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Texte von Shraga Elam

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Kleine Freiheit vor der Grossoffensive
Shraga Elam

 

 

In den kommenden Wochen dürfte sich der Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern im Gazastreifen verschärfen.

Droht eine Massenvertreibung der Palästinenser aus dem Gazastreifen? Israelische Medien bereiten die Bevölkerung auf eine Offensive vor, schreibt der israelische Publizist Shraga Elam.

Jetzt kosten sie die Freiheit, die sie sich am vergangenen Mittwoch mit Bulldozern erkämpft haben: Auch gestern strömten wieder Tausende Palästinenser über die Grenze nach Ägypten, um sich dort mit dem Notwendigsten einzudecken. Sie ignorierten Aufforderungen der ägyptischen Führung, in den Gazastreifen zurückzukehren.

Doch die Sprengung der ägyptischen Grenzmauer zum Gazastreifen ist wohl nur ein kurzfristiger Sieg der Palästinenser, der sich schon bald als Eigentor entpuppen könnte. Schon jetzt befindet sich die israelische Armee auch an der 200 Kilometer langen israelisch-ägyptischen Grenze in erhöhter Alarmbereitschaft. Und die Lage dürfte sich kommende Woche weiter verschärfen, wenn am Mittwoch der Untersuchungsbericht der Winograd-Kommission über den Libanon-Krieg im Jahr 2006 veröffentlicht werden. Damit wird der Druck auf den israelischen Premierminister Ehud Olmert erhöht, der im Bericht scharf kritisiert werden wird.

Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung mehren sich Stimmen, die Olmerts Rücktritt fordern. Der Premier braucht deshalb dringend eine Ablenkung, die seine zahlreichen Gegner zum Schweigen bringt. Die Raketenangriffe radikaler Palästinenser haben bis anhin willkommene Ausreden für die israelische Armee geliefert, ihre Massnahmen gegenüber dem Gazastreifen zu verschärfen. Schon seit mehreren Monaten wird öffentlich, auch von Regierungsmitgliedern und Generälen, mit einer Grossaktion in Gaza gedroht. Jetzt mehren sich die Indizien, dass eine solche Eskalation kurz bevorsteht.

Gemäss der Zeitung «Ha’aretz» vom Freitag werden seit einigen Tagen Journalisten informiert, dass im Gazastreifen bald eine grosse Operation lanciert werde. «Ha’aretz» bezweifelt die Zuverlässigkeit dieser Informationen und sieht darin lediglich einen Versuch Olmerts, vom Winograd-Bericht abzulenken. Ein solches Manöver kann aber nicht durch die Verbreitung von Gerüchten funktionieren, sondern nur, wenn Taten folgen.

Im israelischen Fernsehen wird darüber hinaus offen diskutiert, dass die Armeeführung nur darauf warte, von Zivilisten besiedelte Gebiete in Gaza massiv zu bombardieren. In einem solchen Fall wäre damit zu rechnen, dass Hunderttausende Palästinenser nach Ägypten fliehen würden. Ariel Merari, Leiter des Zentrums für politische Gewalt an der Universität Tel Aviv, sagte dem israelischen Staatsfernsehen kürzlich, das Land brauche eine Ausrede für eine solche Bombardierung. Als Beispiel nannte er einen möglichen Angriff der Palästinenser auf einen israelischen Kindergarten.

Es ist klar, dass die israelische Armee keine grosse Bodenoperation riskieren würde, ohne den Gazastreifen vorher massiv unter Beschuss zu nehmen. Bei einem solchen Szenario würden womöglich alle Palästinenser nach Ägypten fliehen, was durch die Sprengung der Mauer zwischen dem Gazastreifen und Ägypten am vergangenen Mittwoch begünstigt würde. Dies käme der israelischen Führung gelegen, da sie nach einer Wiederbesetzung des Gazastreifens keine direkte Kontrolle über die Palästinenser anstrebt, denn dies wäre für Israel politisch schädlich und sehr teuer.

Seit September 2000 ist die Massendeportation der Palästinenser aus dem Gazastreifen das eigentliche Ziel der israelischen Armeespitze. Das belegt eine Studie des renommierten US-Professors Anthony Cordesman. Der Strategieexperte beschreibt darin die Operation Dornenfeld, eine Art Masterplan der israelischen Armee, der seit dem Jahr 2000 Schritt für Schritt umgesetzt wird. Wie zahlreiche israelische Berichte beweisen, geschah dies zum Teil ohne Genehmigung der jeweiligen Regierung. Am Schluss sehe besagter Plan, so Cordesman, sinngemäss die Vertreibung der Palästinenser aus dem Gazastreifen vor.

Wie genau diese Deportation aussehen könnte, beschrieb der israelische Militärhistoriker Professor Martin van Creveld: «Für die Vertreibung der Palästinenser braucht man nur einige Brigaden. Sie werden die Menschen nicht einzeln aus ihren Häusern schleppen, sondern schwere Artillerie einsetzen, damit sie von selbst weglaufen.»

Die Gewaltaktionen radikaler Palästinenser gegen israelische Zivilisten haben den Palästinensern bisher weit mehr geschadet als den Israeli. Für den Judenstaat haben sie keine existenzielle Bedrohung dargestellt, sondern Israel vielmehr Verständnis und die Unterstützung der USA sowie verschiedener europäischer Länder für die dichte Belagerung des Gazastreifens gebracht. Dementsprechend ist nicht auszuschliessen, dass die jüngste Nahostreise von US-Präsident George W. Bush unter anderem das Ziel hatte, von einigen arabischen Staaten grünes Licht für die grosse israelische Offensive zu erhalten.

 

Der Journalist und Buchautor Shraga Elam lebt in Zürich.

 

 

Sonntag / MLZ; 27.01.2008; Seite 21

 

 

 

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