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Julia Deeg

 

Texte von Julia Deeg

Julia Deeg - Vorsichtig sein und lächeln
Julia Deeg - Nie wieder nach Israel
Unterwegs im palästinensischen Krankenwagen
Als trugen sie Palästina am Körper

 Unterwegs mit Pater Rainer Fielenbach  . Gastfreundschaft im Camp - Erzählen, erzählen, und nochmals erzählen, was passiert ist.  Einladung zum Tee - einzige Absicht: es hört jemand zu.

In Ambulanzen durch die Nächte des belagerten Palästina - Eine junge Berlinerin in Arafats Hauptquartier.

Vorsichtig sein, vorsichtig sein – und lächeln. Unterwegs als Freiwillige im palästinensischen Krankenwagen von Jenin -   Julia Deeg fährt für eine Woche in den Ambulanzen mit - oft die einzige Chance, aus Jenin herauszukommen zu den Patienten in den Dörfern. Wenn sie als Ausländerin drin saß, wurden Sie meistens an der Panzerstraßensperre durchgelassen. mehr >>>

Reise nach Palästina - Eine Bilderreportage von Julia Deeg

Die Geschichte vom gewaltlosen Widerstand
Israelische Panzer verhindern die Rückkehr nach Berlin
Meine Wogehenwirhingedanken -  Der Krieg gegen den Terror. - Julia Deeg - Friedensaktivistin

Friedensaktivistin in Arafats Amtssitz - "Ich würde für Israelis das Gleiche tun"

"Wir wünschen Ihnen gesegnete Reise" - Koalition rechter israelischer Parteien spricht sich für Vertreibung von Palästinensern aus - Julia Deeg  >>>

Skrupel oder Tabus scheinen keine Rolle mehr zu spielen

Israelische Panzer verhindern die Rückkehr nach Berlin - Noch immer sitzt die 21-jährige Julia Deeg in Ramallah fest - Von Silke Stuck

Israelische Panzer verhindern die Rückkehr nach Berlin

 Freitag-Telefongespräch mit Julia Deeg

Die Deutschen ringen mit Vergangenheit und Gegenwart: Solidarität mit Israel oder mit den Palästinensern? Ein Gespräch zweier, die sich einmischen. - Begegnungen: Manfred Lahnstein/ Julia Deeg    Auch im Webarchiv >>>

JULIA DEEG, 23, begleitete im Frühjahr 2002 ihre Mutter, eine Lehrerin und Journalistin, auf einer Recherchereise durch Israel. Bekannt wurde sie, als sie 33 Tage in dem von israelischem Militär umstellten Hauptquartier des Palästinenserführers Jassir Arafat in Ramallah ausharrte.

Julia Deeg 

»Shalom! Shalom Captain!« Wir warten auf Antwort. Das einzige Licht ist das unserer Scheinwerfer und das rotblitzende auf dem Dach unserer Ambulanz, das alles in ein lustig flackerndes Discolicht zu tauchen scheint. Am Rand der durchlöcherten Straße stehen ein paar karge Büsche, in denen Plastiktüten und anderer Müll vom Wind verweht hängen, und vor uns die »Dabbaba«. »Dabbaba« klingt irgendwie niedlich. Dabbaba heißt Panzer.

Bis hierher hatten wir uns fröhlich unterhalten; Abu Ali, der Fahrer, ist ein ausgezeichneter Sänger, doch Gesang und Witzeleien verebben, sobald wir in Sichtweite der Dabbaba sind.

