Referat am Diskussionsforum zum Nato-Gipfel in Prag, 20. November 2002
Von Shraga Elam
Es fehlen mir
die Worte und die Stimme, um zu betonen und laut genug zu schreien, wie
gefährlich die Situation im Nahen Osten im Moment ist. Eine
ungeheuerliche Katastrophe entfaltet sich täglich vor unseren Augen im
israelisch-palästinensischen Konflikt. Die einen schauen ohnmächtig zu,
viele andere schauen weg, und sehr mächtige Kräfte unterstützen
weiterhin - aktiv oder passiv - die Eskalation.
Ist diese grosse
und akute Gefahr noch abzuwenden?
Theoretisch ist
es möglich. Praktisch liegen aber grosse Schwierigkeiten vor. Denn die
Tragweite und die Dringlichkeit der Bedrohung wird zuwenig wahrgenommen,
zuwenig thematisiert und entsprechend gibt es viel zu wenige Aktionen,
die diese Gefahr abwenden können.
Es geht um die
sehr konkreten Belege und Indikationen, dass die israelische
Militärführung Schritt für Schritt eine ethnische Säuberung anstrebt und
sämtliche Bemühungen sabotiert, politische Auswege zu finden, um eine
friedliche Beilegung des Konfliktes zu erzielen.
Die
palästinensische Bedrohung »hat krebsartigen Charakter. Wie ein
Krebsgeschwür ist auch sie unsichtbar«, erklärte der Armeechef Mosche
Ja'alon bei einer Konferenz des israelischen Oberrabbinats am 25. August
2002. Der Oberbefehlshaber, Sohn einer Shoa-Überlebenden und von
Experten als stärkster Mann Israels eingeschätzt, blieb aber nicht nur
bei dieser Diagnose. In der Zeitung Ha'aretz vom 30. August
beschrieb er das Vorgehen gegen die PalästinenserInnen als
»Chemotherapie« und drohte mit einer Verschärfung. Für ihn gebe es nur
einen Weg: den endgültigen militärischen Sieg, der ins palästinensische
Bewusstsein einzubrennen sei.
Der renommierte
Militärexperte Ze'ev Schiff bezeichnete in Ha'aretz Ja'alons Rede
als sehr »durchdachte strategische, politische und soziale Doktrin.«
Dass es bei Ja'alons Rede nicht um einen Ausrutscher geht, wird durch
die Unterstützung von Premier Ariel Sharon unterstrichen. Zudem
wiederholte Ja'alon seine Aussage sogar.
Der Kolumnist
Doron Rosenblum meint in Ha'aretz: «In der ‹willigen
Militärputsch-Stimmung›, in der sich die israelische Politik suhlt,
scheint nur der Himmel Grenze für die Macht und den Status des
Generalstabschefs und der anderen Generäle zu sein.» Einige Beobachter
meinen denn auch, die israelische Linie werde seit Beginn der jetzigen
Intifada vom Armeekommando bestimmt.
Eine nähere
Analyse dieser ganz wichtigen Rede Ja'alons zeigt, dass er mit dieser
»krebsartigen« palästinensischen Bedrohung, nicht von einer
militärischen Gefahr sprach. Denn er weiss genau, dass die
palästinensischen bewaffneten Aktionen bislang keine existentielle
Bedrohung für Israel dargestellt haben. Sie richten sich selten auf
strategische Ziele, sondern eher auf Privatpersonen. Aber auch als
individuelle Gefährdung hinken sie, wie dies die israelischen
offiziellen Angaben zeigen, stark hinter der Verkehrsunfall-Statistik
her. So starben seit Anfang der jetzigen Intifada, also während der
letzten zwei Jahre, 460 israelische Zivilisten an Terroranschlägen,
dabei verunglücken in Israel jedes Jahr über 500 Personen tödlich in
Auto-Unfällen. Die Chancen, in einem Verkehrsunfall zu sterben sind also
statistisch gesehen mindestens doppelt so hoch. In den Medien haben die
zwei Opfergruppen jedoch einen ganz anderen Stellenwert. Die ausgiebigen
israelischen Todesrituale für die Gewaltopfer verleiten sehr viele
PalästinenserInnen zum falschen Eindruck, dass sie die Israelis mit
ihren Racheaktionen an einem empfindlichen Punkt treffen. Dabei dienen
diese Zeremonien mehrheitlich zur Stärkung des israelischen
Zusammenhalts und der Hardliner. Ausserdem liefern die Terroranschläge
für das israelische Oberkommando die willkommenen Ausreden für weitere
Eskalationen.
