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Julia Deeg
»Shalom! Shalom Captain!« Wir
warten auf Antwort. Das einzige Licht ist das unserer Scheinwerfer und das rotblitzende auf dem Dach unserer Ambulanz, das alles in ein lustig
flackerndes Discolicht zu tauchen scheint. Am Rand der durchlöcherten
Straße stehen ein paar karge Büsche, in denen Plastiktüten und anderer
Müll vom Wind verweht hängen, und vor uns die »Dabbaba«. »Dabbaba« klingt
irgendwie niedlich. Dabbaba heißt Panzer.
Bis hierher hatten wir uns fröhlich unterhalten; Abu Ali, der Fahrer, ist
ein ausgezeichneter Sänger, doch Gesang und Witzeleien verebben, sobald
wir in Sichtweite der Dabbaba sind.
»Captain, Shalom!!« versucht Abu Ali es erneut, während wir zaghaft
weiterrollen. Ali und sein Beifahrer Yasser strecken gleichzeitig jeweils
ihren rechten beziehungsweise linken Arm zu einem defensiven Gruß aus dem
Fenster. Dann scheint uns grell ein Scheinwerfer an. Das Zeichen,
anzuhalten. Abu Ali steht auf, das heißt, er öffnet die Tür, streckt mit
erhobener linker Hand den Oberkörper hinaus, während er mit dem Fuß auf
der Bremse des Automatikwagens steht, um in das uns entgegenstrahlende
Licht erneut auf Hebräisch einen Gruß und ein paar Worte, die ich nicht
verstehe, zu rufen. Dann schweigen. Schließlich: »Ta’ali– kommt!«
Der arabische Arzt spricht hebräisch, der israelische Soldat antwortet auf
arabisch. Und wenn’s damit nicht weitergeht, versuchen beide Seiten es mit
ihrem Englisch oder oft sogar Russisch. Checkpoint-Sprache ist eine Sache
für sich. Die Kommunikation der Besatzung eine andere Geschichte. Manchmal
will einer auch einfach nicht, dann wird es schwierig. In solchen
Situationen erleben wir dann immer lauter geschrieene hebräische Worte, so
als würden wir durch mehr Lautstärke verstehen.
Diesmal aber gibt man sich Mühe.
»Ta’ali«
Abu Ali läßt der Bremse soviel Luft, daß wir kaum merklich weiterrollen.
Nun, in dem vergleichbar schwachen Licht unserer Scheinwerfer, sehen wir
vier Soldaten stehen. Doch plötzlich fällt ihnen etwas ein. Sie scheinen
noch nicht lange hier ihren Dienst abzuleisten, denn sie haben was
Wichtiges vergessen. Sie fangen an, komisch hin- und herzuhüpfen, aus dem
Licht unserer Scheinwerfer raus. Sie haben vergessen, was ihnen eingebleut
wurde: Israelische Soldaten außerhalb ihrer Panzer sind in Gefahr. Und so
hüpfen und rufen die vier aufgeregt. Einen Moment lang hatten wir wohl
alle vergessen, wo wir sind. Jetzt fällt es uns wieder ein, wir müssen
doch verfeindet sein!
In diesem Sinne also: »Lichter aus!«
Während wir so rollen, murmelt der Beifahrer neben mir unentwegt: »Julia,
it’s so terrible! All of this it’s just so terrible!« Alles sei einfach
nur schrecklich. Eigentlich sind die Rettungswagenfahrer hier wirklich
gesegnet mit schwarzem Humor. Doch angesichts dieser »frischen« Soldaten,
die anscheinend noch unsicher in ihrem Job als kraftvolle Besatzer sind,
vergeht auch Yasser und Abu Ali alle Lust zum Scherzen. Zu unberechenbar
sind noch übende Soldaten, vor allem vor Genin, wo sie selber meist die
Hosen voll haben vor Angst.
Jetzt sind alle Lichter aus. Wir geben uns Mühe, gerade noch geblendet von
dem massiven Scheinwerfer, nun in fast gänzliche Dunkelheit blinzelnd, die
Zeichen zu erraten, die uns hektisch gemacht werden. Letztes Mal wurde mit
dem Panzerrohr »ja« und »nein« genickt. Da es sich so langsam bewegt
hatte, erkannten wir es nicht, als sie »Nein« meinten. Das Mißverständnis
brachte uns in die mistige Situation, angeschrien zu werden, die Knarre
direkt im Gesicht.
