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Ramzy Baroud
schreibt über den palästinensischen
Widerstand:
Echter Widerstand ist eine Kultur. Es ist
eine kollektive Antwort auf Unterdrückung...
Wenn ich von Widerstand als Kultur spreche,
beziehe ich mich auf Edward Saids
Erläuterung von „Kultur als Weg,
Auslöschung und Vernichtung zu
bekämpfen.“...
Wenn Widerstand „die Aktion der Opposition
gegen etwas, dem man nicht zustimmt oder das
man ablehnt, ist“ dann entwickelt sich eine
Kultur des Widerstandes, wenn eine ganze
Kultur kollektiv entscheidet, dem
abgelehnten Element zu widerstehen -
oftmals ist das eine fremde Besetzung. Diese
Entscheidung wird nicht kalkulierend
getroffen. Sie wird erreicht in einem langen
Prozess, in dem Selbstbewusstsein, das
Geltendmachen eigener Ansprüche,
Traditionen, kollektive Erfahrungen, Symbole
und viele Faktoren auf spezifische Weise
miteinander reagieren. Dies kann eine neue
Erfahrung für den reichen Erfahrungsschatz
aus der Vergangenheit einer Kultur sein,
aber es ist ein innerer Prozess...
Während in Gaza die Medien endlos von
Raketen und Israels Sicherheit sprechen und
debattieren, wer wirklich verantwortlich
dafür ist, dass Palästinenser als Geisel im
Gazastreifen gehalten werden, kümmert sich
niemand um die kleinen Kinder, die in Zelten
neben den Ruinen ihrer Häuser leben, die sie
in Israels letztem Angriff verloren haben.
Diese Kinder nehmen an der gleichen Kultur
des Widerstandes teil, die Gaza im Verlauf
von sechs Jahrzehnten erlebt hat. In ihren
Heften zeichnen sie Kämpfer mit Gewehren,
Kinder mit Schlingen, Frauen mit Fahnen,
ebenso drohende israelische Panzer und
Kampfflugzeuge, Gräber mit dem Wort
„Martyrer“ und zerstörte Häuser. Dazwischen
wird das Wort „Sieg“ ständig benutzt.
http://www.aljazeerah.info/Opinion%20Editorials/2010/July/20%20o/Beyond%20Violence%20and%20Non-Violence%20Resistance%20as%20a%20Culture%20By%20Ramzy%20Baroud.htm
Jenseits von Gewalt
und Gewaltlosigkeit
Widerstand als Kultur
Von Ramzy
Baroud
Al-Jazeerah,
CCUN, 20. Juli, 2010
Widerstand ist
nicht einfach eine Schar von bewaffneten
Männern in versessener Ausrichtung auf
maximalen Schaden. Er wird nicht einfach
duch eine Terroristenzelle verkörpert, die
an Plänen zur Sprengung eines Gebäudes
arbeitet.
Echter Widerstand ist eine Kultur.
Es ist eine kollektive Reaktion auf
Unterdrückung.
Widerstand
grundsätzlich und umfassend zu verstehen ist
nicht einfach. Kein noch so gründlicher
Nachrichtenartikel könnte erläutern, warum
ein Volk als Volk Widerstand leistet. Sebst
wenn eine solch mühselige Aufgabe lösbar
wäre, würden die Nachrichten sie nicht
bringen, weil dies in direktem Widerspruch
mit der etablierten Interpretationen von
gewaltsamem und gewaltfreiem Widerstand
steht. Die Nachrichten aus Afghanistan
müssen der gleichen Sprache verpflichtet
bleiben: al-Kaida und der Taliban. Libanon
muss dargestellt werden im Rahmen einer von
Iran unterstützen Hizbullah. Palästinas
Hamas muss für immer als militante Gruppe
repräsentiert werden, die sich der
Zerstörung des jüdischen Staates verschworen
hat. Jeglicher Versuch, eine alternative
Lesart anzubieten, grenzt an ein
Sympathisieren mit Terroristen und der
Rechtfertigung von Gewalt.
Die gewollte
Verschmelzung und der Missbrauch von
Terminologie haben es beinahe unmöglich
gemacht, blutige Konflikte zu verstehen, und
so tatsächlich zu lösen.