»Captain, Shalom!!« versucht Abu Ali es erneut, während wir zaghaft weiterrollen. Ali und sein Beifahrer Yasser strecken gleichzeitig jeweils ihren rechten beziehungsweise linken Arm zu einem defensiven Gruß aus dem Fenster. Dann scheint uns grell ein Scheinwerfer an. Das Zeichen, anzuhalten. Abu Ali steht auf, das heißt, er öffnet die Tür, streckt mit erhobener linker Hand den Oberkörper hinaus, während er mit dem Fuß auf der Bremse des Automatikwagens steht, um in das uns entgegenstrahlende Licht erneut auf Hebräisch einen Gruß und ein paar Worte, die ich nicht verstehe, zu rufen. Dann schweigen. Schließlich: »Ta’ali– kommt!«

Der arabische Arzt spricht hebräisch, der israelische Soldat antwortet auf arabisch. Und wenn’s damit nicht weitergeht, versuchen beide Seiten es mit ihrem Englisch oder oft sogar Russisch. Checkpoint-Sprache ist eine Sache für sich. Die Kommunikation der Besatzung eine andere Geschichte. Manchmal will einer auch einfach nicht, dann wird es schwierig. In solchen Situationen erleben wir dann immer lauter geschrieene hebräische Worte, so als würden wir durch mehr Lautstärke verstehen.

Diesmal aber gibt man sich Mühe.
»Ta’ali«

Abu Ali läßt der Bremse soviel Luft, daß wir kaum merklich weiterrollen. Nun, in dem vergleichbar schwachen Licht unserer Scheinwerfer, sehen wir vier Soldaten stehen. Doch plötzlich fällt ihnen etwas ein. Sie scheinen noch nicht lange hier ihren Dienst abzuleisten, denn sie haben was Wichtiges vergessen. Sie fangen an, komisch hin- und herzuhüpfen, aus dem Licht unserer Scheinwerfer raus. Sie haben vergessen, was ihnen eingebleut wurde: Israelische Soldaten außerhalb ihrer Panzer sind in Gefahr. Und so hüpfen und rufen die vier aufgeregt. Einen Moment lang hatten wir wohl alle vergessen, wo wir sind. Jetzt fällt es uns wieder ein, wir müssen doch verfeindet sein!
In diesem Sinne also: »Lichter aus!«

Während wir so rollen, murmelt der Beifahrer neben mir unentwegt: »Julia, it’s so terrible! All of this it’s just so terrible!« Alles sei einfach nur schrecklich. Eigentlich sind die Rettungswagenfahrer hier wirklich gesegnet mit schwarzem Humor. Doch angesichts dieser »frischen« Soldaten, die anscheinend noch unsicher in ihrem Job als kraftvolle Besatzer sind, vergeht auch Yasser und Abu Ali alle Lust zum Scherzen. Zu unberechenbar sind noch übende Soldaten, vor allem vor Genin, wo sie selber meist die Hosen voll haben vor Angst.

Jetzt sind alle Lichter aus. Wir geben uns Mühe, gerade noch geblendet von dem massiven Scheinwerfer, nun in fast gänzliche Dunkelheit blinzelnd, die Zeichen zu erraten, die uns hektisch gemacht werden. Letztes Mal wurde mit dem Panzerrohr »ja« und »nein« genickt. Da es sich so langsam bewegt hatte, erkannten wir es nicht, als sie »Nein« meinten. Das Mißverständnis brachte uns in die mistige Situation, angeschrien zu werden, die Knarre direkt im Gesicht.

Diesmal hatten wir hopsende, winkende und mit den Fingern schnipsende Soldaten vor der Nase, doch der auf dem Panzer sitzende kam uns eilig zur Hilfe, indem er den Scheinwerfer wieder auf uns richtete. Ah, das altbekannte unmißverständliche Zeichen, anzuhalten.

Yasser, der Beifahrer, zupft mich am Ärmel. Aussteigen. Vor dem Krankenwagen hebt er langsam sein Hemd an und dreht sich einmal um die eigene Achse. Auch das hatten die ungeübten Soldaten dieses Postens vergessen. Als ich es ihm gleich tun will, schüttelt Yasser den Kopf. Mädchen müssen nicht beweisen, daß sie keinen Sprengstoffgürtel umhaben. Erst recht nicht, wenn man den Jungs gerade beibringt, was sie als Soldaten von uns verlangen müssen.

