Vor einer Woche schon
hatte die 11-jährige
Tahrir Jabar ihren
Schulranzen gepackt, um
in die siebte Klasse zu
starten. Sie band die
alten von ihrer
Schwester geerbten
Bücher in buntes Papier
ein und schob Bleistifte
und den Füller in ihr
Paula-Federmäppchen –
die Ostjerusalemer
Barbie-Version mit einem
prüden, langen Pulli.
Aber als das Schuljahr
begann, wurde sie in der
nahegelegenen Schule im
Shuafat-Viertel aus
Platzmangel nicht
aufgenommen. Die Stadt
war nicht in der Lage,
eine Ausweichschule für
sie zu finden.
Aufgrund nicht
tolerierbarer Umstände
im Ostjerusalemer
Schulsystem gibt es
keine Schulplätze für
hunderte Ostjerusalemer
Kinder, die dazu
verurteilt sind, zu
Hause zu bleiben.
Außerdem haben mehr als
10.000 Kinder aus Jabel
Muchbar und Silwan das
Schuljahr dieses Jahr
nicht antreten können,
nachdem deren Eltern zu
einem Streik aufriefen,
um gegen die untragbar
überfüllten Zustände und
die Kürzungen der
Klassenräume in den
Schulen zu protestieren.
„Die Stadtverwaltung
betreibt eine wohl
überlegte
Diskriminierung gegen
Ostjerusalem“,
meint Ismail Shakart,
Vorsitzender des
Komitees für das
Jabel-Muchar-Viertel.
Rechtsanwalt Dan
Seideman beabsichtigt,
dem Obersten Gerichtshof
eine Klage zu
überstellen und die
Jerusalemer
Stadtverwaltung sowie
das Kultusministerium
der Missachtung des
Gerichtes anzuklagen.
Vor ein paar Jahren
wurde die erste
Rechtsbeschwerde im
Namen von 950 Schülern,
für welche die Behörden
keinen Schulplatz
stellen konnten,
vorgelegt. Das Gericht
wies die Stadt und das
Kultusministerium an,
Klassenzimmer zu bauen,
und die Stadt
verpflichtete sich,
innerhalb von vier
Jahren 245 Klassenräume
bereitzustellen. Seitdem
sind jedoch nur zwei
Klassenräume
eingerichtet worden.
Aufgrund der
Raumknappheit lernen die
Schüler in diesen
Wohnvierteln in
Wechselschichten – die
Hälfte geht von 7.00 Uhr
bis mittags in die
Schule, die andere
Hälfte von Mittag bis um
16.00 Uhr. Andere
wiederum lernen in
provisorischen
Klassenzimmern in
unterirdischen Stollen.
Jedes Jahr nimmt die
Schülerzahl signifikant
zu aber keine neuen
Klassenzimmer stehen zur
Verfügung.
Ein Treffen zwischen den
Elternausschüssen und
der Stadtverwaltung am
letzten Donnerstag
brachte keinerlei
Ergebnisse. Das
Kultusministerium machte
die Bewohner
Ostjerusalems für die
Lage verantwortlich.
„Der
Klassenzimmermangel
resultiert aus der
Weigerung der Bewohner,
Land zu verkaufen, damit
Schulen gebaut werden,
um die natürliche
Bevölkerungsentwicklung
auffangen zu können. Das
Ministerium tut alles,
was zur Problemlösung in
seiner Macht steht,
indem es Häuser, Bunker
und Container mietet,
die als Klassenzimmer
genutzt werden können.
Letzte Woche hat das
Ministerium dem Bau
dreier zusätzlicher
Schulen zugestimmt“
– soweit die
Stellungnahme des
Ministeriums.