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Eifersüchtig auf die Iraner
Gideon
Levy, Haaretz, 18.6. 09
Es macht einen ganz
grün vor Neid. Die Szenen aus dem Iran beweisen,
dass einige Nationen versuchen, ihr Schicksal selbst
in die Hand zu nehmen. Einige Nationen treiben nicht
auf der Oberfläche ekelhafter Gleichgültigkeit,
einige schauen sich nicht in endloser
Selbstzufriedenheit um. Und einige folgen ihren
Führern nicht blind wie eine Herde. Es gibt
Augenblicke in der Geschichte bestimmter Nationen,
wo die Menschen sagen: es ist genug – so geht es
nicht weiter.
Tschechen und Ukrainer,
Franzosen und Russen, Südafrikaner und
Palästinenser, Thais und Chinesen und nun die
Iraner: sie gingen bei wenigstens einer inspirativen
Gelegenheit auf die Straße. Einige hatten Erfolg,
einige hatten keinen Erfolg – aber sie hatten
wenigstens versucht. Sie ergaben sich ihren
gescheiterten Führern nicht, die sie in immer
schlimmere Situationen führten. Es geht nicht nur
darum, sich gegen ein tyrannisches Regime zu
erhaben, zuweilen geht es um einen Kampf um
Gerechtigkeit in einer Demokratie. Dieser Kampf wird
nicht nur an den Wahlurnen ausgefochten; solch ein
Kampf muss auf den Straßen ausgeführt werden. Auch
hier.
Die Szenen aus dem
unterdrückerischen Iran sind wie ein Lichtblick.
Tausende von Frauen und Männern protestieren und
demonstrieren, halten Poster hoch und schreien laut.
Sie stehen furchtlos und zeigen ihr Gesicht. Alle
gehen wegen ihres Protestes ein Risiko ein.
Vielleicht weniger, als wir uns hier vorstellen
können. Unsere gelehrten Analytiker kennen nur einen
Iran der Finsternis – aber gewiss mehr als im freien
Israel.
Aber während Irans
Frauen das Risiko auf sich nehmen und ihre Stimme
zurückfordern, hüllen sich Israels Frauen in
Schweigen vom Einkaufszentrum bis zum Parkplatz.
Während Teherans Männer laut rufen: „Wo ist unsere
Stimme?“ fragen sie hier: „Wohin geht es im
nächsten Urlaub?“ Hier in einem Sportwagen – dort
auf den Straßen. Hier vor einem langweiligen
Fernsehschirm -dort in Gegenwart übler
Polizeikräfte. Hier in Finsternis – dort im Lichte
eines Volksprotestes.
Wir gehen nur auf die
Straße, wenn es ein Fest gibt, selten wenn es sich
um einen Skandal handelt: Tel Avivs 100 .
Geburtstag oder bei einer Büchermesse, der
Biermesse, dem Tomatenfest – aber nie aus Protest.
Im Iran kämpfen sie für die Freiheit, hier für den
Urlaub.
In Israel gibt es zwar
Freiheit, aber nur für uns, die Juden. Wir haben ein
Regime, das nicht weniger tyrannisch ist als das
Ayatollah-Regime: das Regime der Offiziere und der
Siedler in den besetzten Gebieten. Aber was haben
wir mit denen zu tun? Im Iran zerstreut die Polizei
die Demonstrationen mit Gewalt, sie schießen und
töten. Was tun wir?
Wenn du die Möglichkeit
hast, geh einmal am Freitag nach Na’alin oder Bil’in
und sieh, was dort geschieht. Demonstranten werden
hier mit ähnlicher Brutalität getötet – aber im Iran
steht die Menge gegen ein tyrannisches System,
während hier nur eine Handvoll tapferer Leute gegen
die Grenzpolizei steht, die mit Schusswaffen feuern.
Außerdem schreiben wir kaum etwas über die Proteste,
die mit Kugeln zum Schweigen gebracht werden. Es
interessiert keinen und dies wird hier Demokratie
genannt.
Ein Demokratie wird
nicht nur mit Wahlen getestet. Eine Demokratie wird
im Alltagsleben gemessen. Nationale Ziele werden
nicht nur durch machthungrige Politiker erreicht;
die Straße – das Volk - muss mitsprechen. Bei den
letzten Wahlen stimmten 64% der Israelis für die
Unterstützung einer Zwei-Staaten-Lösung. Großartig.
Aber wenn Israel sich immer weiter von solch einer
Lösung wegbewegt, wenn der Ministerpräsident einen
kleinen Schritt vorwärts macht dann aber immer mehr
unmögliche Hindernisse aufbaut, denkt keiner daran
etwas zu tun. Hat man in letzter Zeit eine einzige
politische Diskussion gehört? Nichts.
Man kann sich nur
vorstellen, was geschehen sein würde, wenn am Tag
nach Benjamin Netanyahus Rede dieselbe stille und
gelähmte Mehrheit, die angeblich zwei Staaten
wünscht, auf die Straße gegangen wäre, um ein Ende
der Besetzung zu fordern und falls sie forderten,
dass wir Ja zur Arabischen Friedensinitiative sagen.
Was für ein Antrieb wäre das gewesen, ein frischer
Wind, mit dessen Stärke Barack Obama, Netanyahu,
Mahmoud Abbas und Bashir Assad zusammen weitergehen
könnten.
Aber wenn die Straße
still ist, bleiben nur die Führer übrig und ihr
Überleben motiviert sie.
Israel steht jetzt an
einer schicksalhaften Wegkreuzung, genau wie der
Iran. Eine Gelegenheit liegt vor ihm, die so nicht
noch einmal erscheint, eine, die sich auf die
Zukunft aller Völker auswirken wird, nicht weniger
als die Wahlergebnisse im Iran das Schicksal der
Iraner. Die Gelegenheit jetzt zu verpassen, wird
genau so entscheidend sein wie vier weitere Jahre
von Mahmoud Ahmadinejad an der Macht. Aber sieh, was
im totalitären Iran los ist und was hier in der
einzigen Demokratie des Nahen Ostens los ist: blah
blah blah.
(dt. Ellen Rohlfs)
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