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Nur Imagepflege oder wirklich neue Einsichten?

Der israelische Außenminister Yair Lapid bricht in einer Rede über Antisemitismus mit einigen zionistischen Tabus und hält zugleich am zionistischen Dogma fest

Arn Strohmeyer - 8.08.2021

Israels neue Regierung betreibt intensive Imagepflege, es hat sich seit ihrem Machtantritt zwar nichts geändert im Staat Israel, aber man ist bestrebt, ihn zumindest besser zu „verkaufen“ – eben als ganz „normale“, liberale und friedfertige westliche Demokratie. In diesem Zusammenhang muss wohl auch die Rede des neuen Außenministers Yair Lapid über Antisemitismus gesehen werden, die er kürzlich vor dem Globalen Forum zur Bekämpfung des Antisemitismus in Jerusalem gehalten hat.

In Israel rief sie heftige Reaktionen hervor – positive wie äußerst kritische. So hieß es in der liberalen Tageszeitung Haaretz, die Rede sei von grundlegender Bedeutung für die Geschichte Israels und vielleicht sogar für die Geschichte des jüdischen Volkes. Der frühere Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte die Ausführungen Lapids dagegen „skandalös und unverantwortlich“, weil sie die Einzigartigkeit des Judenhasses in der Geschichte und das Ausmaß der Tragödie des Holocaust in Frage stelle.

Wenn man die offizielle israelische Staatsideologie (den Zionismus) als Maßstab nimmt, hatte Lapid in der Tat einige erstaunliche Aussagen gemacht. So behauptete er, dass der Antisemitismus nur eine Unterart des Rassismus sei, die sich nicht von diesem unterscheide. Wörtlich führte er aus: „Antisemitismus existiert überall. Die Antisemiten waren [im Zweiten Weltkrieg] nicht nur im Budapester Ghetto. (…) Antisemiten waren die Sklavenhändler, die angekettete Sklaven über Bord ins Meer warfen. Antisemiten waren die Angehörigen des Hutu-Stammes in Ruanda, die Angehörige des Tutsi-Stammes massakrierten. Antisemiten sind die muslimischen Extremisten, die im letzten Jahrzehnt 20 Millionen Mitmuslime getötet haben. Antisemiten sind Islamischer Staat und Boko Haram. Antisemiten sind Menschen, die junge Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft zu Tode schlagen.“

Antisemiten sind nach diesem Begriff also Menschen, die im kleinen oder großen Rahmen Massaker begehen und dieses Morden mit einer entsprechenden Ideologie rechtfertigen. Lapid fügt dieser Definition noch hinzu: Antisemiten sind diejenigen, die Menschen nicht wegen ihrer Taten verfolgen, sondern wegen dem, was sie sind, weil sie so geboren wurden. Der moderne Antisemitismus existiere deshalb überall, weil er eben kein nur auf Juden bezogenes Phänomen sei, sondern Teil des allgemein-menschlichen Phänomens des Hasses

Der Hass auf die Juden auf Grund ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft unterscheidet sich Lapid zufolge also nicht von dem Hass, den Angehörige anderer Religionen und Ideologien gegenüber „Andersartigen“ ausüben. Daraus folgt dann ganz automatisch Lapids weitere Aussage, dass das jüdische Volk nicht einzigartig ist – außer der Einzigartigkeit, die es sich selbst zuschreibt. Zwischen dem jüdischen Volk, so Lapid, und anderen Völkern gibt es also keinen Unterschied, die Juden sind nicht das „auserwählte Volk“ und auch nicht das Licht für andere Völker.

Lapid bekräftigte zwar, dass er den Holocaust für einzigartig in der Menschheitsgeschichte halte, sich aber andererseits etwa vom Völkermord der Türken an den Armeniern nur durch sein Ausmaß unterscheide, das im Falle des Holocaust in der Effizienz und Entschlossenheit der Deutschen und an der Technologie gelegen habe, die ihnen zur Verfügung gestanden habe. Der Massenmord der Nazis an den Juden unterscheide sich so gesehen nicht von der Vernichtung eines ganzen Stammes in Afrika oder von Massakern während der Kreuzzüge oder bei den muslimischen Eroberungen. Hat Lapid also den Holocaust relativiert?

