Saly Mayer: Half er – oder schickte er
verfolgte Juden in den Tod?
Buch über Ex-Chef des Israelitischen Gemeindebunds versucht, Licht
in ein düsteres Kapitel zu bringen
Die Diskussion ist neu
entbrannt: Hat die Führung der jüdischen Gemeinde während der
NS-Zeit mit den Schweizer Behörden kollaboriert – oder das
Möglichste für verfolgte Juden getan?
VON SHRAGA ELAM *
Nicht alle Schweizer Juden zeigten sich in der Zeit des Zweiten
Weltkriegs solidarisch mit den verfolgten Juden. Das belegt ein
Protokoll, aus dem die Bergier-Kommission in ihrem
Flüchtlingsbericht von 2001 zitiert: Darin plädieren jüdische
Funktionäre bei Heinrich Rothmund, dem damaligen Chef der
Fremdenpolizei, für eine Einreisesperre gegenüber jüdischen
Flüchtlingen.
Die Bergier-Kommission aber scheute sich, dieses dunkle Kapitel
jüdisch-schweizerischer Geschichte aufzuarbeiten – obwohl in einem
internen Kolloquium im Jahr 2000 über das Tabuthema diskutiert wurde
und obwohl sich Mitglieder der Kommission wie Jacques Picard dafür
einsetzten, diesen zentralen Bestandteil der Schweizer
Flüchtlingspolitik aufzuarbeiten.
Die Historikerin Hanna Zweig-Strauss schliesst nun diese Lücke: mit
ihrem Buch über Saly Mayer, den damaligen Präsidenten des
Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Zweig-Strauss
legt reichlich Beweismaterial dafür vor, dass führende jüdische
Funktionäre die uneingeschränkte Einwanderung jüdischer Flüchtlinge
als Katastrophe erachteten und Fremdenpolizei-Chef Rothmund in
seiner judenfeindlichen Politik unterstützten.
Darüber hinaus findet Hanna Zweig-Strauss starke Indizien dafür,
dass Saly Mayer an einer Intervention der Fremdenpolizei gegen Paul
Grüninger, den Kommandanten der St. Galler Kantonspolizei, beteiligt
war oder sie sogar ausgelöst hat. Grüninger liess jüdische
Flüchtlinge illegal einreisen.
Die harte Haltung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes
erklärt Autorin Zweig-Strauss vor allem mit finanziellen Nöten: Die
Behörden hätten die Unterstützung der jüdischen Asylanten
vollumfänglich der kleinen jüdischen Gemeinde aufgebürdet, die damit
zunehmend überfordert war. Hinzu kam die herrschende Abneigung der
eingesessenen Juden gegenüber den «Ostjuden», die einen grossen Teil
der Flüchtlinge ausmachten.
AM ANFANG PLäDIERTE laut Zweig-Strauss nur eine kleine
Minderheit in den SIG-Gremien für eine öffentliche Kampagne zur
Aufhebung der Immigrationsbeschränkung und für eine Finanzierung
durch den Bund. Mit der Zeit mehrten sich diese Stimmen, wurden aber
durch den Präsidenten Saly Mayer gebremst. Mayer gab sich immer
autoritärer, bis er schliesslich 1943 zum Rücktritt gezwungen wurde.
Der 1882 geborne Mayer, ein St. Galler Textilunternehmer, engagierte
sich leidenschaftlich im SIG, zu dessen Präsident er 1936 gewählt
wurde. Parallel dazu vertrat er die Joint, die grösste jüdische
US-Hilfsorganisation. Er nahm, auch nach seinem Rücktritt als
Präsident des SIG, an verschiedenen wichtigen internationalen
Aktionen teil (siehe Kasten). Saly Mayer starb im Jahr 1950.
Zeit seines Lebens blieb Mayer widersprüchlich: Einerseits hat kaum
ein anderer Schweizer so viel für verfolgte Juden getan wie er.