Warum wir es ihnen beibringen? Nun ja, es ist halt blöd, wenn ihnen die Sache mit dem Sprengstoffgürtel erst einfällt, wenn wir neben ihnen stehen. »Scared boys are faster at the trigger«, sagte mir später Abu Ali, ängstliche Jungs schießen schneller.

»Where you’re goin’?« Diese Jungs hier sind echt unverdorbene nette. Wenn sie es nicht auf Arabisch können, sagen sie es auf Englisch, anstatt uns wie üblich auf Hebräisch anzubrüllen.

»Severe bleeding in Anin.« erklärt Yasser, der Beifahrer. Wir wollen zu einem schwer blutenden Mann in Anin.
Ich schau mir die israelischen Soldaten an. Hübsche Jungs zwischen 17 und 21. Der eher 21jährige ist vermutlich ihr »Captain«.

»You can check. You can check everything. Check the Ambulance, Identity, us. But severe bleeding in Anin!«

Wir öffnen die Türen des Rettungswagens. Oberflächlich stochern sie in der Ambulanz herum. Heben erst die Decke auf der Liege an, um dann vorsichtig in die aufklappbare Sitzbank zu lugen. Sie haben noch nicht gelernt, uns alles auf die Straße ausleeren zu lassen, um dann aus versehen auf die Beutel Perfusion oder die Sauerstoffmasken zu treten.
Doch dann kommen sie an einen für sie augenscheinlich sehr gefährlichen Punkt: das Handschuhfach. Vorsichtig, als könnte jederzeit ein schwerbewaffneter Hamassist herausspringen, den es dann zu erschießen gilt, piekt einer der Soldaten mit der Gewehrspitze in das Fach.

»Here, here check our Identity. Severe bleeding in Anin!«
Yasser scheint sich Sorgen zu machen, daß sie anfangen, jetzt und heute mit unserer Ambulanz das Auseinandernehmen zu üben.

»Please, severe bleeding in Anin!«

Als einer der jungen Soldaten vorsichtig die Hand nach unseren Pässen ausstreckt, zeigt Yasser erklärend auf mich: »Alemania, Germany, Volunteer.«
Fragend schauen sie sich kurz meinen Ausweis an.

Dann der Captain: »Yalla, go, but no light!« Los, haut schon ab, aber das Licht bleibt aus!
Als wir gerade losfahren wollen, fragt einer der Jüngeren:

»You’re from Germany?«

Ich nicke. »Yes Germany, Berlin.«

»Ich auch!« platzt es aus ihm heraus.

Da stehen wir nun. Mitten in der Nacht. Auf der Straße Richtung Haifa, ich ein Volunteer beim Roten Kreuz von Palästina und er ein Soldat der israelischen Armee.

Ich bin total verwirrt. Auf meine Brust mit der Aufschrift »International Protection for Palestiniens« ist eine Knarre gerichtet, und der Knarrenhalter platzt fast vor Freude, mit mir Deutsch quatschen zu können. Noch mal frage ich, jetzt ganz doof: »Du bist aus Deutschland?«

»Ja, also, äh Wien, also, hm Österreich.«
»Ach so, hm«

So ganz raff ich’s noch nicht.

»Wie lange bist du schon hier?« Mir fällt nichts Besseres ein, und fast rutscht mir raus, dranzuhängen, »und machst diesen Schwachsinn hier?«

Ich würd’s ja schon gern wissen, warum einer herkommt, aus Wien, um vor Genin in einem Panzer zu hocken und sich dabei vermutlich vor Angst fast in die Hosen zu machen. Doch ich weiß, ich muß lächeln. Vermutlich hat er ähnliche Fragen mir gegenüber im Kopf.
Vorsichtig sein, vorsichtig sein, lächeln – und Insch Allah, durchkommen.