Das mögen in der Tat neue Töne in der israelischen Politik sein, nicht aber unter israelischen oder jüdischen Intellektuellen in der Diaspora, die schon viel weiter gedacht und radikalere Positionen vertreten haben. So hatte der amerikanisch-jüdische Historiker Peter Novick schon in den 90er Jahren in seinem inzwischen zum Klassiker gewordenen Buch Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord das Beharren auf der Einzigartigkeit des Holocaust als „unfruchtbares Unterfangen“ bezeichnet. Er schrieb: „Man braucht nur einen Moment lang nachzudenken, um zu erkennen, dass der Begriff der Einzigartigkeit ziemlich leer ist. Jedes historische Ereignis, einschließlich des Holocaust, ähnelt in verschiedener Hinsicht anderen Ereignissen, mit denen es verglichen werden kann, und unterscheidet sich in mehrerlei Hinsicht von ihnen. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede sind ein sinnvoller Diskussionsgegenstand. Nur die Aspekte des Holocaust zu berücksichtigen, die einzigartig waren, und die Aspekte zu ignorieren, die er mit anderen Gräueltaten gemeinsam hatte, und ihn auf der Grundlage dieser Manipulation für unvergleichbar zu erklären, ist hingegen ein intellektueller Taschenspielertrick. Die Behauptung, der Holocaust sei einzigartig – wie die, er sei unfassbar und nicht darstellbar – ist tatsächlich zutiefst beleidigend. Was könnte es anders bedeuten als: ‚Eure Katastrophe ist im Gegensatz zu unserer gewöhnlich, fassbar und darstellbar.‘“

Ganz ähnlich argumentierte in den letzten Jahren der amerikanisch-jüdische Literaturwissenschaftler Michael Rothberg. Er plädiert unter dem Stichwort multidirektionale Erinnerung dafür, den Holocaust eben nicht als einzigartig anzusehen, sondern ihn im Verhältnis zu anderen Gewalterinnerungen zu untersuchen – vor allem denen des Kolonialismus und der Sklaverei. Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, betont er. Nur durch Vergleiche zwischen dem Holocaust und anderen Gewalttaten in der Geschichte könne aber aufgezeigt werden, was manche Ereignisse gemeinsam hätten und was sie unterscheidet. Die Sakralisierung des Holocaust als „einzigartig“ entferne ihn aus dem Bereich des gewöhnlichen historischen Verständnisses.

Norman Finkelstein stellte kritisch fest: „Die Behauptung der Einzigartigkeit des Holocaust ist auch die Behauptung der jüdischen Einzigartigkeit. Nicht das Leiden der Juden machte den Holocaust so einzigartig, sondern die Tatsache, dass Juden litten. Oder: Der Holocaust ist etwas Besonderes, weil Juden etwas Besonderes sind.“

Der israelische Philosoph Jehuda Elkana, der Auschwitz überlebt hat, ging noch weiter. Geschockt von den Gewaltexzessen der israelischen Armee in den besetzten Gebieten schrieb er einen aufsehenerregenden Essay, in dem er bekannte: „Was in Deutschland geschah, kann überall geschehen, in jedem Volk, auch dem meinen.“ Er fragte, was die israelischen Soldaten zu ihren brutalen Taten veranlasse und kam zu dem Schluss, dass eine tiefe, existentielle Furcht, die von bestimmten Interpretationen des Holocaust genährt werde und auf dem Glauben basiere, dass die ganze Welt gegen das jüdische Volk eingestellt sei, der Grund für die israelischen Gewaltexzesse sei.

Die größte Bedrohung für die Zukunft Israels, betonte er, bestehe darin, dass der Holocaust systematisch und gewaltsam in das Bewusstsein der israelischen Gesellschaft eingedrungen sei, selbst in jenen großen Teil, der die Erfahrung des Holocaust gar nicht durchgemacht habe, und selbst in jene Generation, die in Israel geboren und aufgewachsen sei. „Was tun wir, wenn wir Kinder Jahrzehnte lang mehrmals Yad Vashem besuchen lassen? Was sollen Kinder mit solchen Erfahrungen anfangen? Was bezweckt der ernste Appell: ‚Erinnere Dich!‘? Was soll ein Kind mit solchen Erinnerungen tun?“ fragte er. Viele der Bilder jener Schrecken eigneten sich dafür, als Aufruf zum Hass verstanden zu werden.

