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Shalit ist nicht wichtig
genug
Von Gideon Levy,
Haaretz, 19.3.2009
Die Lügenkanone
erschien ( schon) bei der Eröffnung zum 1. Akt.
Eine Woche nachdem Gilad Shalit entführt wurde,
sagte Ministerpräsident Ehud Olmert beim
Kabinettstreffen am 2.Juli 2006: „Ich möchte etwas
zur Freilassung des Soldaten sagen: Wir sollten
nicht mit der Hamas wegen Gefangenenentlassung
reden, weder direkt noch indirekt.“ Das Wort des
Ministerpräsidenten.
Olmerts 1. Lüge
genügte, um seine komplette Einstellung in der
Shalit-Affäre anzuzeigen; aber wir tendieren dahin,
jede Lüge zu vergeben, selbst eine so eklatante,
selbst wenn sie vom Ministerpräsidenten geäußert
wurde.
Dieses erste Statemant
hielt Olmert nicht davon ab, im selben Atemzug zu
sagen: „Wir werden alles tun, um Shalits Freilassung
zu erreichen – und wenn ich sage alles, dann meine
ich auch alles. Alles nur irgendmögliche, alles
Notwendige“. Keiner wies darauf hin, dass es hier
einen Widerspruch gibt.
Auch das war eine Lüge,
wie Uri Blau gestern in Haaretz berichtete. Geheime
IDF-Dokumente zeigen, dass das Auffinden von Shalit
keine Priorität hatte. Seitdem feuerten die
Lügen einen Volley nach dem anderen:
Gehirnwäsche, Verdrehung, Täuschung mit dem Konsens
der Medien und deren Unterstützung. Unterdessen
verrottet Shalit in Gefangenschaft.
Olmerts „Wir werden
alles tun“ begann mit der Operation Sommerregen,
die Antwort auf die Entführung. Zwanzig
palästinensische Parlamentsmitglieder und acht
Minister wurden aus ihren Wohnungen entführt und als
„Verhandlungs-Chips“ gefangen genommen, was der
ganzen Sache nicht einen Deut geholfen hat. Im Laufe
der Operation wurden auch 394 Bewohner des
Gazastreifens getötet. Wenn es nichts Gutes bringt,
dann soll es wenigstens nicht schaden, dachten
wir. Natürlich kam nichts Gutes dabei heraus.
Nach der glorreichen
Operation begannen die Verhandlungen, die „wir nie
führen wollten“, vermittelt vom palästinensischen
Präsidenten Mahmoud Abbas und Ägypten. Am 1. Juli
2006 verlangte die Hamas die Entlassung von 1000
Gefangenen. Seitdem hat die Hamas nicht nachgegeben
– kein Handeln, kein Feilschen, keine Reduzierung
und keinen Schlussverkauf.
Die israelischen
Funktionäre sagten, die Hamas habe ihre Haltung
verschärft. Doch Hamas hat ihre Haltung nicht
verschärft. Wenn man den Ministerpräsidenten und
Sicherheitskommentatoren fragt, warum die Hamas ihre
Haltung verschärft habe, erklären sie, es sei wegen
der stürmischen öffentlichen Kampagne, Shalit zu
befreien. Die Wahrheit aber ist, dass die Hamas ihre
Position seit 1000 Tagen nicht verändert hat. Bevor
und nachdem Shalits Familie das Protestzelt
aufgestellt hatte. Der öffentlichen Meinung die
Schuld zu geben, ist auch eine Lüge und eine
Verunglimpfung.
Die nächste große
Lüge, nachdem die Gespräche mit der Hamas begann,
war, dass wir nicht mit der Hamas verhandeln,
sondern mit Ägypten. Dies war eine überflüssige,
widerwärtige und schädliche Täuschung. Israel
verhandelte mit der Hamas. Direkt oder indirekt, ob
die Organisation unsere Existenz anerkennt oder
nicht, Israel hat mit der Hamas seit langem
verhandelt. Lasst uns diese Lüge wenigstens
widerlegen. Nachdem wir dies getan haben, werden wir
vielleicht anerkennen, dass es besser ist, mit der
Hamas direkt zu verhandeln und nicht nur über Shalit.
„Wir haben keine
Bemühungen gescheut, aber wir hatten es mit einer
brutalen, mörderischen, erbarmungslosen Organisation
zu tun, die keine menschlichen Emotionen kennt, die
nicht bereit war, die Herausforderung anzunehmen,“
sagte Olmert, als er die Niederlage am Dienstag
ankündigte. Ein Ministerpräsident, der einen
Angriff gegen eine belagerte, hilflose
Bevölkerung im
Gazastreifen durchführt, bei dem mehr als 1400 Leute
getötet wurden und 100 000 obdachlos blieben, mit
einer Armee, die mit hemmungsloser Gewalt agierte,
hat kein moralisches Recht über Brutalität und
Mangel an Mitleid zu reden.
Fehlt es Hamas an
menschlichen Emotionen? Mag sein, aber es kämpft um
die Freilassung seines Volkes, das keine Chance hat,
die Freiheit zu erlangen, es sei denn durch einen
Deal. Nichts ist menschlicher als dies. Selbst die
israelische Propaganda um den ‚Preis’ von Shalits
Entlassung gründet sich auf eine Lüge. Keiner kann
ernsthaft behaupten, dass die Entlassung von 325
Terroristen nicht Israels Sicherheit beschädigen
würde und die Entlassung von 450 würde 125 Männer,
die vom Shin Beth genau beobachtet werden, einen
Unterschied machen?
Nachforschungen haben
ergeben, dass die meisten bis jetzt frei gelassenen
Gefangenen, besonders jene, die viele Jahre im
Gefängnis waren, nicht zu terroristischen
Aktivitäten zurückkehrten. Aber die Funktionäre
erzählen uns eine andere Geschichte. Und vor allem ,
wer entscheidet, dass die Gefangenenentlassung eine
israelische Niederlage ist, während Shalits
andauernde Gefangenschaft ein ‚Sieg’ bedeutet?
Nachdem nun das Lügen
so elendiglich versagt hat, sollten wir dann nicht
vielleicht etwas anderes versuchen? Lasst uns die
Wahrheit sagen – ohne irgendwelche Propaganda:
Shalits Schicksal ist für uns wichtig – aber
anscheinend nicht wichtig genug.
(dt. Ellen Rohlfs)
www.haaretz.com/hasen/objects/pages/PrintArticleEn.jhtml?itemNo=1072243
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