Aufruf an israelische Soldaten, Kriegsverbrechen zu stoppen
Shraga Elam 19.07.2006
Israels Führung bringt Hunderttausende im Norden und im
Zentrum ihres Landes in Gefahr: Die Hisbollah hat
Raketen, die bis Tel Aviv und Jerusalem reichen. Und
das dumme "Volk" unterstützt die Regierung und die
Armee, während es derartig reingelegt wird. Ein
Raketenschlag der Hisbollah auf die Raffinerien zum
Beispiel, oder auf die petrochemischen Anlagen bei
Haifa, würde wahrscheinlich den Tod Hunderttausender
Menschen bedeuten. Und die "Party" würde noch weit
schrecklichere Dimensionen annehmen, denn das wäre
nicht das Ende der Blutorgie.
„Der Messias kommt
nicht, er ruft nicht mal an (er schickt auch keine
Mails) … und die
Regierung sagt: Das Publikum ist dumm, und deshalb
muss es zahlen.“
Aus dem berühmten
und beliebten Schlager „Warten auf Messias " von
Shalom Chanoch
Der israelischen Führung sind die Leiden arabischer
Menschen gleichgültig. Das überrascht nicht, denn
diese Haltung findet von alters her breite
Unterstützung in der israelischen Bevölkerung.
Überraschend ist, dass viele anständige Leute immer
wieder in die grausige und verführerische Falle der
alten israelischen Militärmaxime tappen: „Wenn
Gewalt nicht hilft, dann greif’ zu mehr Gewalt.“
Wieso fehlt jedes Bewußtsein dafür, dass Politik, die auf
Gewalt gründet, auch alle Israelis ernsthaft
gefährdet?
Wieso gelingt es den Experten,
sogar Leuten eine Gehirnwäsche zu verpassen, die
nicht dumm sind?
Haben wir uns nicht diese und ähnlichen Fragen über
Deutschen während der Nazizeit gestellt?
Wieso verstehen meine libanesischen
Schwarmah-Verkäufer Dinge, die ein Großteil
der israelischen Bevölkerung – das „Volk des Buches“
– nicht versteht oder nicht verstehen will?
Obgleich ihre Familien südlich von
Tyrus schwer unter den israelischen Angriffen
leiden – zum Beispiel ist die Versorgung mit Brot
unterbrochen, weil die Hauptstraßen getroffen wurden
- und obwohl sie in ständiger Angst leben, glauben
sie, dass eine Lösung nur mit friedlichen Mitteln
gefunden werden kann und dass eine Eskalation nur
das Leid vergrößert.
Doch weder sie, noch andere
LibanesInnen, das ist klar, sind alleine in
der Lage, mehr Weisheit und Menschlichkeit in die
explosive Region zu bringen, in der ein Feuer
brennt, dass sich über die ganze Welt verbreiten
kann.
Zweifellos ist die israelische Führung - mit
Unterstützung der US-Regierung - schon lange an der
Eskalation des Konflikts interessiert und vereitelt
die Suche nach friedlichen und gewaltfreien
Lösungen. Dieses perverse Ziel der israelischen
Herrschaftselite ist seit dem Wahlsieg der Hamas im
Januar 2006 näher gerückt. Während der folgenden
Monate haben mehrere israelische Generäle öffentlich
Maßnahmen diskutiert, die eindeutig Hunderttausende
von Menschen aus ihren Häusern vertreiben würden.
Die Durchführung dieser Maßnahmen schien nur eine
Frage der Zeit zu sein.
Es überrascht, dass dafür ein so fadenscheiniger Vorwand
wie die Gefangennahme eines israelischen Soldaten
während einer raffinierten militärischen Operation
genügt, ein Vorwand, der die Blöße und Gier der
israelischen Führung nicht zu verdecken vermag.
Der Vorwand genügte jedoch, um einen Generalangriff
anzustoßen, der fast nichts mit der Entführung oder
der Befreiung des gefangenen Soldaten zu tun hat.
Das Potential für eine Eskalation im Gazastreifen ist
noch keineswegs erschöpft, und es sieht so aus, als
wäre das Ziel der Zusammenbruch der
palästinensischen Behörde und die „Befreiung“, das heißt die Vertreibung von so vielen
Palästinensern wie möglich. All dies im Einklang
mit dem Armee-Masterplan „Operation Dornenfeld“.