Anderseits arbeitete er sehr eng mit dem judenfeindlichen
Fremdenpolizei-Chef Rothmund zusammen und unterstützte dessen
Politik gegen die «Verjudung der Schweiz». Sogar im stark
antijüdischen Schweizerischen Vaterländischen Verband war Mayer
Mitglied – und wollte auf diese Mitgliedschaft nicht verzichten, als
es die jüdische Gemeinde von ihm verlangte.
SALY MAYER WEIGERTE SICH AUCH, mit Linken und anderen
politischen Gegnern der restriktiven Asylpolitik zusammenzuarbeiten,
und verhinderte sogar, dass Politiker über die Judenvernichtung
informiert wurden. Vom freisinnigen Nationalrat Ludwig Rittmeyer
wurde Mayer deshalb vorgeworfen, er wolle aus purem Egoismus nicht
zu viele Juden retten – weil er nicht riskieren wolle, dass der
Judenhass zunehme.
Saly Mayer ging sogar so weit, Interna aus jüdischen Diskussionen an
die Fremdenpolizei weiterzugeben: Regelmässig informierte er Max
Ruth, die rechte Hand von Heinrich Rothmund. Ruth, selbst ein Jude,
kritisierte laut Autorin Hanna Zweig-Strauss die angebliche
«Wurzellosigkeit und schwierige Assimilierbarkeit der Juden».
Hier stellen sich viele Fragen: War Mayer einfach naiv, und erkannte
er Rothmunds Judenfeindlichkeit nicht, wie Zweig-Strauss behauptet?
Wäre es auch möglich, dass Saly Mayer antijüdische Vorurteile zu
sehr verinnerlicht hatte? Oder waren bei ihm, wie bei jeder
schwachen Minderheit, die vorhandenen Ängste ausschlaggebend, in der
Öffentlichkeit aufzufallen? Denn die Bekämpfung solcher «innerer
Schädlinge» propagierte Mayer ja.
Mayer wollte immer der patriotischste Schweizer von allen sein –
etwas, was für ihn offensichtlich im Widerspruch zur Solidarität mit
ausländischen Juden stand. Sein Lavieren zwischen den extremen Polen
machte nicht nur Mayer, sondern auch historischen Forschern zu
schaffen. Die Geschichte Mayers zeigt anschaulich, in welchem
Dilemma die ganze Schweizer Flüchtlingspolitik damals stand.
* SHRAGA ELAM IST JOURNALIST UND AUTOR DES BUCHES «HITLERS FÄLSCHER»
Hanna Zweig-Strauss: Saly Mayer, 1882–1950. Ein Retter jüdischen
Lebens während des Holocausts. Böhlau, Köln 2007. 392 Seiten, Fr.
66.–.
Fundiert, aber
teilweise unkritisch
So fundiert die aufwändige
Recherche von Hanna Zweig-Strauss zur Rolle Saly Mayers als
SIG-Präsident auch wirkt, so unkritisch ist sie in der Darstellung
der Periode nach seinem erzwungenen Rücktritt von 1943. Als
Vertreter der grössten jüdischen US-Hilfsorganisation, Joint, nahm
Mayer an verschieden grossen Lösegeld-Aktionen teil. Die
SS-Führung bot in einem satanischen Menschenhandel Juden zum
Freikauf an, wollte mit diesen Geiseln Geld kassieren und einen
Sonderfrieden mit den Alliierten erzwingen. Jüdische Aktivisten
warfen das weitgehende Scheitern dieser Verhandlungen auch Mayer
vor. Die Autorin hält diese Kritiker für Frustrierte, die ihren
Unmut an die falsche Adresse richteten. Ausserdem warfen die
Kritiker Mayer vor, er sei ein unflexibler und geiziger Schweizer
gewesen, der «Ostjuden» gehasst und ihnen misstraut hatte und der
darum Rettungsaktionen für Millionen von Juden sabotiert habe.
Zweig entschuldigt Mayers Verhalten mit Sachzwängen und Nöten, von
denen die Kritiker nichts gewusst hätten. SHRAGA ELAM
© Aargauer Zeitung | Ausgabe vom
18.11.2007