Er fuhrt fort: „Was uns betrifft – müssen wir vergessen lernen! Heute sehe ich für die Führer der Nation keine wichtigere politische und pädagogische Aufgabe, als für das Leben einzutreten, sich der Gestaltung unserer Zukunft in diesem Lande zu widmen und nicht tagaus tagein nur mit den schrecklichen Symbolen, quälenden Zeremonien und der düsteren Lehre des Holocaust beschäftigt zu sein. Sie müssen die Vorherrschaft dieses historischen ‚Erinnere Dich!‘ über unser Leben unbedingt beenden.“ Elkana erklärte zum Schluss seines Essays noch, wie er das Vergessen verstanden wissen will: Er plädiert nicht dafür, dass die Nation ihre eigene Vergangenheit total vergessen soll, sondern dafür, dass Israel den Holocaust aus der Mitte der nationalen Erfahrung nimmt.

Der israelische Historiker Shlomo Sand bestritt auch die Einzigartigkeit des Holocaust, indem er den monopolistischen israelischen Anspruch auf dieses Mega-Verbrechen in Frage stellte. Er schrieb, es sei richtig gewesen, die Marginalisierung des Judenmordes in der christlich jüdischen Zivilisation zu beenden und ihn zu einer zentralen Komponente im europäischen Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg zu machen. Er fuhr fort: „Doch die neue zionistische und pseudojüdische Politik wollte mehr. Es genügte ihr nicht, dass die Erinnerung an die Ermordeten im westlichen Bewusstsein eingeschrieben war; sie beanspruchte Einzigartigkeit, Exklusivität und die totale Verfügungsgewalt über den Schmerz. Damals begann, was zu Recht als ‚Holocaust-Industrie‘ bezeichnet wird: Diese war darauf aus, das Leiden der Vergangenheit zu maximieren und aus ihm so viel politische Prestige und sogar wirtschaftliches Kapital zu schlagen wie nur möglich. Deshalb wurden nach und nach alle anderen Opfer ausgeblendet, und der Genozid zu einer ausschließlich jüdischen Angelegenheit. Auch jeder Vergleich mit anderen Völkermorden war von nun an untersagt.“

Der israelische Historiker und Philosoph Moshe Zuckermann kritisierte, dass das zionistische Israel den Holocaust von Anfang instrumentalisiert habe und aus ihm eine Legitimationsideologie für die Existenz des jüdisch-israelischen Staates gemacht habe, was aber auch bedeute, dieses Verbrechen selbst gar nicht wirklich erinnert zu haben, sondern nur das mythische Bild von ihm. Er schrieb: „Israel hat sich nie mit einer human universellen, also überjüdisch moralischen Bedeutung des Holocaust als historischem Ereignis von gesamtzivilisatorischer Bedeutung auseinandergesetzt, sondern instrumentalisierte ihn durchgehend bei der vornehmlich interessengeleiteten Verfolgung seiner partikularen, d.h. ideologischen – seiner universellen Dimension wesenhaft fremden – Ziele.“

Yair Lapid scheint aus allen diesen Quellen geschöpft zu haben, ohne sie aber konsequent zu Ende gedacht zu haben – das würde ihn politisch auch in große Gefahr bringen. Denn wenn Lapid so intensiv nach den Gründen für Hass fragt und konstatiert, dass der Hass auf Juden sich nicht von dem Hass auf andere Religionen, Ethnien oder Nationen unterscheidet, liegt ja die Frage nahe, warum die zionistischen Juden die Palästinenser so hassen, sie deshalb so brutal unterdrücken und damit einen schon über 100 Jahre andauernden Konflikt im Nahen Osten verursachen.

Der Grund, warum Lapid dieses heiße Eisen nicht anpackt, ist klar: Die Zionisten müssen ihre bis heute an den Palästinensern begangenen Verbrechen verleugnen und verdrängen, weil sie sonst die Gründungsmythen des Staates Israel, ja das ganze zionistische Projekt in Frage stellen müssten. Ein Eingestehen des den Palästinensern zugefügten Unrechts würde auch bedeuten, dass Israel seinen immer noch aufrechterhaltenen Opferstatus aufgeben und die Palästinenser als Opfer eines permanenten Unrechts anerkennen müsste. Eine für Zionisten unvorstellbare Zumutung!

