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„Unsere einzige Rache ist, Frieden zu schließen“

Der grandiose Roman „Apeirogon“ des irischen Autors Colum McCann schildert, wie eine israelische und eine palästinensische Familie mit dem Mord an einem ihrer Kinder umgeht

Arn Strohmeyer - 1. 10. 2021

Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Wer immer noch glaubt und davon überzeugt ist, dass der Zionismus irgendetwas mit Frieden zu tun hat und Israel ein von Moral geprägter Staat ist, der lese dieses Buch Apeirogon von Colum McCann. Dieser irische Autor hat den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in einem grandios geschriebenen Roman zusammengefasst. Mit unbestechlichem Blick auf das grausam-barbarische Vorgehen der Zionisten gegen ein ganzes Volk, das sich verzweifelt gegen die Unterdrückung und die endgültige Vertreibung aus seinem Land wehrt, analysiert der Autor das Geschehen in Israel-Palästina. Dabei spart er nicht mit historischen und wissenschaftlichen Einschüben, ja bisweilen benutzt er sogar poetische Assoziationen, um klarzumachen, wie schön dieses Land sein könnte, wenn der Wille zum Frieden vorherrschend wäre. Mit der Anwendung der Collage-Technik wechselt ständig die Szene und die Ebene des Erzählens und schafft so eine ganz eigene Atmosphäre der beschriebenen Ereignisse und des Verstehens beim Leser.

Apeirogon ist ein Begriff aus der Geometrie und bezeichnet eine Figur, deren Seiten sowohl zählbar als auch gegen unendlich gehen. Der Autor spielt hier wohl auf die Unendlichkeit des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern an. Oder anders gesagt: Man muss sehr viel Zeit und Geduld aufbringen, wenn man auf ein Ende dieses Konflikts hofft – genauso viel, wie wenn man die Seiten eines Apeirogons zählen will.

Der Roman erzählt authentisch die Geschichte von dem Palästinenser Bassam Aramin und dem Israeli Rami Elhanan. Beide haben Ähnliches erlebt: Bassams zehnjährige Tochter Abir wird, als sie sich in einer Schulpause Süßigkeiten an einem Kiosk gekauft hat, durch den Schuss eines israelischen Soldaten mit einem Gummimantelgeschoss in den Hinterkopf getroffen. Sie stirbt Stunden später in einem Krankenhaus. Ramis Tochter Smadar stirbt bei einem Selbstmordanschlag zweier palästinensischer Attentäter in einem Café in Jerusalem.

Der Tod ihrer Kinder verändert das Leben der betroffenen Familien grundsätzlich. Sie rufen nicht nach Rache, sondern kommen zu der Erkenntnis, dass Gewaltlosigkeit der einzige Weg ist, den Konflikt zwischen ihren beiden Völkern zu lösen. Sie treffen sich zu gemeinsamer Friedensarbeit in der Gruppe Parents Circle mit Eltern, die Ähnliches erlebt haben. Außerdem treten sie gemeinsam in Vortragsveranstaltungen in der ganzen Welt auf, um ihre Botschaft des Friedens und des Verzichts auf Gewalt zu verbreiten, wobei sie immer wieder betonen, dass die Trauer um ihre Kinder ihnen die Kraft zu diesen Aktivitäten gibt.

Der Mut und die Entschlossenheit der beiden Männer für ihre gemeinsame Sache ist umso bewundernswerter, da Beide natürlich durch ihre Vorgeschichte geprägt sind. Bassam kämpfte als Fatah-Mitglied im Widerstand gegen die Zionisten und musste dafür unter furchtbaren Bedingungen – Misshandlungen und Folter – sieben Jahre in einem israelischen Gefängnis verbringen. Rami, der eine zionistische Erziehung genossen hatte, galt nun in seinem Staat als „Aussätziger“ und „Verräter“. Er beschreibt, die rassistische Haltung der Zionisten gegenüber den Palästinensern, die er selbst auch einmal vertreten hat, so: „Die Wahrheit, die schreckliche Wahrheit ist, die Araber waren für mich bloß Dinge, fern, abstrakt, bedeutungslos. Ich nahm sie nicht als reale Menschen wahr. Sie waren gar nicht vorhanden. (…) Ich hätte es nie zugegeben, nicht einmal vor mir selbst, aber sie hätten auch Rasenmäher, Spülmaschinen, Taxis oder Lkws sein können. (…) Ein echter Palästinenser lebt [für Israelis] auf der dunklen Seite des Mondes. Das ist furchtbar, und ich schäme mich dafür. Aber so habe ich damals gedacht.“

An anderer Stelle holt der Israeli Rami Elhanan zu einer schonungslosen Kritik gegen die Politik seines States aus, die er vor allem von Angst bestimmt sieht: „Mit Angst lässt sich Profit machen. Angst schafft Gesetze. Angst stiehlt Land, baut Siedlungen und bringt die Leute zum Schweigen. Und Hand aufs Herz. Wir Israelis sind Experten in Sachen Angst, wir sind davon besessen. Unsere Politiker lieben es, uns in Panik zu versetzen. Wir versetzen uns gegenseitig in Panik. Wir sprechen von Sicherheit, um die Kritiker mundtot zu machen. Aber es geht nicht um Sicherheit, es geht darum, andere Menschen zu beherrschen, ihr Leben, ihr Land, ihren Kopf. Es geht um Kontrolle. Das heißt um Macht. Damals wurde mir schlagartig klar, dass man die Mächtigen mit der Wahrheit konfrontieren muss. Die Mächtigen kennen die Wahrheit, aber sie verheimlichen sie. Also müssen wir unsere Stimme erheben.“