Einer Veröffentlichung des bekannten US-Experten Anthony
Cordesman zufolge sieht
dieser Plan, der 1996 entworfen wurde, verschiedene
Maßnahmen vor, von denen die meisten schon ergriffen
wurden. Ein Beispiel ist die Evakuierung
angreifbarer Siedlungen.
Cordesman erwähnt in diesem Zusammenhang
ausgerechnet die eventuelle Evakuierung der Siedlung
in Hebron. Aber wie bekannt ist, wurde solch ein
taktischer Rückzug im letzten Jahr im Gazastreifen
vollzogen.
Die „Operation Dornenfeld“ schließt die Eliminierung der
Palästinensischen Behörde ein, ebenso wie die
„Evakuierung“ der Palästinenser aus „empfindlichen
Gebieten“ - ein sehr dehnbarer Terminus.
Nach der Ausschaltung der Palästinensischen Behörde, das
ist klar, besteht keine israelische Absicht mehr, zu
einer direkte Herrschaft über die palästinensische
Bevölkerung zurückzukehren. Das wäre wirtschaftlich
und politisch zu teuer. Deshalb ist die
Massenvertreibung, der „Transfer“, der feuchte Traum
von Generationen israelischer Führer, jetzt
anscheinend in Reichweite. Doch sind dafür bestimmte
politische Bedingungen notwendig - eine massive
Eskalation, zum Beispiel nach einem Mega-Terrorakt
oder einem Großangriff.
Es ist deutlich geworden, dass die israelische Führung
erwartet und vielleicht gehofft hat, dass nicht alle
arabischen Staaten wie gewöhnlich mit verschränkten
Armen daneben stehen und mehr oder weniger
gleichgültig zusehen, wie die israelische Armee ihre
Kriegsverbrechen gegen die palästinensische
Bevölkerung fortsetzt. Aus dieser Sicht kann man
vermuten, dass die Regierung Israels und der
israelische Generalstab damit gerechnet haben, dass
die Hisbollah sich früher oder später dem
bewaffneten Kampf anschließt, um den Druck auf die
Palästinenser zu vermindern.
Ohne Zweifel ist die Hisbollah, ebenso wie die
palästinensischen Militanten, völlig in die Irre
gegangen mit ihrer Entscheidung, Israel militärisch
anzugreifen. Sie hat der arroganten israelischen
Führung weitgehend in die Hände gespielt, die sich
nicht davon abhalten ließ, unnötigerweise sogar jene
zu gefährden, die für sie gestimmt haben.
Die sehr schnelle israelische massive Reaktion auf den
Hisbollah-Angriff deutet darauf hin, dass Israel aus
den USA im Voraus grünes Licht für solche Aktionen
bekommen hat.
Nun ist eine wirksame Strategie des gewaltfreien
Widerstands gegen die gefährliche und
zerstörerische Logik des Krieges erforderlich. Ein
bedeutsamer erster Schritt in diese Richtung ist die
Veröffentlichung und Verteilung eines Aufrufes an
die SoldatInnen der
israelischen Armee, Kriegsverbrechen zu verhindern;
ein Appell der auf der folgenden deutschen
Internetwebsite veröffentlich wurde:
http://.arendt-art.de/deutsch/palaestina/texte/aufruf_israelische_soldaten_kriegsverbrechen_stoppen.htm
Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Aufruf gerade
aus Deutschland kommt, denn der Anti-Militarismus
ist heute in Deutschland viel stärker als in Israel.
Einerseits lässt diese Entwicklung hoffen, dass eine
aggressive Gesellschaft sich radikal ändern kann.
Andrerseits können wir es uns nicht leisten, vierzig
bis sechzig Jahre darauf zu warten, bis solch ein
Prozess auch in Israel greift.
Der Appell weist darauf hin, dass eine gewöhnliche
Verweigerung nicht ausreicht und dass eine stärkere
Aktion erforderlich ist, die israelische Führung zu
zwingen, den Weg des Friedens zu verinnerlichen und
ihn von ganzem Herzen zu suchen. Die Verhinderung
israelischer Aggressivität wird auf diese Weise ein
deutliches Friedenssignal aussenden. Ein Signal, das
einen Prozess in Gang bringen kann, der für alle
Bewohner des Nahen Ostens mehr Sicherheit bedeutet.
Shraga Elam, israelischer Friedensaktivist und
recherchierender Journalist
Träger des goldenen Walkley-Preises
von 2004, dem prestigeträchtigsten australischen
Preis für hervorragenden Journalismus
Zürich, Schweiz
(dt. Ellen Rohlfs und Thomas Immanuel Steinberg)