Diesmal hatten wir hopsende, winkende und mit den Fingern schnipsende
Soldaten vor der Nase, doch der auf dem Panzer sitzende kam uns eilig zur
Hilfe, indem er den Scheinwerfer wieder auf uns richtete. Ah, das
altbekannte unmißverständliche Zeichen, anzuhalten.
Yasser, der Beifahrer, zupft mich am Ärmel. Aussteigen. Vor dem
Krankenwagen hebt er langsam sein Hemd an und dreht sich einmal um die
eigene Achse. Auch das hatten die ungeübten Soldaten dieses Postens
vergessen. Als ich es ihm gleich tun will, schüttelt Yasser den Kopf.
Mädchen müssen nicht beweisen, daß sie keinen Sprengstoffgürtel umhaben.
Erst recht nicht, wenn man den Jungs gerade beibringt, was sie als
Soldaten von uns verlangen müssen.
Warum wir es ihnen beibringen? Nun ja, es ist halt blöd, wenn ihnen die
Sache mit dem Sprengstoffgürtel erst einfällt, wenn wir neben ihnen
stehen. »Scared boys are faster at the trigger«, sagte mir später Abu Ali,
ängstliche Jungs schießen schneller.
»Where you’re goin’?« Diese Jungs hier sind echt unverdorbene nette. Wenn
sie es nicht auf Arabisch können, sagen sie es auf Englisch, anstatt uns
wie üblich auf Hebräisch anzubrüllen.
»Severe bleeding in Anin.« erklärt Yasser, der Beifahrer. Wir wollen zu
einem schwer blutenden Mann in Anin.
Ich schau mir die israelischen Soldaten an. Hübsche Jungs zwischen 17 und
21. Der eher 21jährige ist vermutlich ihr »Captain«.
»You can check. You can check everything. Check the Ambulance, Identity,
us. But severe bleeding in Anin!«
Wir öffnen die Türen des Rettungswagens. Oberflächlich stochern sie in der
Ambulanz herum. Heben erst die Decke auf der Liege an, um dann vorsichtig
in die aufklappbare Sitzbank zu lugen. Sie haben noch nicht gelernt, uns
alles auf die Straße ausleeren zu lassen, um dann aus versehen auf die
Beutel Perfusion oder die Sauerstoffmasken zu treten.
Doch dann kommen sie an einen für sie augenscheinlich sehr gefährlichen
Punkt: das Handschuhfach. Vorsichtig, als könnte jederzeit ein
schwerbewaffneter Hamassist herausspringen, den es dann zu erschießen
gilt, piekt einer der Soldaten mit der Gewehrspitze in das Fach.
»Here, here check our Identity. Severe bleeding in Anin!«
Yasser scheint sich Sorgen zu machen, daß sie anfangen, jetzt und heute
mit unserer Ambulanz das Auseinandernehmen zu üben.
»Please, severe bleeding in Anin!«
Als einer der jungen Soldaten vorsichtig die Hand nach unseren Pässen
ausstreckt, zeigt Yasser erklärend auf mich: »Alemania, Germany, Volunteer.«
Fragend schauen sie sich kurz meinen Ausweis an.
Dann der Captain: »Yalla, go, but no light!« Los, haut schon ab, aber das
Licht bleibt aus!
Als wir gerade losfahren wollen, fragt einer der Jüngeren:
»You’re from Germany?«
Ich nicke. »Yes Germany, Berlin.«
»Ich auch!« platzt es aus ihm heraus.
Da stehen wir nun. Mitten in der Nacht. Auf der Straße Richtung Haifa, ich
ein Volunteer beim Roten Kreuz von Palästina und er ein Soldat der
israelischen Armee.
Ich bin total verwirrt. Auf meine Brust mit der Aufschrift »International
Protection for Palestiniens« ist eine Knarre gerichtet, und der
Knarrenhalter platzt fast vor Freude, mit mir Deutsch quatschen zu können.
Noch mal frage ich, jetzt ganz doof: »Du bist aus Deutschland?«
»Ja, also, äh Wien, also, hm Österreich.«
»Ach so, hm«
So ganz raff ich’s noch nicht.
