabra und Chatila?“ Um dir die Wahrheit zu sagen. Dies gibt es nicht in meinem System.” Alles in einem Hebräisch von heute – man könnte heulen. Nach der tatsächlichen Begegnung mit Boaz 2006 – 24 Jahre später – kam der Blitzgedanke, der den großartigen Film werden ließ.

 

Ein Bursche kommt mit dem Liebesboot, ein anderer  flieht es, indem er wegschwimmt. Einer besprengt sich mit Patchouli ??, ein andrer isst Spam-Omelette ?? Der Filmemacher-Held  von „Waltz mit Bashir“ erinnert sich an einen traurigen Sommer. Es war damals, als Yaeli  mit ihm Schluss gemacht hatte. Zwischendrin töteten und zerstörten sie willkürlich. Der Kommandeur sah sich Pornovideos in einer Beiruter Villa an  und sogar Ben Yishai hatte einen Platz im Ba’abda, wo er an einem Abend ein halbes Glas Whisky in sich goss, mit Arik Sharon auf seiner Ranch telefonierte und ihm von dem Massaker erzählte. Und keiner fragt, wem diese ausgeplünderten Wohnungen gehören – verdammt noch mal  - oder  wo ihre Besitzer jetzt sind und was unser Militär dort tut. Das gehört nicht zum Alptraum.

 

Was übrig blieb, ist Halluzination, ein Meer von Angst; der Held bekennt auf dem Weg zum Therapeuten, der schnell dabei ist, ihn zu beruhigen und erklärt ihm, dass das Interesse der Helden an den Massakern in den Lagern von einem anderen Massaker kommt: von den Lagern, aus denen ihre Eltern kamen. Punkt. Wie konnten wir nicht daran gedacht haben. Es sind nicht wir, es sind die Nazis, (möge ihr Name und Gedächtnis ausgelöscht werden.)

Wegen all diesem sind wir so, wie wir sind. „Du musstest in die Rolle der Nazis gegen deinen Willen schlüpfen“, sagt ein anderer Therapeut beruhigend, als ob er Golda Meirs Bemerkung in Erinnerung ruft: Wir werden den Arabern nie vergeben, dass sie das aus uns gemacht haben, was wir jetzt sind.“ Der Therapeut sagt, dass wir wohl mit Scheinwerfern die Gegend beleuchteten, „aber nicht die Massaker begingen“. Was für eine Erleichterung! Unsere sauberen Hände sind nicht Teil der schmutzigen Arbeit, auf keinen Fall.

 

Und übrigens:  wir waren es nicht. Wie angenehm ist es, die Grausamkeit der anderen zu sehen. Die amputieren Glieder, die die Phalange – gelöscht sei ihr Name – dann in Formaldehydgefäße steckten; die Exekutionen die sie durchführten, die Symbole, die sie in die Körper ihrer Opfer schnitten. Sieh sie dir an und sieh uns an! Wir werden nie so etwas tun.

 

Als Ben Yisha die Beiruter Lager betrat, erinnerte er sich an Szenen im Warschauer Ghetto. Plötzlich sah er mitten im Schutt eine kleine Hand und einen Lockenkopf, genau wie der seiner Tochter. „Stoppt das Schießen, jeder gehe nach Hause!“  schreit der Kommandeur Amos durch ein Megaphon auf englisch. Das Massaker kommt zu einem plötzlichen Ende. Schnitt.

Dann geben die Illustrationen plötzlich einen freien Blick auf die wirklichen  Horrorschnappschüsse von Frauen, die zwischen  den Ruinen und Leichen Trauerklagen halten. Es ist das erste Mal im Film, dass wir nicht nur Filmmeter sehen, sondern auch die wirklichen Opfer, nicht die die einen Therapeuten benötigen und über ihr Maß trinken, sondern jene die für immer  ihrer Angehörigen und ihres Hauses beraubt sind  und  ohne Glieder und  verkrüppelt. Ihnen kann kein Therapeut und kein Alkohol helfen. Und das ist der erste (und letzte) Moment  der Wahrheit und der Schmerzen im Film „Waltz mit Bashir“.

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

 


Kenneth Lewan
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