Die für den
Judenstaat lebensgefährliche palästinensische Bedrohung ist laut dem
Generalstabschef die sog. demographische Gefahr. D.h., dass es
irgendwann mehr arabische als jüdische EinwohnerInnen im Lande geben
würde.
Es ist aber
nicht nur diese besorgniserregende und absolut rassistische Rede
Ja'alons, welche klar auf die israelischen Absichten hinweist, eine
ethnische Säuberung durchzuführen. Als Chef des militärischen
Nachrichtendienstes bekundete er schon 1995 gegenüber dem damaligen
Premier, Jitzchak Rabin, seine Ablehnung des Oslo-Prozesses. 1996 war
Jaalon hauptverantwortlich für die Entstehung des Plans »Dornenfeld«.
Was anfänglich in verschiedenen Publikationen als Militärübung für den
Fall eines bewaffneten palästinensischen Aufstands besprochen wurde,
entpuppte sich laut einem Bericht des sehr renommierten US-Experten
Anthony H. Cordesman (Oktober 2000) als tatsächliche Leitlinie der
israelischen Armee. Schritt für Schritt sind die Massnahmen, die
Cordesman schildert, inzwischen umgesetzt worden. Noch nicht vollständig
ausgeführt ist die Verhaftung der Führung der Palästinensischen
Autonomiebehörde und das Einsetzen einer neuen Militärverwaltung.
Bei Cordesman ist auch von der »gewaltsamen Evakuierung von
Palästinensern aus sogenannt ›empfindlichen‹ Gebieten« zu lesen.
»Empfindliche« Gebiete ist eine dehnbare Formulierung, mit der die
gesamten besetzten Gebiete gemeint sein könnten. Auch anderes deutet
darauf hin, dass die plausibelste Prognose die Massenvertreibung der
palästinensischen Bevölkerung ist. Solche Szenarien schildert etwa der
israelische Militärexperte Martin van Creveld in der Zeitung Die Welt
vom 26. April 2002. Eine realistische Möglichkeit sei die Reaktion auf
ein palästinensisches »Mega-Attentat« mit Hunderten von Opfern. Die sehr
blutige Massenvertreibung könnte, nach van Creveld, auch im Rahmen des
Kriegs gegen den Irak passieren. Dies würde auch erklären, warum die
israelische Regierung den US-Feldzug gegen den Irak so klar unterstützt,
obwohl sie mit dem irakischen Einsatz von Massenvernichtungswaffen
rechnet und mindestens 30'000 Särge für die Soldaten bestellt hat und
Parkanlagen als Notfriedhöfe eingerichtet wurden.
Es muss
realisiert werden, dass aus der Sicht des israelischen Militärs eine
Rückkehr zum Oslo-Model oder einer anderen sogenannten
Zwei-Staatenlösung völlig ausgeschlossen ist. Im Grunde ging es beim
Oslo-Vertrag den israelischen Machteliten primär darum, die direkte
Kontrolle über die PalästinenserInnen auszulagern. Die palästinensischen
Behörden und ein ausgedehnter Polizei-Apparat, wie er in vielen
arabischen Staaten üblich ist, sollte unzimperlich für Ruhe und Ordnung
sorgen. Der ermordete Ministerpräsident und Friedensnobel-Preisträger,
Jitzchak Rabin, meinte, dass dieser palästinensische
Selbstunterdrückungs-Mechanismus ohne die Einmischung des israelischen
Obergerichtshofes und ohne Proteste der Menschenrechtsorganisation
B'tselem laufen würde.
Dieser
Oslo-Mechanismus funktionierte für die israelischen Hardliner aber nicht
gut genug. Es gab zu viele Terror-Anschläge, die durch die
palästinensische Polizei nicht verhindert wurden. Ja'alon und sein
Vorgänger und jetziger Verteidigungsminister, Shaul Mofaz, äusserten
sich ganz dezidiert - wie gesagt schon ab 1995 - gegen den Oslo-Prozess.
