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Hizbollah zeigt Muskeln
Wer profitiert vom Mord an Hariri?

Dr. Behrouz  Khosrozadeh  

 

Auf die antisyrischen Protestaktionen mit knapp hunderdtausend Demonstranten reagierte die Hizbollah am Dienstag vergangener Woche eindrucksvoll mit der Mobilisierung von knapp einer Million Menschen auf den Straßen Beiruts. Die Botschaft der Gottespartei ist eindeutig: es wird keine „Orange Revolution“ im Libanon geben, aus dem einfachen Grund, weil der Libanon nicht die Ukraine ist und Washington und Europa sollten sich eine neutralisierte Hizbollah im Libanon aus dem Kopf schlagen. Die libanesische Opposition und die USA, die scheinbar aus dem Tod Hariris Kapital im Libanon schlagen  wollen (Isolierung Syriens, Entwaffnung der Hizbollah), sollten sich nicht voreilig freuen.

 

Der ehemalige Ministerpräsident des Libanon Rafik Hariri war Mitte Februar Opfer eines Sprengstoffanschlages geworden. Er war 1992 bis 1998 und von 2000 bis Oktober 2004 libanesischer Regierungschef und ohne Zweifel der populärste libanesische Politiker der Postbürgerkriegsära (1975-1991). Durch die vertraute Nähe zu Riad und seinen Geschäftssinn avancierte er während seines 15-jährigen Aufenthaltes in Saudi Arabien zum Milliardär. Dennoch fühlte er sich seiner libanesischen Herkunft immer noch stark verbunden. So brachte er in der taifer Sommerresidenz des saudischen Königs libanesische Politiker und Milizenführer verschiedener ethnisch-konfessioneller Richtungen der Bürgerkriegsparteien zusammen und landete somit seinen größten Coup: das Ende des Bürgerkrieges. Sollten die Authentizität und der Inhalt des zugespielten Bekennervideos stimmen, dürfte Hariris Nähe zu den Saudis für ihn zum Verhängnis geworden sein. Durch Hariris wirtschaftliche Verbindungen profitierte der Libanon enorm. Deshalb stellt sich umso mehr die Frage, wer ein Interesse an seinem Tod haben könnte und worin die Motivation hierfür liegt.

 

Die Gegner der syrischen Präsenz im Libanon, an deren Spitze Hariri selbst seit seinem Rücktritt im vergangenen Oktober stand, beschuldigten Damaskus und seine Geheimdienste zum Drahtzieher des tödlichen Anschlages. Hariri und der Drusenführer Walid Jumbalat bildeten im Schulterschluss mit dem im pariser Exil lebenden ehemaligen Armeechef, dem Maroniten Michel Aoun, die Opposition zur libanesischen Regierung unter dem  prosyrischen Omar Karame. Als Anführer des antisyrischen Blocks und ob seines bewährten konfessionsübergreifenden Integrationsvermögens dürfte seine Wiederkehr als Ministerpräsident bei den Parlamentswahlen im kommenden April als gesichert erscheinen. Gerade deshalb und weil er aus Protest gegen die verfassungswidrige Verlängerung der Amtszeit von Präsident Lahoud aus dem Amt zurücktrat, liegt der Verdacht nahe, dass Damaskus der Urheber des Attentates sein könnte. Doch eine syrische Verwicklung wäre zu durchsichtig.

 

Baschar al-Assad, schon im jungen Jahren ein Mann von gestern, weißt zu genau, dass er sich, als einzig verbliebener arabischer Kontrahent Israels, keine fatalen Fehler erlauben darf. Als Mitglied der „Vorposten der Tyrannei“ (Rice), der „Achse des Bösen“ sowie „Unterstützer  der Terroristen“ im Irak steht er längst  im Visier des Weißen Hauses. Sehr übereilt verurteilte er als erstes ausländisches Staatsoberhaupt das Attentat als einen feigen Akt. Die nächste Reaktion kam wie erwartet aus Washington. Rice forderte Syrien dringend auf, die UN-Resolution 1559 zu respektieren und seine Truppen aus dem Libanon zurückzuziehen. Den neusten Meldungen folgend, soll Assad jun. unter enormen internationalen Druck den baldigen Abzug seiner Truppen gebilligt haben. Sollte der Mord an Hariri Syrien und seinem großen Verbündeten Iran gegolten haben und nicht Saudi-Arabien und der libanesischen Opposition - wofür einiges spricht -, dürfte der Anschlag als ein genialer Schachzug bewertet werden. Denn weder Saudi-Arabien noch die libanesische Opposition sind durch den Anschlag  zu Schaden gekommen. Letztere hat gar enormen Aufwind bekommen. Zu dem sind keine sterblichen Überreste eines Selbstmordattentäters gefunden worden, was das Szenario einer ferngezündeten Sprengstoffdetonation erhärtet. Und eine ferngesteuerte Detonation bedürfte professioneller Täter, denn Hariris Autokonvoi soll mit modernster Technik zum Zweck der Störung und Neutralisierung von drahtlosen Funksignalen im Umkreis von ein paar Hundert Metern ausgestattet gewesen sein. Nur professionelle Hände mit supermoderner Technik wären in der Lage, die Sicherheitsgeräte von Hariris Autokonvoi kurz vor dem Ort des Anschlags auszuschalten.    