»Wie lange bist du schon hier?« Mir fällt nichts Besseres ein, und fast
rutscht mir raus, dranzuhängen, »und machst diesen Schwachsinn hier?«
Ich würd’s ja schon gern wissen, warum einer herkommt, aus Wien, um vor
Genin in einem Panzer zu hocken und sich dabei vermutlich vor Angst fast
in die Hosen zu machen. Doch ich weiß, ich muß lächeln. Vermutlich hat er
ähnliche Fragen mir gegenüber im Kopf.
Vorsichtig sein, vorsichtig sein, lächeln – und Insch Allah, durchkommen.
Quatsch mit ihm, sag ich mir. Quatsch mit ihm, als wärst du ihm auf ’ner
blöden Party begegnet.
Ich hab’ sie gelernt, die Regeln der Besatzung. Mach das Spiel mit, wie
seltsam es dir auch erscheinen mag: lächle, und quatsch mit ihm.
»In einer Stunde kommt ihr zurück?« fragt er und scheint sich sichtlich
auf unser nächstes mitternächtliches Treffen zu freuen.
Wir werden durchgelassen. Vor gerademal zwei, drei Stunden wollten wir
eine Frau holen, die Probleme bei der Geburt hatte und durften noch nicht
einmal in die Nähe dieses Postens. Die Frau ist dann gebärend, blutend
durch die Olivenhaine gestapft bis zu einem Punkt, an dem wir sie
erreichen konnten.
Jetzt, kurze Zeit später, dürfen wir passieren. Ich versuche krampfhaft,
irgendwelche Regeln zu erkennen, doch es gibt sie nicht. Wir wissen nie,
warum wir durch dürfen oder warum nicht.
Wir fahren weiter. Bald biegen wir von der Hauptstraße ab, auf ein
schmales, gewundenes, noch holprigeres Sträßchen nach Anin. Wir sind
still. Konzentriert blicken wir in die nur von unserem rotblitzenden
Ambulanzlicht beleuchtete Dunkelheit. Unser rotes Licht scheint uns um
jede Kurve vorauszueilen. Ich habe das Gefühl, es ruft für uns: Falls ihr
da steht, schießt nicht, wir sind doch nur ’ne Ambulanz. Sind solche
Gedanken der geheime Ausdruck meiner Angst, die ich nicht zu spüren
scheine?
Ich weiß, hinter jeder Kurve könnten sie stehen, die »Dschesch«. Und sie
nehmen es nun mal immer persönlich, wenn etwas zu schnell auf sie zukommt.
Doch dann sehen wir sie, die ersten Gebäude Anins. Und den nicht zu
übersehenden neongrün erleuchteten Turm der Moschee.
»It’s my home village« sagt Yasser stolz.
»Hellue« antworte ich. Das heißt schön oder hübsch. Und das ist es auch.
Ich mag im Dunkeln den Müll und die zahlreichen Beschädigungen übersehen,
aber ich sehe ein hübsches Städtchen. Von der schmalen Straße, auf der wir
fahren, vermutlich die Hauptstraße Anins, gerade so breit, daß die
Ambulanz durchpaßt, gehen kleine Gäßchen steil ab. Getaucht in unser rotes
Discolicht, sieht alles wirklich surreal hübsch aus.
Dann halten wir kurz an einem Haus, Yasser klingelt und fragt nach dem
Arzt des Städtchens. Bei ihm ist dann vermutlich die »severe bleeding«,
die schwere Blutung, zu finden, auf die der Arzt wohl fachmännisch etwas
von dem wenigen vorhandenem Tampax drückt.
Aus dem schmal geöffneten Spalt der Tür wird eine Weganleitung gemurmelt,
Yasser steigt wieder ein, und wir fahren weiter.
Es geht um die nächste Biegung. Wir finden uns auf einer Hochzeitsfeier
wieder.
Yasser, der von hier stammt, wird von allen Seiten begrüßt, lachend aus
den Reihen von »Dapka«-tanzenden Männern, die sich um unseren
Rettungswagen ringeln. In diesem Land unter total verrückter Besatzung
erlebt man die komischsten Verwandlungen seiner Gefühle. Emotionenwandel
im Fünfminutentakt.
So tanzen im Schein der roten Lichter an die 30 Männer Dapka um den
Ambulanzwagen, und wir suchen den »Severe bleeding in Anin«. Fünf Minuten
später werden wir ihn finden, den blutenden alten Mann, den wir zurück
durch die Checkpoints nach Genin ins Krankenhaus bringen müssen.
But, for the Moment we have Dapka. Quelle: „Neue Welt“,
26.10.2002 - Ausland
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