Es ist schwer vorstellbar, dass für Mofaz und Ja'alon eine solche Option
ausgerechnet jetzt noch existiert. Sie wollen die bestehenden
palästinensischen Polizeikräfte entwaffnen, und es ist kaum denkbar,
dass sie mit einer bewaffneten palästinensischen Dienststelle oder
Organisation westlich des Jordans einverstanden sein werden. Dagegen
sprechen nicht nur ihre zahlreichen Erklärungen, sondern auch die
konkreten militärischen Aktionen Israels.
Wie soll es
weitergehen, da die endgültige Beseitigung der palästinensischen
Behörden nur eine Frage der Zeit ist?
Eine Möglichkeit
wäre eine Wiedereinführung der israelischen direkten Kontrolle der
palästinensischen Bevölkerung, d.h. eine israelische militärische
Zivilverwaltung. Dieses Szenario ist zwar im Massnahmenkatalog der
Operation Dornenfeld erwähnt. Nur scheint dieses allenfalls als
Übergangsphase gedacht zu sein. Die weitgehende Zerstörung der
palästinensischen Infrastrukturen deuten darauf hin, dass ein
Wiederaufbau durch die israelischen Militärbehörden ziemlich
ausgeschlossen ist. Denn hätten sie mit dieser Aufgabe gerechnet, wäre
die Verwüstung in den palästinensischen Gebieten nicht so massiv.
Es bleibt – wie
schon gesagt – als plausibelstes Szenario die Massenvertreibung. Diese
ethnische Säuberung ist eigentlich schon voll im Gange. Denn durch die
israelischen Kollektiv-Strafmassnahmen, die eine krasse Verletzung der
Genfer-Konvention darstellen, wandern viele PalästinenserInnen, die es
sich leisten können, aus. Anhand verschiedener Angaben kann die Zahl
der EmigrantInnen bislang auf etwa 400'000 geschätzt werden.
Was kann gegen
diese sich anbahnende Katastrophe getan werden?
Ich glaube, die
Israelis und PalästinenserInnen müssen endlich realisieren, dass sie –
wie untrennbare siamesische Zwillinge – verdammt sind, entweder zusammen
zu leben oder zusammen zu sterben!
Die Durchführung
einer israelischen ethnischen Säuberung würde ein totales Chaos
bedeuten; das Ende des Judenstaates, schrieb am 17. November 2002 Ran
Adelist, der Militärkommentator der grössten israelischen Tageszeitung,
Jedioth Achronot.
Die
PalästinenserInnen und Israelis müssen erkennen, dass es keine
militärische Lösung für den Konflikt geben kann. Alle Versuche in dieser
Richtung sind mit einem Selbstmord gleichzusetzen.
Der Konflikt
wird weiter bestehen, solange die Israelis und PalästinenserInnen ihre
nationalistischen Ziele verfolgen. Nur ein gemeinsamer
palästinensisch-israelischer, anti-nationalistischer und
anti-rassistischer Ansatz gibt eine Chance, die entstehende Katastrophe
im letzten Moment noch abzuwenden.
Die
Weltgemeinschaft ist aufgefordert, solche Bestrebungen tatkräftig zu
unterstützen.
Von der
Bush-Administration ist nicht viel zu erwarten, denn laut einem
israelischen Bericht, welcher durch weitere Informationen bestätigt
wird, erteilte Condoleezza Rice, die nationale Sicherheitsberaterin der
USA, beispielsweise diverse US Think Tanks den Auftrag die Möglichkeit
zu prüfen, die palästinensische Bevölkerung nach dem Krieg in den Irak
zu verschieben.
Die europäischen
Staaten sind deshalb dringend aufgefordert, mutiger und offener für eine
friedliche Lösung des Nahost-Konflikts einzutreten. Eine Möglichkeit,
diese Absicht zu unterstützen, ist die Verwendung des
Anti-Völkermord-Gesetzes, welches in allen 132 Vertragsstaaten des
sogenannten »Römer Statuts«- also des
Völkermord-Übereinkommens - seine Gültigkeit hat.
In einer
gemeinsamen israelische-palästinensischen und internationalen Klage
gegen den eskalierenden Völkermord kann so der israelischen
Militär-Junta ein klares Signal gesandt werden, ihre mörderischen
Absichten zu stoppen!
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