 

Jenseits jeglicher Verschwörungstheorien, die im Nahen Osten inflationär kursieren, spielen die regionalen und weltpolitischen Auswirkungen des Attentates dem US-Projekt der Demokratisierung des Nahen Ostens in die Hände. Letzte Woche ist Ministerpräsident Karame einem Misstrauensvotum der Opposition zuvorgekommen und zurückgetreten um ein paar Tage später wieder ein neues „Übergangskabinett“ zu bilden. Denn noch ist das Parlament mehrheitlich prosyrisch, aber es muss dem erdrückenden Druck der Opposition und der USA sowie der Straße standhalten. In Beirut schienen sich ukrainische Verhältnisse während der dortigen Vorwahlen abzuzeichnen. Die Wahl einer proamerikanischen Regierung würde den Einkreisungsring um Syrien enger werden lassen. Syrien wäre dann vom Feind Israel und den Feindesfreunden Türkei, Irak, Jordanien und Libanon umgeben. Das Aus für Syrien im Libanon könnte Damaskus und Teherans Trumpfkarte, die Hisb’allah,  einsam und schutzlos werden lassen. Den Gotteskriegern dürfte eine Entwaffnung bzw. Neutralisierung drohen. Das wäre zudem eine immense Entlastung  für Israel, so spekuliert man zumindest im Weißen Haus und in manch europäischen Hauptstädten. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, weil der Libanon selbst so an den Rand eines erneuten Bürgerkrieges driften könnte. Die Hizbollah wurde zwar 1982 de facto in der iranischen Botschaft in Damaskus unter der Federführung des damaligen iranischen Botschafters  Ali Akbar Mohtaschami gegründet, sie zählt jedoch als einzig bewaffnete nicht-staatliche Institution längst zum Bestandteil der libanesischen Politik und wird sich diese Stellung nicht streitig machen lassen. Die Libanesen aller Konfessionen und Ethnien achten die Hizbollah als die libanesische Widerstandsorganisation, die 2000 die IDF (Israel Defense Forces) aus dem Libanon vertrieb. Das dichte Netz der Hisbollah an Bildungseinrichtungen, sozial-karitativen Hilfsangeboten, Krankenhäusern und anderen Infrastrukturmaßnahmen versorgt vor allem die Regionen und Bereiche, die der Staat vernachlässigt sowie sozial schwache Menschen. Hizbollahs kompetentes Wirken im libanesischen Parlament und in den Lokalverwaltungen brachte ihr konfessionsübergreifendes Ansehen ein.

 

Die beeindruckende Massendemonstration vom Dienstag sollte für die Falken in Washington und Europa ein Warnsignal sein, dass ihre chronisch falsche Sichtweise  der nahöstlichen Verhältnisse den Libanon an den Rand des Abgrundes führen kann. Ohne ein umfassendes Friedenskonzept für den gesamten Nahen Osten wäre sinnlos und abenteuerlich, einseitig und parteiisch die Ausschaltung mächtiger Kräfte wie die Hizbollah anzustreben. Das müssen die Amerikaner und Europäer begreifen.   

  

Auf dem Weg zur Implementierung des Projektes „demokratischer Naher Osten“ sind die zwei „Vorposten der Tyrannei“, Iran und Syrien, die letzten hartnäckigen Stolpersteine. Das größte Hindernis, die Islamische Republik Iran, steht wegen  seines Nuklearprogramms unter großem internationalen Druck. Teheran ist genug damit beschäftigt, US-Militärdrohungen mit verschiedenen Mitteln, unter anderem Hizbollah als Israel empfindlich gefährdende Kraft, abzuwehren.

 

Wer auch immer hinter dem Mord am charismatischen, milliardenschweren Hariri stecken mag, der kleine knapp über 10.000 km² große Staat Libanon hat die gesamten Konstellationen und  Rechnungen in der Region durcheinandergewirbelt.

 

 Dr. Behrouz  Khsorozadeh  

 

 * Dieser Artikel ist in leicht gekürzer Version in „St. Galler Tageblatt“ (Schweiz) erschienen.

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