Selbst
diejenigen, die angeblich mit Nationen im
Widerstand sympathisieren, tragen zu dieser
Verwirrung bei. Aktivisten aus westlichen
Ländern neigen zu einem akademischen
Verständnis der Geschehnisse akademischen
Verständnis in Pakistan, Irak, Libanon und
Afghanistan. So werden bestimmte Ideen
fortgesetzt: Selbstmordbomber schlecht,
gewaltfreier Widerstand gut; Hamasraketen
schlecht, Steinschleudern gut; bewaffneter
Widerstand schlecht, Mahnwachen vor dem
Roten Kreuz gut. Viele Aktivisten zitieren
Martin Lither King Jr., aber nicht Malcolm
X. Sie werden ein selektives Verständnis von
Gandhi vermitteln, aber nie von Guevara.
Dieser angeblich „strategische“ Diskurs hat
vielen ein wertvolles Verstehen des
Potentials von Widerstand geraubt;
[Widerstand] als Konzept und als Kultur.
Zwischen der
vereinfachten etablierten Interpretation von
Widerstand als gewaltsam und terroristisch
und dem ‚alternativen‘ Entstellen einer
inspirierenden und dringenden kulturellen
Erfahrung, geht [die Sichtweise von]
Widerstand als eine Kultur verloren. Die
zwei übergeordneten Definitionen bieten
nicht mehr als eine enge Beschreibung. Beide
weisen den Versuch, Widerstand aus dem
Blickpunkt einer Kultur zu erklären, beinahe
immer in die Defensive. Folglich hören wir
immer wieder die gleichen Äußerungen: Nein,
wir sind keine Terrorosten; nein, wir sind
nicht gewalttätig; nein, Hamas ist nicht mit
al-Kaida affiliert; nein, Hizbullah ist kein
iranischer Agent. Ironischerweise sind
israelische Autoren, Intellektuelle und
Akademiker nicht so ehrlich wie ihre
palästinensischen Kollegen, obwohl die
ersteren Aggression eher verteidigen und die
letzteren ihren Widerstand gegen Aggression
verteidigen oder wenigstens zu erklären
versuchen. Ironisch ist auch, dass viele
anstelle eines Versuchs zu ergründen, warum
Menschen Widerstand leisen, lieber
debattieren, wie man ihren Widerstand
unterdrücken kann.
Wenn ich von
Widerstand als Kultur spreche, beziehe ich
mich auf Edward Saids Erläuterung von
„Kultur als Weg, Auslöschung und
Vernichtung zu bekämpfen.“ Wenn Kulturen
Widerstand leisten, sind sie nicht auf
Intrigen und politische Spielchen aus. Sie
setzten Gewalt nicht auf sadistische Weise
ein. Ihre Entscheidungen, ob sie sich im
bewaffneten Kampf engagieren oder
gewaltfreie Methoden einsetzen, ob sie
Zivilisten angreifen odernicht, mit
ausländischen Elementen konspirieren oder
nicht, sind rein strategisch. Sie sind kaum
von direkter Relevanz für das Konzept des
Widerstandes an sich.
Wenn Widerstand „die Aktion der Opposition
gegen etwas ist, dem man nicht zustimmt oder
das man ablehnt,“ dann entwickelt sich eine
Kultur des Widerstandes, wenn eine ganze
Kultur kollektiv entscheidet, dem
abgelehnten Element zu widerstehen -
oftmals ist das eine fremde Besatzung. Diese
Entscheidung wird nicht kalkulierend
getroffen. Sie wird in einem langen Prozess
erreicht, in dem das eigene Bewusstsein, das
Geltendmachen eigener Ansprüche,
Traditionen, kollektive Erfahrungen, Symbole
und viele Faktoren auf spezifische Weise
miteinander reagieren. Dies kann eine neue
Erfahrung für eine Kultue und ihren reichen
Erfahrungsschatz aus der Vergangenheit sein,
aber es ist ein innerer Prozess.