Quatsch mit ihm, sag ich mir. Quatsch mit ihm, als wärst du ihm auf ’ner blöden Party begegnet.

Ich hab’ sie gelernt, die Regeln der Besatzung. Mach das Spiel mit, wie seltsam es dir auch erscheinen mag: lächle, und quatsch mit ihm.

»In einer Stunde kommt ihr zurück?« fragt er und scheint sich sichtlich auf unser nächstes mitternächtliches Treffen zu freuen.

Wir werden durchgelassen. Vor gerademal zwei, drei Stunden wollten wir eine Frau holen, die Probleme bei der Geburt hatte und durften noch nicht einmal in die Nähe dieses Postens. Die Frau ist dann gebärend, blutend durch die Olivenhaine gestapft bis zu einem Punkt, an dem wir sie erreichen konnten.

Jetzt, kurze Zeit später, dürfen wir passieren. Ich versuche krampfhaft, irgendwelche Regeln zu erkennen, doch es gibt sie nicht. Wir wissen nie, warum wir durch dürfen oder warum nicht.

Wir fahren weiter. Bald biegen wir von der Hauptstraße ab, auf ein schmales, gewundenes, noch holprigeres Sträßchen nach Anin. Wir sind still. Konzentriert blicken wir in die nur von unserem rotblitzenden Ambulanzlicht beleuchtete Dunkelheit. Unser rotes Licht scheint uns um jede Kurve vorauszueilen. Ich habe das Gefühl, es ruft für uns: Falls ihr da steht, schießt nicht, wir sind doch nur ’ne Ambulanz. Sind solche Gedanken der geheime Ausdruck meiner Angst, die ich nicht zu spüren scheine?

Ich weiß, hinter jeder Kurve könnten sie stehen, die »Dschesch«. Und sie nehmen es nun mal immer persönlich, wenn etwas zu schnell auf sie zukommt.
Doch dann sehen wir sie, die ersten Gebäude Anins. Und den nicht zu übersehenden neongrün erleuchteten Turm der Moschee.
»It’s my home village« sagt Yasser stolz.

»Hellue« antworte ich. Das heißt schön oder hübsch. Und das ist es auch. Ich mag im Dunkeln den Müll und die zahlreichen Beschädigungen übersehen, aber ich sehe ein hübsches Städtchen. Von der schmalen Straße, auf der wir fahren, vermutlich die Hauptstraße Anins, gerade so breit, daß die Ambulanz durchpaßt, gehen kleine Gäßchen steil ab. Getaucht in unser rotes Discolicht, sieht alles wirklich surreal hübsch aus.

Dann halten wir kurz an einem Haus, Yasser klingelt und fragt nach dem Arzt des Städtchens. Bei ihm ist dann vermutlich die »severe bleeding«, die schwere Blutung, zu finden, auf die der Arzt wohl fachmännisch etwas von dem wenigen vorhandenem Tampax drückt.

Aus dem schmal geöffneten Spalt der Tür wird eine Weganleitung gemurmelt, Yasser steigt wieder ein, und wir fahren weiter.
Es geht um die nächste Biegung. Wir finden uns auf einer Hochzeitsfeier wieder.

Yasser, der von hier stammt, wird von allen Seiten begrüßt, lachend aus den Reihen von »Dapka«-tanzenden Männern, die sich um unseren Rettungswagen ringeln. In diesem Land unter total verrückter Besatzung erlebt man die komischsten Verwandlungen seiner Gefühle. Emotionenwandel im Fünfminutentakt.

So tanzen im Schein der roten Lichter an die 30 Männer Dapka um den Ambulanzwagen, und wir suchen den »Severe bleeding in Anin«. Fünf Minuten später werden wir ihn finden, den blutenden alten Mann, den wir zurück durch die Checkpoints nach Genin ins Krankenhaus bringen müssen.

But, for the Moment we have Dapka.

Quelle: „Neue Welt“, 26.10.2002 - Ausland

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