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Schandfleck in Den Haag
Gideon Levy
Auf jeder Kugel ist ein
Name und für jedes Verbrechen ist jemand
verantwortlich. Der Deckmantel, den sich Israel seit
der Operation „Geschmolzenes Blei“ umgelegt hat,
ist ein für alle Mal heruntergerissen worden, und
es muss sich nun allen schwierigen Fragen stellen.
Die Frage ist überflüssig geworden, ob im
Gazastreifen Kriegsverbrechen begangen wurden, weil
maßgebliche und klare Antworten schon gegeben worden
sind. Also muss die weiterführende Frage gestellt
werden: wem muss die Schuld gegeben werden? Wenn im
Gazastreifen Kriegsverbrechen begangen wurden, folgt
daraus, dass unter uns Kriegsverbrecher sind. Sie
müssen zur Verantwortung gezogen und bestraft
werden. Das ist die harte Schlussfolgerung, die aus
dem UN-Bericht gezogen werden muss.
Fast ein Jahr lang hat
Israel versucht, zu behaupten, dass das Blut, das im
Gazastreifen vergossen wurde, nur Wasser war. Ein
Bericht folgte dem anderen mit entsetzlichen
identischen Ergebnissen: Belagerung, Weißer
Phosphor, Leid gegenüber unschuldigen Zivilisten,
zerstörte Infrastruktur – Kriegsverbrechen in jedem
einzelnen Bericht. Jetzt nach der Veröffentlichung
des bedeutendsten und vernichtendsten Berichtes,
zusammengestellt von der vom Richter Richard
Goldstone angeführten Kommission, sehen Israels
Versuche, den Bericht in Diskredit zu bringen,
grotesk aus, und das hohle Geschrei seiner Sprecher
klingt pathetisch.
Bis jetzt haben sie
sich auf die Botschafter konzentriert, nicht auf
ihre Botschaften: Der Human RightsWatch-Mitarbeiter
sammele Nazi-Memorabilien, Breaking the Silence sei
ein Geschäft und Amnesty International sei
antisemitisch. Alles billige Propaganda. Dieses Mal
jedoch ist der Botschafter ein Propagandabeweis.
Keiner kann ernsthaft beweisen, dass Goldstone, ein
aktiver und begeisterter Zionist mit tiefen
Verbindungen zu Israel, ein Antisemit sei. Es wäre
lächerlich. Trotzdem gab es einige Propagandisten,
die tatsächlich versuchten, die Antisemitismuskeule
gegen ihn zu schwingen, selbst wenn es absurd ist.
Man hätte gestern das bewegende Interview mit
Goldstones Tochter Nicole mit Razi Barkei im
Armeeradio hören müssen, um zu verstehen, dass er
tatsächlich Israel liebt und ein wahrer Freund
Israels ist. Sie sprach auf Hebräisch von den
Qualen, die ihr Vater durchgemacht hat und von
seiner Überzeugung, dass wenn er nicht dabei gewesen
wäre, dann wäre der Bericht noch viel schlimmer
ausgefallen. Alles was er wünscht, ist ein Israel
das gerechter ist, erklärte sie.
Keiner kann seine
juristischen Referenzen, als internationaler
Topjurist mit tadellosem Ruf anzweifeln. Der Mann,
der die Wahrheit über Ruanda und Jugoslawien
herausfand, hat jetzt dasselbe im Gazastreifen
getan. Der frühere Hauptankläger beim
Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag
ist nicht nur eine juristische Autorität, er ist
auch eine moralische Autorität; deshalb sind Klagen
über den Richter belanglos. Stattdessen ist es an
der Zeit, die Angeklagten sich näher in Augenschein
zu nehmen. Diese Verantwortlichen sind in erster
Linie Ehud Olmert, Ehud Barak und Gabi Ashkenazi.
Bis jetzt hat keiner - unglaublicherweise – einen
Preis für seine Untaten bezahlt.
Die Operation
„Gegossenes Blei“ war ein hemmungsloser Angriff auf
eine belagerte, total ungeschützte zivile
Bevölkerung, die während dieser Operation fast
keine Anzeichen von Widerstand zeigte. Es hätte
sofort ein unmittelbarer Protest in Israel aufkommen
müssen. Es war ein Sabra und Shatila – dieses Mal
von uns ausgeführt. Nach Sabra und Shatila 1982 gab
es einen Sturm des Protestes in diesem Land ,
wogegen nach „Gegossenes Blei“ nur Vorladungen
ausgeteilt wurden.
Es sollte eigentlich
ausgereicht haben, nur auf den entsetzlichen
Unterschied der Anzahl der Todesfälle zu sehen – 100
Palästinenser auf einen Israeli – um die ganze
israelische Gesellschaft aufzurütteln. Man hätte
nicht erst auf Goldstone warten müssen, um zu
verstehen, dass hier eine schreckliche Sache
zwischen dem palästinensischen David und dem
israelischen Goliath geschehen ist. Aber die
Israelis zogen vor, wegzusehen oder mit ihren
Kindern auf den Hügeln rund um den Gazastreifen zu
stehen und beim Blutbad verursachenden Bombardieren
zu jubeln.
Unter dem Deckmantel
der beteiligten Medien und kriminell
voreingenommener Analysten und Experten, die dafür
sorgten, dass keine wirklichen Nachrichten
herauskamen, und mit gehirngewaschener und
selbstzufriedener öffentlicher Meinung benahm sich
Israel, als wäre nichts geschehen. Goldstone hat dem
ein Ende gesetzt, wofür wir ihm danken sollten.
Nachdem er seinen Job getan hat, müssen die
offensichtlich praktischen Schritte unternommen
werden.
Es würde für Israel
besser sein, nun allen Mut zusammen zu nehmen,
seinen Kurs zu ändern, solange es noch Zeit dafür
ist: die Sache authentisch zu untersuchen und zwar
nicht in der Weise wie IDFs groteske
Nachforschungen, ohne auf Goldstone zu warten.
Olmert und Zipi Livni müssen für ihre skandalöse
Entscheidung, nicht mit Goldstone zusammen zu
arbeiten, zahlen, obwohl das jetzt nicht mehr viel
Sinn hat. Nun, wo der Bericht auf seinem Weg zum ICC
ist und Haftbefehle bald veröffentlich werden,
bleibt nur noch eine sofortige staatliche
Untersuchungskommission aufzustellen, um einen
Schandfleck in DEN Haag abzuwenden.
Wenn wir das nächste
Mal noch einen unnötigen und elenden Krieg zu führen
beabsichtigen, werden wir vielleicht nicht nur die
Zahl der wahrscheinlichen Todesfälle
berücksichtigen, sondern auch den schweren
politischen Schaden, den solch ein Krieg verursacht.
Am Vorabend zum
jüdischen Neuen Jahr ist Israel verdientermaßen ein
ausgestoßenes und gehasstes Land geworden. Wir
sollten dies nicht eine Minute lang vergessen.
(dt. Ellen Rohlfs)
17.9. 2009, Haaretz
http://www.haaretz.com/hasen/spages/1115240.html
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