Beinahe wie
eine chemische Reaktion, aber noch
komplexer, weil es nicht immer einfach ist,
die Elemente zu trennen. So ist es nicht
einfach, [die Reaktion] ganz zu verstehen
und –im Fall einer einmarschierenden Armee-
nicht einfach zu unterdrücken. So habe ich
den ersten palästinensischen Aufstand von
1987 zu beschreiben versucht, den ich von
Anfang bis Ende in Gaza durchlebt habe:
Man kann nicht
einfach bestimmte Daten oder Ereignisse
isolieren, die Revolutionen eines Volkes
auslösen. Echte kollektive Rebellion kann
man nicht rationalisieren in einem
stimmigen, logischen Ablauf jenseits von
Zeit und Raum; es ist eher eine Kulmination
von Erfahrungen, die das Individuum mit dem
Kollektiv vereinen, ihr Bewusstsein und
Unterbewusstsein, ihre Beziehung zu ihrer
unmittelbaren und nicht unmittelbaren
Umgebung. All dies prallt aufeinander und
explodiert in einen Ausbruch von Wut, der
nicht unterdrückt werden kann.“ (Mein Vater
War Ein Freiheitskämpfer/My Father Was A
Freedomfighter: Gaza’s Untold Story)
Fremde Besetzer
bekämpfen den einheimischen Widerstand auf
unterschiedliche Weise. Zum Beispiel durch
den Einsatz von Gewalt in variierender
Stärke, um eine Nation zu disorientieren,
zerstören und in gewünschter Weise
wiederaufzubauen( Siehe Naomi Kleins
„Schockdoktrin“). Eine andere Strategie ist
die Schwächung der Komponenten einer Kultur,
die ihr die einzigartige Identität und
innere Stärke geben – und damit die
Fähigkeit einer Kultur zum Widerstand
entschärfen. Die erstere [Methode] erfordert
Waffengewalt, während letzere durch
weiche/indirekte Kontrollmittel erreicht
werden kann. Viele Nationen der ‚Dritten
Welt‘, die auf ihre Souveränität und
Unabhängigkeit stolz sind, existieren
vielleicht in Wirklichkeit unter Besatzung,
aber in Folge ihrer fragmentierten und
überwältigten Kulturen- durch Globalisierung
zum Beispiel- können sie das Ausmass ihrer
Tragödie und Abhängigkeit nicht erfassen.
Andere [Nationen], die sehr wohl unter
Besatzung leben, besitzen eine Kultur des
Widerstandes, die es den Besetzern unmöglich
macht, ihre Ziele zu erreichen.
Während in Gaza die Medien endlos von
Raketen und Israels Sicherheit sprechen und
debattieren, wer wirklich verantwortlich
dafür ist, dass Palästinenser als Geisel im
Gazastreifen gehalten werden, kümmert sich
niemand um die kleinen Kinder, die in Zelten
neben den Ruinen ihrer Häuser leben, die sie
in Israels letztem Angriff verloren haben.
Diese Kinder nehmen an der gleichen Kultur
des Widerstandes teil, die Gaza im Verlauf
von sechs Jahrzehnten erlebt hat. In ihren
Heften zeichnen sie Kämpfer mit Gewehren,
Kinder mit Schlingen, Frauen mit Fahnen,
ebenso drohende israelische Panzer und
Kampfflugzeuge, Gräber mit dem Wort
„Martyrer“ und zerstörte Häuser. Dazwischen
wird das Wort „Sieg“ ständig benutzt.
Als ich den Irak besuchte, sah ich eine
örtliche Version dieser Kinderzeichnungen.
Und während ich die Malhefte afghanischer
Kinder noch nicht gesehen habe, kann ich mir
leicht ihren Inhalt vorstellen.
- Ramzy Baroud (www.ramzybaroud.net)ist
ein international bekannter Kolumnist und
Herausgeber des Palestine Chronicle.com.
Sein neuestes Buch ist My Father Was a
Freedom Fighter: Gaza's Untold Story (Pluto
Press, London), erhältlich bei Amazon.com.
http://www.bilin-village.org/english/articles/testimonies/The-weekend-in-protests
http://www.aljazeerah.info/Opinion%20Editorials/2010/July/20%20o/Beyond%20Violence%20and%20Non-Violence%20Resistance%20as%20a%20Culture%20By%20Ramzy%20Baroud.htm
Übersetzt und
bearbeitet von Martina Lauer
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