Das Holocaust-Gedenken ist
ein Segen für Israels Propaganda
Gideon
Levy, Haaretz, 28.1.10
Israels Großkopfete
griffen in der Abenddämmerung auf breiter Front an.
Der Präsident in Deutschland, der Premierminister
mit einem riesigen Gefolge in Polen, der
Außenminister in Ungarn, sein Vertreter in der
Slowakei, der Kultusminister in Frankreich, der
Informationsminister bei den UN und sogar das
drusische Likudmitglied Ayoob Kara in Italien. Sie
waren alle dort, um schwülstige Reden über den
Holocaust zu halten. Mittwoch war der Internationale
Holocaustgedächtnistag und eine solche israelische
PR-Fahrerei war seit langem nicht mehr gesehen
worden. Der Zeitpunkt dieser ungewöhnlichen
Bemühungen ist nicht zufällig. Nie waren so viele
Minister über den ganzen Globus verteilt: wenn die
Welt über Goldstone spricht, reden wir über den
Holocaust, um den Eindruck ( von Goldstones Bericht)
zu verwischen. Wenn die Welt über Besatzung redet,
reden wir über den Iran, als ob wir sie vergessen
wollen .
Es wird nicht viel
helfen. Der internationale Holocaustgedächtnistag
ist vorübergegangen, die Reden werden auch bald
vergessen sein, und die deprimierende tägliche
Realität wird bleiben. Israel wird da nicht
herauskommen und gut aussehen. Am Vorabend seiner
Abreise sprach Premierminister Netanyahu noch in Yad
Vashem. „Es gibt Böses in der Welt“ sagte er, „Böses
muss gleich zu Anfang vernichtet werden. Einige
Leute versuchen die Wahrheit zu leugnen.“
Hochtrabende Worte von derselben Person gesagt, die
nur einen Tag zuvor, fast mit dem selben Atemzug,
ganz andere Worte äußerte - wirklich üble Worte -
die sofort gelöscht werden sollten, Übel, das Israel
zu verbergen versucht.
Netanyhu sprach von
einer neuen „Immigrationspolitik“, die durch und
durch von Übel ist. Er warf böswillig
Gastarbeiter und arme Flüchtlinge in einen Topf und
warnte, dass sie alle Israel gefährden, unsere Löhne
verringern, unsere Sicherheit schädigen, uns in ein
Dritte-Welt-Land verwandeln und uns Drogen bringen.
Er unterstützt eifrig unseren rassistischen
Innenminister, Eli Yishai, der die Migranten als
diejenigen ansieht, die Krankheiten verbreiten wie
Hepatitis, Tuberkulose, AIDS und weiß Gott noch was.
Keine Holocaustrede
wird diese Hetze und Verleumdung gegen Migranten
auslöschen. Keine Gedenkrede wird diese
Fremdenfeindlichkeit, die in Israel nicht nur auf
der extremen Rechten wie in Europa, sondern in der
gesamten Regierung ihr Haupt hebt, löschen.
Wir haben einen
Premierminister, der über das Böse redet, der aber
einen Zaun baut, der verhindern soll, dass
Kriegsflüchtlinge an Israels Tore klopfen. Ein
Premierminister, der über das Übel spricht, aber nun
seit vier Jahren an dem Verbrechen der Gazablockade
beteiligt ist und so 1,5 Millionen Menschen in
erbärmlichen Verhältnissen lässt. Einen
Premierminister, in dessen Land Siedler unter dem
Slogan „Alles hat einen Preis“- Pogrome gegen
unschuldige Palästinenser durchführen lässt, gegen
die der Staat aber nichts unternimmt.
Dies ist ein
Premierminister eines Staates, der Hunderte linker
Demonstranten, die gegen die Ungerechtigkeit der
Besatzung und den Gazakrieg protestieren, verhaften
lässt, während man den Rechten, die gegen die
Auflösung( der Siedlungen im Gazastreifen)
protestierten Massenpardon gewährt. In seiner
gestrigen Rede setzte Netanyahu das Nazideutschland
mit dem fundamentalistischen Iran gleich – es war
nicht mehr als billige Propaganda. Rede über das
„Degradieren des Holocaust“. Der Iran ist nicht
Deutschland, Ahmedinejad ist nicht Hitler und sie
gleichzusetzen, ist nicht weniger falsch, als
israelische Soldaten mit Nazis gleichzusetzen.
Der Holocaust darf
nicht vergessen werden, es ist aber nicht nötig, ihn
mit irgendetwas zu vergleichen. Israel muss sich an
den Bemühungen beteiligen, ihn im Gedächtnis zu
behalten, aber während es dies tut, muss es sich mit
sauberen Händen sehen lassen, sauber von üblem Tun.
Und es darf kein Verdacht hochkommen, dass es
zynisch das Gedächtnis des Holocaust missbraucht,
um andere Dinge zu löschen. Bedauerlicherweise ist
dies nicht der Fall.
Wie wunderbar würde es
gewesen sein, wenn Israel an diesem internationalen
Tag des Gedenkens sich die Zeit genommen hätte,
sich selbst zu prüfen und sich z. B. zu fragen , wie
kommt es, dass Antisemitismus im vergangenen Jahr
wieder sein Haupt hebt, in dem Jahr, in dem wir
Bomben mit weißem Phosphor auf Gaza abwarfen. Wie
schön wäre es gewesen, wenn an diesem
Internationalen Holocaustgedenktag Netanyahu eine
neue Politik der Integration für die Flüchtlinge
erklärt hätte, anstelle die der Vertreibung oder
wenn er die Blockade aufgehoben hätte.
Ein Tausend Reden gegen
den Antisemitismus werden nicht die Flammen
auslöschen, die die Operation „Cast Lead“ entzündet
hat, die nicht nur Israel bedrohen, sondern die
ganze jüdische Welt. Solange Gaza unter Blockade
steht und Israel in seiner institutionalisierten
Fremdenfeindlichkeit verharrt, bleiben
Holocaustreden hohl und nichtssagend. Solange wie
das Böse hier zu Hause wuchert, werden weder die
Welt noch wir in der Lage sein, dass unsere Predigt
vor anderen akzeptiert wird, selbst wenn sie es
verdienen.
(dt. Ellen Rohlfs)
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