Lapid müsste zudem einen der Hauptgründe für den heutigen Antisemitismus in der Welt eingestehen: dass der Hass auf Juden seine Ursache in eben dieser brutalen und unmenschlichen Politik Israels gegenüber den Palästinensern hat. Die Grausamkeit der israelischen Besatzungspolitik beschädigt den Ruf aller Juden, auch wenn das undifferenziert und ungerecht ist, denn die Kritik müsste eigentlich nur die Zionisten treffen, denn sie sind in diesem Fall die Täter. Das Judentum ist heute zutiefst in die dem Zionismus anhängenden Nationalisten auf der einen und die Universalisten auf der anderen Seite gespalten, und die Universalisten – also die Vertreter der universalen Menschenrechte – sind die schärfsten Kritiker des israelischen Vorgehens gegen die Palästinenser. Zu diesem ganzen Komplex hat Lapid in seiner Rede aber aus guten Gründen kein Wort gesagt.

Genauso hat er zu einem anderen Aspekt des Antisemitismus geschwiegen, der von israelischen Intellektuellen gegen das zionistische Establishment erhoben wird: dass die israelische Politik den Antisemitismus braucht, ihn in perfider Weise instrumentalisiert, um Kritik an seiner unseligen Besatzungspolitik abzuwehren. Moshe Zuckermann hat es einmal so formuliert: Wenn es keinen Antisemitismus gäbe, müsste Israel ihn erfinden, so dringend brauche es ihn.

Hier knüpft der israelische Holocaust Historiker Daniel Blatman an, er hat den Begriff des funktionalen Antisemitismus geprägt. Blatman leugnet nicht die Existenz von Antisemitismus in den westlichen Gesellschaften, schiebt aber der ultrarechten Politik in Israel die ursächliche Verbreitung von Antisemitismus zu, was natürlich auf den ersten Blick befremden mag, aber seine Sicht hat viel für sich. Er schreibt: „Der traditionelle, vertraute Antisemitismus war gekennzeichnet durch eine vielfältige Feindseligkeit gegenüber Juden und Judentum, die Dämonisierung der Juden, die Beschäftigung mit ihren kollektiven Eigenschaften und ihren Geschäftsbeziehungen sowie Mythen und Stereotypen, die den Juden als inkarnierten Teufel darstellten. Der neue Antisemitismus der heutigen europäischen nationalistischen Populisten, deren Definition Deutschland übernommen hat, könnte als funktionaler Antisemitismus definiert werden. Er basiert auf dem Prinzip, dass jeder, den bestimmte Juden als antisemitisch definieren wollen, als solcher definiert wird.

Mit anderen Worten, es handelt sich nicht mehr um einen Antisemitismus, der zwischen Juden und Nichtjuden nach Kriterien wie Religion, Kultur, Nationalität oder Rasse unterscheidet, sondern um einen, der zwischen Antisemiten und Nicht-Antisemiten unterscheidet, nach Kriterien, die von der israelischen Regierung und von Juden und Nichtjuden, die ihn unterstützen, in Deutschland und anderen Ländern aufgestellt werden.

Was hier geschieht, ist nicht weniger als eine historische Revolution im Verständnis des Antisemitismus: Antisemitische Deutsche definieren nicht mehr, wer Jude ist, der aus der Gesellschaft verbannt werden muss, sondern bestimmte Juden definieren, wer ein Antisemit oder ein Philosemit ist, und die Deutschen nehmen ihre Meinung an. Funktionaler Antisemitismus definiert Juden und Nichtjuden gleichermaßen als Antisemiten, basierend auf einer Reihe von Eigenschaften, die dem aktuellen Nationalismus Israels entsprechen.“ Der funktionale Antisemitismus dient Israel also dazu, jede Kritik an seiner Politik gegenüber den Palästinensern abzuwehren. Mit anderen Worten: Wer diese Politik kritisiert, wird als Antisemit diffamiert – mit all den fatalen Folgen, die das für den Einzelnen oder Kollektive haben kann.

Yair Lapid hat also nicht viel Neues zum Thema Antisemitismus beigetragen. Einige Passagen seiner Rede lassen aufhorchen, weil man solche Töne aus zionistischen Führungskreisen noch nicht vernommen hat. Aber er hat sich gehütet, zum Kern des Problems vorzustoßen, eben dorthin, wo es um die Grundlagen und die Fortexistenz des Zionismus geht. Das sind genau die Fragen, die über Israels Zukunft und den Frieden im Nahen Osten entscheiden.

 

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