Die Lage der Palästinenser beschreibt Rami so: Wir müssen uns klar machen, dass eine Seite, die Palästinenser vollständig im Abseits steht. Sie besitzen keine Macht. Was sie tun, geschieht aus unsäglicher Wut, Frustration und Erniedrigung.“ Und er fügt hinzu: „Ich bin Jude. Ich liebe meine Kultur und mein Volk sehr, und ich weiß, dass es nicht jüdisch ist, Länder zu besetzen, andere zu beherrschen und zu unterdrücken. Jüdisch sein bedeutet, Recht und Anstand zu wahren. Kein Volk darf ein anderes unterdrücken und selbst in Sicherheit und Frieden leben. Die Besatzung ist weder gerecht noch tragbar. Und gegen die Besatzung zu sein hat nichts mit Antisemitismus zu tun.“

Rami und Bassam sind sich in ihrem Ziel einig, das sie anstreben: „Wir müssen die Besatzung beenden, und dann müssen wir uns zusammensetzen und eine Lösung finden. Ein Staat, zwei Staaten, das spielt im Moment keine Rolle – beendet einfach die Besatzung, und dann kümmert euch darum, dass wir alle ein Leben in Würde führen können.“

Der Autor schildert mit großer Treue zum Detail alle Umstände, die zum Leben der beiden Hauptakteure gehören: den Mord an ihren Kindern, ihren unendlichen Schmerz und die nicht vergehende Trauer, die verlogene offizielle israelische Reaktion (das Militär behauptet, Abir sein durch Steinwürfe palästinensischer Kinder getötet worden), die Verhandlung vor einem israelischen Gericht (überraschenderweise gewann Bassam den Prozess, weil er von einer mutigen israelischen Richterin geleitet wurde) und die politischen Aktivitäten von Rami und Bassam. Ramis Frau, die renommierte israelische Erziehungswissenschaftlerin Nurit Peled Elhanan und Tochter des oppositionellen israelischen Generals Matti Peled, ging sogar so weit Israel für den Mord an ihrer Tochter Smadar durch palästinensische Selbstmordattentäter verantwortlich zu machen: „Die Attentäter sind nicht schuld an den Morden. Sie sind selber Opfer. Die Schuld trägt Israel. Das Blut der Toten klebt an Israels Händen.“ Denn Israel schaffe mit seiner Unterdrückungspolitik erst die Umstände, die zu solchen Morden führten.

Bei allem Bemühen des Autors um Objektivität und dem Bestreben, „beiden Seiten“ in seiner Darstellung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, kommt er nicht umhin festzustellen, wer in diesem Konflikt die gerechte Sache vertritt: die Palästinenser. Dem Leser drängt sich aber unweigerlich die Frage auf, ob angesichts der grausamen israelischen Unterdrückungspolitik der – moralisch sehr hoch zu bewertende – Gewaltverzicht ein geeignetes Mittel sein kann, die Situation zu verbessern.

Angesichts der immensen militärischen Übermacht Israels scheint ein solches Vorgehen angemessen. Dagegen spricht, dass Israel jede noch so friedliche Demonstration der Palästinenser für ihre Rechte mit einer solchen Brutalität niederschlägt – Einsatz von Gummigeschossen und scharfer Munition – , dass Zweifel berechtigt sind, ob man mit pazifistischen Mitteln einem so übermächtigen und grausamen Gegner entgegentreten und ihn zu Zugeständnissen zwingen kann. Es sei daran erinnert, dass der sogenannte „Oslo-Friedensprozess“ erst nach der ersten Intifada möglich war. Ohne Druck von unten und von außen wird Israel keinen Schritt von seiner politischen und militärischen Linie abweichen.

Es gibt nicht viele erzählende Werke über den Nahost-Konflikt. Colum McCann ist da ein großer Wurf gelungen. Er weiß die furchtbare Realität und die poetische Seite Palästinas, die es auch gibt, in genialer Weise miteinander zu verknüpfen, so dass ein grandioses Zeitbild entsteht. Wem für die Lektüre politische Bücher zu trocken sind, sollte zu diesem Roman greifen. Selten ist literarisches Erzählen und zeitgeschichtliche Dokumentation zu einer so gelungenen Symbiose vereint worden.

PS Ich muss am Ender dieser Rezension eine persönliche Anmerkung machen. Es ist eine denkwürdige und faszinierende Sache, wenn man den Hauptprotagonisten eines Romans persönlich kennt. Bassam Aramin hat 2007 den Internationalen Bremer Friedenspreis der Stiftung Die Schwelle bekommen. Er kam selbst mit seiner Tochter Areen in die Hansestadt, um ihn entgegenzunehmen. Ich habe damals bei der Feierstunde im Bremer Rathaus die Laudatio auf ihn gehalten. Er war auch bei meiner Frau und mir zu einem Abendessen zu Gast. Wir hatten ein sehr interessantes Gespräch, in dem wir viel über seine Geschichte und die Lage in Israel/Palästina erfahren haben. Und ich sehe noch die strahlenden Augen von Areen vor mir, als ich ihr an jenem Abend eine Kinderarmbanduhr geschenkt habe…  

 

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